Arbeitszeit ist eine zweite Währung geworden, findet Prof. Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability. Sie meint: Es braucht kluge Arbeitszeitmodelle. Auch, um Wettbewerbsfähigkeit weiter sicherzustellen. Im Gespräch führt sie aus, wie das gehen kann, wo KI ins Spiel kommt und wieso es IT-Dienstleister besonders hart trifft.
Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE)
(Bild: simonwegener.de)
ITB: Der Arbeitsmarkt verändert sich gerade dramatisch. Sind deshalb flexible Arbeitszeiten heute eher möglich als noch vor einigen Jahren?
Rump: Man sieht eine Veränderung. Vor einigen Jahren hätten wir noch nicht über eine 4-Tage-Woche diskutiert. Einige Unternehmen nutzen diese, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden und so Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen. Allerdings ist das ein Nullsummenspiel. Denn am Ende des Tages ist die Anzahl der Personen, die auf dem Arbeitsmarkt ihre Arbeitskraft anbieten, eine kleiner werdende Gruppe. Und um diese wird so nur noch mehr gerungen. Wir sehen deshalb sehr deutlich, dass das Thema Arbeitszeit eine zweite Währung geworden ist.
ITB: Die nicht immer im Einklang mit den Unternehmenszielen steht....
Rump: Die Unternehmen wissen, dass sie angesichts der Verschärfung des Fachkräftemangels eigentlich alle Mitarbeiter an Bord halten müssen. Und das am besten so lange wie möglich und mit den höchst möglichen Arbeitszeiten. Damit tut sich nun einen Zielkonflikt auf. Zwischen dem, was die Menschen wollen, und dem, was die Betriebe brauchen. Um das auszubalancieren, brauchen wir kluge Arbeitszeitmodelle.
ITB: Ich höre durch: die Vier-Tage-Woche ist nicht klug?
Rump: Genau. Denn damit hat man den ‚Doppelt-Weniger-Effekt‘, wie ich ihn nenne. Wir haben aufgrund der demografischen Entwicklung sowieso schon weniger Arbeitskräfte, und dann arbeiten diese auch noch weniger. Das kann nicht gutgehen.
ITB: Was ist denn dann die Lösung?
Rump: Wir sollten uns bitte von der Reduktion von Arbeit verabschiede, sondern den Blick mal auf eine Flexibilisierung von Arbeitszeit werfen. Und auf die Möglichkeit, dass Menschen souveräner mit ihrer Zeit umgehen können. Ich kann das Arbeitszeitproblem auch lösen, wenn ich den Menschen mehr Selbstbestimmtheit bei ihrer Zeit zubillige ohne das Arbeitszeitvolumen zu reduzieren. So kommen wir aus dieser Falle heraus.
ITB: Sie sind auch ein Verfechter von lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen. Was verstehen sie darunter?
Rump: Wenn ich den Weg der Flexibilisierung gehe, kann ich nicht nach dem Gießkannen-Prinzip vorgehen. Sondern bin bei sehr individuellen Lösungen und bei einer Lebensphasen-Orientierung. Und das kann eben schon bedeuten, dass einige Mitarbeiter wirklich auch eine 4-Tage-Woche mit 8 Stunden arbeiten – für eine gewisse Zeit. In einer anderen Lebensphase können das dann wieder 40 Stunden bei fünf Tagen werden. Der Punkt ist, dass man so über eine Lebenszeit hinweg flexibel handelt.
ITB: Das Ziel des Lebensphasen-Modelles ist also auch, Mitarbeiter möglichst lange im Unternehmen halten zu wollen. Welche Mittel stehen mir denn dafür zur Verfügung?
Rump: Unternehmen sollten zum Beispiel während einer Elternzeit oder anderen Auszeiten den Kontakt zum Mitarbeiter pflegen. Denn wenn Mitarbeiter lange keinen Kontakt zum Unternehmen haben, dann wird es in dieser schnelllebigen Zeit schwierig wieder einzusteigen und sich zu integrieren. Viele wechseln dann lieber gleich den Arbeitgeber. Also sollten Arbeitgeber den Kontakt halten. Natürlich immer nur, wenn der Mitarbeiter das möchte. Aber sie sollten es aktiv ansprechen. Das können Einladungen zu Betriebsfesten sein, oder zu bestimmten Besprechungen, oder vielleicht auch einmal eine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung. Das kann man ja heutzutage virtuell machen. Damit haben Unternehmen dann ein Bindungsinstrument und diese Person hat das Gefühl, sie ist noch Teil des Teams. Wir nennen das den Klebeeffekt.
ITB: So etwas ist ja auch für andere Lebensphasen denkbar...
Rump: ... ja, zum Beispiel wenn ein Mitarbeiter pflegebedürftige Eltern hat oder statt in Rente zu gehen, lieber noch ein wenig arbeitet..Ich empfehle immer, ein Gespräch zu führen, um auszuloten, was möglich ist und was eben nicht.
ITB: Also Flexibilität, statt 4-Tage-Woche für immer?
Rump: Ja genau, Denn es wird ja vielerorts die Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden mit vollem Lohnausgleich diskutiert. Da sprechen wir dann von einer Lohnerhöhung von 20 Prozent. Das muss man als Unternehmen über eine Produktivitätssteigerung erst einmal wieder hereinholen. Sonst können wir uns das vielleicht eine Zeit lang leisten, aber irgendwann holt uns das dann ein,
ITB: Sie sind kein Verfechter dieses Modells...
Rump: Ganz offen: ich habe wirklich Bedenken. Einerseits wegen des Doppelt-Weniger-Effektes, der dann auch noch mit steigenden Gehältern einhergeht. Um uns das leisten zu können, brauchen wir eine erhebliche Produktivitätssteigerung.
Ich sehe zwar schon Produktivitätsfortschritte in gewisser Weise, aber nicht in der Größenordnung in der kurzen Zeit.
ITB: Betriebe, die die Vier-Tage-Woche ausprobieren berichten aber durchaus von Erfolgen.
Rump: Kein Wunder. Wir nennen dies den Hawthorne-Effekt. In den 1930er-Jahren hat man nämlich festgestellt, wenn Menschen unter Beobachtung stehen oder ein bestimmtes Thema auch im Interesse der Leute ist, dann strengen sie sich ganz besonders an, damit es auf jeden Fall ein Erfolg wird. Die Vier-Tage-Woche ist so ein Fall. Die Mitarbeiter finden sie super, sie arbeiten wie wild. Nehmen sich aber keine Zeit mehr für Küchentalks oder um im Betriebsrestaurant noch ein bisschen länger zu essen. Sie unterhalten sich nicht mehr auf dem Flur, denn sie sind ja nur noch produktivitätsgetrieben. Und das hat Konsequenzen für die Unternehmenskultur und das Betriebsklima. Und zwar keine positiven.
Stand: 08.12.2025
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ITB: Wenn wir mal bei ihrem Szenario bleiben, dass all dies ja irgendwie finanziert werden muss und wir Produktivtätssteigerungen brauchen, dann sind das doch gute Nachrichten für die IT-Dienstleister, oder?
Rump: Unternehmen sind getrieben ihr Geschäftsmodell zu retten. Digitalisierung gilt als ein Hebel und Treiber. Das bedeutet Prozessoptimierung und Prozess-Standardisierung, kombiniert mit Digitalisierung und KI. So kann sich die Drucksituation dann ein wenig lösen, indem man Kollege Roboter, Kollege Algorithmus und Kollegin KI an die Seite von Menschen setzt.
ITB: Ich bleibe dabei, das sind gute Nachrichten für unsere Zielgruppe der IT-Dienstleister.
Rump (schmunzelt): Also arbeitslos wird ihre Branche nicht, ganz im Gegenteil. Umso mehr muss diese aber tatsächlich ihre Leute irgendwie an Bord halten und damit sieht man für den IT-Dienstleister, insbesondere wenn er in dieser Arbeitgeberfunktion ist, vor welch großer Herausforderung er steht. Einerseits müssen Unternehmen alle Zeitreserven heben. Andererseits fordern Mitarbeiter eine Work-Life-Balance. Das ist ein Zielkonflikt und ich sag ihnen ganz offen, ich habe im Moment keine Lösung. Allerdings glaube ich, wenn der Druck größer wird, dann steigt die Kreativität, um Wege zu finden, diesen Druck zu lösen.
ITB: „Wir können lernen das Undenkbare zu denken“ - so habe ich unlängst Stefan Klein aus seinem Buch "Wie wir die Welt verändern" zitiert. Das passiert immer dann, wenn starke Umbrüche auftreten. Und ich glaube, in so einer Zeit befinden wir uns gerade.
Rump: Ich kann Ihnen sogar ein Beispiel nennen. Denken Sie an den Lokführerstreik. Hier wurde auf eine Reduktion der Arbeitszeiten gepocht. Die Bahn hielt dagegen, dass sie sowieso schon zu wenige Lokführer habe. Nun entwickelt Siemens Züge, die ohne Lokführer fahren. In Nürnberg fährt die U-Bahn bereits autonom, zwischen Ingolstadt und Nürnberg und zwischen Köln und Frankfurt braucht es auch schon keinen Lokführer mehr. Der sitzt da nur noch für das gute Gefühl der Passagiere.
ITB: Das Gesetz von Actio und Reactio...
Rump: Ja. Denn nur so kommen sie aus dieser Zwangsumklammerung raus. Jeder, der bei seinem Arbeitgeber offene Ohren für die Vier-Tage-Woche vorfindet, sollte überlegen, ob nicht auch er einen Job hat, in dem er bald durch eine KI ersetzt wird. Hilfreich ist da auch der Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt und Bildungsforschung. Hier bekommt man ein Gefühl dafür was möglich ist.
ITB: Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Rump
Das IBE
Das im Jahr 2002 gegründete Institut für Beschäftigung und Employability IBE widmet sich aktuellen Fragestellungen aus der Welt der Arbeit und stellt dabei den Menschen und das Unternehmen gleichermaßen in den Vordergrund. Das Institut unterstützt Unternehmen und andere Institutionen, ihr Potenzial zu erkennen und auszuschöpfen.
Das IBE hat es sich zum Ziel gesetzt, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege einzuschlagen, die dem Wohl der Unternehmen und der Beschäftigten dienen.
Die inhaltlichen Schwerpunkte des Instituts liegen in den Bereichen Megatrends, Neue Normalität, Krisenmanagement, Beschäftigung und Employability, lebensphasenorientierte Personalpolitik, Fachkräftesicherung, Strategische Personalplanung, Diversity, Agile Organisation, Mobile Arbeit, Zeitpolitik, Transformation, Demokratisierung von Führung und New Work.