Preisverdächtig Olympia-Schwimmhalle Paris: Geheizt mit Datacenter-Abwärme

Von lic.rer.publ. Ariane Rüdiger 5 min Lesedauer

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Die olympischen Spiele 2024 setzten Rekorde – unter anderem bei der Nachhaltigkeit. Ein Beispiel: Erstmalig wurde ein olympischer Pool von Abwärme eines Equinix-Rechenzentrums erwärmt. Im jährlichen „Global Interconnection Index“ (GXI), den Equinix erhebt, ist Nachhaltigkeit jetzt Top-Thema.

Equinix beliefert mit der Abwärme dreier Rechenzentren städtische Einrichtungen und Wohnungen - unter anderem in Paris, wo das Olympia-Schwimmstadion damit geheizt wird. (Bild:   / CC BY )
Equinix beliefert mit der Abwärme dreier Rechenzentren städtische Einrichtungen und Wohnungen - unter anderem in Paris, wo das Olympia-Schwimmstadion damit geheizt wird.
(Bild: / CC BY )

Als die Hallenschwimmer während der Olympiade 2024 in Paris um Medaillen kämpften, wurde ihr Wasser mit Rechenzentrumsabwärme von Equinix`innovativem Rechenzentrum „PA10“ beheizt. Dazu sollen noch rund 1.600 Wohnungen und Betriebe auf einem Areal von 260.000 Quadratmeter im Pariser Stadtviertel Saint Denis von der Abwärme profitieren. Auf dem Dach der Schwimmhalle produzieren zudem auf 5.000 qm Solarzellen Strom.

Auf dem Dach des 2023 gebauten Co-Location-Rechenzentrums PA10 wiederum stehen insgesamt 430 Meter lange Gewächshäuser. Dort wird Gemüse gezüchtet - ebenfalls mit der Abwärme.

Die Ernte geht an spezielle Läden für bedürftige Pariser, was man wohl von der Rechenleistung nicht wird annehmen können. Die Abwärme allerdings erhält Paris in den nächsten fünfzehn Jahren ebenfalls kostenlos. Sie fließt an die städtische Entwicklungszone „Plaine Saulnier“.

25 bis 30 Grad Abwärmetemperatur reichen

Dabei verlässt die Abwärme die luftgekühlten Rechner mit einer Temperatur von 25 bis 30 Grad. Sie wird dann durch Lüfter an Rohren mit einer Flüssigkeit vorbeigepustet.

Die Flüssigkeit nimmt die Wärme dabei aufnimmt, während sich die Luft abkühlt, und fließt erwärmt weiter zu Übergabepunkten ans Fernwärmenetz. Dort hebt der Energieversorger vor der Einspeisung per Wärmepumpe das Wärmeniveau auf 60 Grad an.

Das zeigt: Bei gutem Willen und beiderseitigem Interesse geht es auch ohne endlose Debatten darüber, wo die nötige Wärmepumpe am besten zu installieren wäre, wer dafür zahlt und ob Abwärmenutzung auch bei Niedertemperaturabwärme funktioniert – Das sind einige der vielen Themen, die die Datacenter-Abwärmenutzung in Deutschland behindern.

Mehr Abwärmenutzung geplant

Geht es nach Equinix, ist dies erst der Anfang. Das Unternehmen experimentiert bei Abwärmenutzung mit weiteren Rechenzentren und steckt, so eine Pressemitteilung von Anfang September, auf dem Weg über grüne Schuldverschreibungen 750 Millionen Dollar in Nachhaltigkeitsinitiativen.

Equinix verwendet Abwärmenutzung derzeit in zwei weiteren IBX-KCo Locations-Rechenzentren, beide in Helsinki. Das erste in Helsinki startete die Praxis bereits 2010 und versorgt seit damals in der Nähe liegende Wohnungen mit Fernwärme. Ein weiteres dort ist inzwischen gefolgt.

Die Olympia-Schwimmhalle besticht durch atemberaubendes Design und innovative Technik.(Bild:  sbp)
Die Olympia-Schwimmhalle besticht durch atemberaubendes Design und innovative Technik.
(Bild: sbp)

In Toronto beliefert Equinix mit der Abwärme seines Datacenter „TR5“-IBX das Markham District Fernwärmenetz. Es verteilt die Abwärme weiter an mehrere Wohngebäude, ein Hotel, ein Krankenhaus und ein lokales Einkaufzentrum in der Gegend. Außerdem liefert Markham District in verschiedene Gebäude des Bezirks ganzjährig warmes Wasser.

Kohlendioxid-Einsparpotentiale

Um seine Ziele bei der Abwärmenutzung zu erreichen, Co-Location-Spezialist wendet sich nun an Partner wie Energiedienstleister, Fernwärmenetzbetreiber, Gemeindeverwaltungen und andere Organisationen, die Bedarf an Abwärme haben. Equinix plant, solche Initiativen baldmöglichst auf weitere Rechenzentren auszudehnen.

Mit einem 20-Megawatt-Rechenzentrum lassen sich, so Equinix, die Emissionen von 13.000 Fahrzeugen mit einem Jahresausstoß von 1,2 Tonnen CO2 pro Fahrzeug einsparen. Das entspricht einem Benziner mit sechs Liter Verbrauch und einer jährlichen Fahrleistung von nur 9.000 Kilometern, ist also sehr optimistisch gerechnet. Die verwendeten Berechnungsgrundlagen für die Umrechnung stehen hier.

Immer mehr Nachhaltigkeitsvorschriften für Rechenzentren

Die Initiativen sind wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Regulierung beispielsweise in Deutschland und Großbritannien keinen anderen Weg mehr lässt. Laut Equinix gibt es bereits 600 Vorschriften in 84 Ländern, die Nachhaltigkeitsvorgaben für Datacenter machen.

Das Equinix-Rechenzentrum „PA10“ fälltt durch freundliche Farbgebung auf. (Bild:  Equinix)
Das Equinix-Rechenzentrum „PA10“ fälltt durch freundliche Farbgebung auf.
(Bild: Equinix)

Weniger dürften es kaum werden. Das bedeutet für die Branche geradezu einen Zwang zum nachhaltigen Wirtschaften. Was ohne diesen Zwang geschähe, mag sich jeder selbst ausmalen.

Heizwärme für acht Millionen Wohnungen

Tatsächlich könnten sich Rechenzentren laut Equinix weltweit mit derzeit 77 Terawattstunden (TWh) Abwärme am Wärmebedarf von Häusern, Wohnungen und Gebrauchsgebäuden beteiligen. Das entspricht etwa dem Wärmebedarf von acht Millionen Wohnungen in gemäßigten Klimazonen.

Und da die Branche und die Zahl der Rechenzentren wächst und wächst, dürfte dieses Abwärmepotential weiter steigen. Dass dafür nicht unbedingt die - wie Abwärmenutzung - ebenfalls notorisch umstrittene Wasserkühlung nötig ist, beweist das Projekt in Paris ebenfalls.

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Nur grün skalieren digitale Geschäftsmodelle

Der aktuelle GXI offenbart auch, dass es sich bei Nachhaltigkeit für Rechenzentrum um ein unvermeidbares Muss handelt. Vernetzte Rechenzentren seien, so die 2024er Ausgabe, das unverzichtbare globale Rückgrat der gesamten Wirtschaft.

Blick über das begrünte Dach auf einen Teil der Einrichtungen des Kühlkreislaufs von „PA10“(Bild:  Equinix)
Blick über das begrünte Dach auf einen Teil der Einrichtungen des Kühlkreislaufs von „PA10“
(Bild: Equinix)

Fast alle Unternehmen bieten digitale Geschäftsmodelle an. „Nachhaltigkeit ist eine Grundvoraussetzung für die Skalierung des digitalen Geschäfts“, heißt es nüchtern und kurz angebunden auf Seite 7 des GXI-Reports.

Mehr Konnektivität über Hubs

Diese Trends nutzen Co-Location-Anbieter wie Equinix, setzen sie in Sachen Nachhaltigkeit aber auch unter Druck. Denn die sie betreffenden Kohlendioxidausstöße der Mietrechenzentren schlagen bei den Kunden zu Buche. Und dieses Volumen steigt.

Den Trend stützt, dass immer mehr Unternehmen ihren Konnektivitätsbedarf nicht mehr über das öffentliche Internet decken. Vielmehr schalten sie Verbindungen direkt zwischen Unternehmen und Providern, und zwar meist direkt in den digitalen Hubs - lassen schalten.

Auf dem begrünten Dach des Eqinix-Rechenzentrums „PA10“ in Paris wachsen in 430 Meter langen Gewächshäusern unter anderem Tomaten.(Bild:  Equinix)
Auf dem begrünten Dach des Eqinix-Rechenzentrums „PA10“ in Paris wachsen in 430 Meter langen Gewächshäusern unter anderem Tomaten.
(Bild: Equinix)

Die Konnektivität über Hubs (Interconnectivity) wächst mit 48 Prozent erheblich schneller als das allgemeine Internet, wobei dieses größer ist. Das deutet darauf hin, dass sich die ehemals komplett offene Infrastruktur Internet in immer mehr abgeschottete Privatinseln hoher Konnektivität, Sicherheit und Leistung parzelliert, die teuer sind. Der Rest ist zwar günstig, aber notorisch unsicher.

Mehr Zusammenarbeit, mehr Vernetzung

Der Grund: Die digitalen Angebote der Unternehmen werden immer öfterin Kooperation erstellt. Laut GXI arbeiten 80 Prozent der G2000 beispielsweise mit vier Hyperscalern und 30 SaaS/Geschäftspartnern zusammenarbeiten. Und 80 Prozent werden bis 2026 ihre Infrastruktur abonnieren.

Die Rechner im Whitespace von „PA10“ übergeben Abwärme mit 25 bis 30 Grad mittels Lüftern an mit kühler Flüssigkeit gefüllte Leitungen.(Bild:  Equinix)
Die Rechner im Whitespace von „PA10“ übergeben Abwärme mit 25 bis 30 Grad mittels Lüftern an mit kühler Flüssigkeit gefüllte Leitungen.
(Bild: Equinix)

Vorreiter der digitalen Wirtschaft wüssten sowohl um die Digitalisierungs- als auch die Nachhaltigkeitstrends und würden deshalb hier vorangehen. Wer hinterher zockele, habe es später um so schwerer, den Vorsprung der schnelleren Player einzuholen.

Viele Verantwortliche zögern zum eigenen Nachteil

Doch erst die Hälfte der Vorstandsvorsitzen, so der GXI weiter, investieren in F&E für nachhaltige Innovationen. Zudem vertraut nur jeder fünfte Verbraucher Nachhaltigkeitsinnovationen von Unternehmen.

Dabei können Firmen, so der Equinix-Report, ohne solche Investitionen gerade auch im digitalen Bereich ihre Glaubwürdigkeit verringern. Und das koste möglicherweise einen wichtigen Teil ihres Wachstums- und Umsatzpotentials, schreibt Equinix. Genau dies kann sich aber in die deutsche Digitalwirtschaft, die global eher hinterherhinkt, in ihrem wettbewerbsintensiven internationalen Umfeld nicht leisten.

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