Bitkom-Studie: Deutschlands Digitalpolitik vor dem Reset? Ampel versagt bei Digitalisierung: Note 4,7 für die scheidende Regierung

Von Berk Kutsal 4 min Lesedauer

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Deutschlands Wirtschaft stellt der scheidenden Bundesregierung ein vernichtendes Zeugnis aus: Die Digitalpolitik der Ampel-Koalition wird im Schnitt mit der Note 4,7 bewertet – mangelhaft. Trotz ambitionierter Pläne bleiben regulatorische Hürden, schleppender Netzausbau und zögerliche Investitionen große Hemmschuhe. Kann die nächste Regierung den digitalen Stillstand aufbrechen?

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst: „Die neue Bundesregierung muss einen Re-Start in der Digitalpolitik wagen – und zwar von Tag eins an. Was wir brauchen sind wirksame Maßnahmen bereits in den ersten 100 Tagen.“ (Bild:  Hasselblad H5D)
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst: „Die neue Bundesregierung muss einen Re-Start in der Digitalpolitik wagen – und zwar von Tag eins an. Was wir brauchen sind wirksame Maßnahmen bereits in den ersten 100 Tagen.“
(Bild: Hasselblad H5D)

Die Digitalpolitik der Bundesregierung hat ihren Tiefpunkt erreicht – zumindest, wenn es nach der deutschen Wirtschaft geht. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage* unter 603 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern zeigt, dass die Ampel-Koalition in Sachen Digitalisierung durchgefallen ist. Mit der Durchschnittsnote 4,7 quittieren die Befragten der Regierung ein „mangelhaft“.

Dabei sind es nicht nur Einzelaspekte wie schleppender Glasfaserausbau oder die lahmende Verwaltungsdigitalisierung, sondern eine Kette struktureller Defizite, die Deutschland immer weiter ins digitale Mittelfeld abdriften lassen.

Netzpolitik: Zu viele Vorschriften, zu wenig Fortschritt

Deutschland ist im internationalen Vergleich ein digitaler Nachzügler. Während in Estland und Dänemark digitale Identitäten längst Standard sind und Unternehmen Behördengänge in Sekunden online abwickeln, kämpfen deutsche IT-Abteilungen mit einem Dschungel aus Vorschriften. Gerade der Datenschutz wird von Unternehmen zunehmend als Innovationsbremse gesehen. 88 Prozent der Befragten halten ihn für ein Hemmnis, das pragmatischer ausgelegt werden sollte. Dass Datenschutz essenziell ist, steht außer Frage – doch wenn er zur Blockade wird, verliert der Standort Deutschland an Attraktivität.

Auch der Netzausbau leidet unter Regulierung und Fragmentierung. Während in den USA und China 5G-Standalone-Netze bereits flächendeckend aktiv sind und erste Vorbereitungen für 6G laufen, müssen deutsche Unternehmen oft noch mit 4G-Funklöchern kämpfen. Das Glasfaserziel der Regierung bleibt eine ferne Vision: Zwar hat der Ausbau Fahrt aufgenommen, doch langwierige Genehmigungsverfahren und hohe Kosten bremsen den Fortschritt aus.

Während digitale Technologien wie Big Data, IoT und KI für die Wettbewerbsfähigkeit als essenziell gelten, bleibt die tatsächliche Umsetzung in Unternehmen oft hinter den Erwartungen zurück. Besonders Künstliche Intelligenz wird als wichtig erachtet, kommt aber erst in 17 % der Unternehmen zum Einsatz.(Bild:  Bitkom)
Während digitale Technologien wie Big Data, IoT und KI für die Wettbewerbsfähigkeit als essenziell gelten, bleibt die tatsächliche Umsetzung in Unternehmen oft hinter den Erwartungen zurück. Besonders Künstliche Intelligenz wird als wichtig erachtet, kommt aber erst in 17 % der Unternehmen zum Einsatz.
(Bild: Bitkom)

KI, IoT & Co.: Deutsche Firmen hinken hinterher

Ein weiteres Problem: Digitale Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und das Internet of Things (IoT) werden nur zögerlich adaptiert. Während 97 Prozent der befragten Unternehmen Big Data als entscheidend für ihre Zukunft sehen, setzen nur 44 Prozent die Technologie bereits ein. Noch eklatanter ist der Rückstand bei KI: 90 Prozent halten sie für wettbewerbsrelevant, aber nur 17 Prozent haben konkrete Implementierungen. Dass Deutschland bei der Entwicklung von KI-Technologien hinterherhinkt, alarmiert Branchenexperten. „Weniger als jedes fünfte Unternehmen, das KI eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit zumisst, setzt selbst auch KI ein“, warnt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.

Ein Lichtblick zeigt sich immerhin im Bereich Industrial IoT: 37 Prozent der Unternehmen nutzen bereits IoT-Lösungen, 45 Prozent planen zumindest die Einführung. Doch die Implementierung bleibt herausfordernd. Viele Unternehmen kämpfen mit Kompatibilitätsproblemen, Sicherheitsbedenken und mangelnder Standardisierung. Ohne einheitliche Schnittstellen und eine strategische Digitalpolitik wird Deutschland seinen Platz als Industrie-4.0-Vorreiter nicht halten können.

Investitionsstau und Fachkräftemangel

Neben regulatorischen Hürden sind es vor allem fehlende Investitionen und der Fachkräftemangel, die die Digitalisierung ausbremsen. Zwar planen 29 Prozent der Unternehmen, ihre Digitalinvestitionen zu erhöhen, doch das reicht nicht aus, um den Rückstand aufzuholen. Besonders dramatisch: 7 Prozent der Unternehmen sehen ihre Existenz durch die Digitalisierung bedroht.

Auch die IT-Branche selbst warnt vor einem Kollaps. Fehlende Fachkräfte machen es Unternehmen schwer, ihre digitale Infrastruktur zukunftssicher aufzustellen. Während asiatische und US-amerikanische Konzerne gezielt auf globale Talente setzen, bremst Deutschland sich mit bürokratischen Hürden für ausländische IT-Experten selbst aus. Laut Bitkom halten 64 Prozent der Unternehmen die Anwerbung ausländischer IT-Fachkräfte für eine zentrale Aufgabe der nächsten Regierung.

Die deutsche Wirtschaft sieht ihre eigene Digitalisierung als Problem: 82 % der Unternehmen betrachten die wirtschaftliche Krise auch als Folge mangelnder digitaler Transformation. 73 % beklagen bereits den Verlust von Marktanteilen durch zu langsame Digitalisierung.(Bild:  Bitkom)
Die deutsche Wirtschaft sieht ihre eigene Digitalisierung als Problem: 82 % der Unternehmen betrachten die wirtschaftliche Krise auch als Folge mangelnder digitaler Transformation. 73 % beklagen bereits den Verlust von Marktanteilen durch zu langsame Digitalisierung.
(Bild: Bitkom)

Die nächsten 100 Tage: Was muss passieren?

Bitkom fordert einen radikalen Kurswechsel in der Digitalpolitik und hat einen „100-Tage-Digitalplan“ vorgelegt. Zu den Kernforderungen gehören:

  • Ein eigenständiges Digitalministerium: Die digitale Zuständigkeit darf nicht länger auf verschiedene Ministerien verteilt sein.
  • Schriftformerfordernisse abschaffen: Generalklauseln sollen ermöglichen, dass Dokumente digital statt in Papierform verarbeitet werden können.
  • Regulierungsstopp für Digitalunternehmen: Weniger Bürokratie für Startups und Tech-Firmen, um Innovationen nicht auszubremsen.
  • Schnellere Genehmigungsverfahren für den Breitbandausbau: Behörden sollen Infrastrukturmaßnahmen priorisieren.
  • Förderung von KI und Cloud-Technologien: Deutschland muss mit gezielten Investitionsanreizen zur KI-Nation aufsteigen.

TRANSFORM 2025: Bitkom setzt auf Praxisbeispiele

Am 19. und 20. März will Bitkom auf der TRANSFORM 2025 in Berlin Lösungen für die schleppende Digitalisierung präsentieren. Die Veranstaltung bringt Wirtschaft und Politik zusammen, um digitale Erfolgsstrategien zu diskutieren. Mit über 200 Stunden Programm, Praxis-Workshops und Keynotes von Branchenexperten sollen konkrete Lösungsansätze vermittelt werden.

Neben hochkarätigen Unternehmensvertretern werden auch Politiker wie Finanzminister Dr. Jörg Kukies und Ministerpräsident Alexander Schweitzer erwartet. Die zentrale Frage: Wie kann Deutschland den digitalen Anschluss halten und die Digitalisierung als Wachstumsmotor nutzen? Die Antwort bleibt offen – doch eins ist sicher: Abwarten ist keine Option mehr.

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*Hinweis zur Methodik: Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverband Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland telefonisch befragt. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 2 bis KW 7 2025 statt. Die Umfrage ist repräsentativ.

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