EU Chips Act EU-Rechnungshof kritisiert: Aktuelle Chipstrategie der EU geht nicht auf

Von Sebastian Gerstl 2 min Lesedauer

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Die EU wird kaum wie geplant bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent am Weltmarkt für Mikrochips erreichen. Zwar habe das Chip-Gesetz der EU der europäischen Mikrochip-Industrie neuen Schwung verliehen, doch werde sich die Position der EU in dieser Branche wohl nicht wesentlich verbessern.

Die europäische Chipstrategie muss dringend einem Realitätscheck unterzogen werden, urteilt der Europäische Rechnungshof: Die beschlossenen Maßnahmen, die noch unter dem Druck drohender Lieferengpässe während der Corona-Pandemie angestoßen wurden, können den tatsächlich herrschenden Marktverhältnissen nicht standhalten.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Die europäische Chipstrategie muss dringend einem Realitätscheck unterzogen werden, urteilt der Europäische Rechnungshof: Die beschlossenen Maßnahmen, die noch unter dem Druck drohender Lieferengpässe während der Corona-Pandemie angestoßen wurden, können den tatsächlich herrschenden Marktverhältnissen nicht standhalten.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Die EU verfolgt ambitionierte Ziele in der Mikrochip-Industrie – allen voran das 20-Prozent-Ziel bis 2030. Doch ein aktueller Bericht des Europäischen Rechnungshofs zeigt: Die Strategie steht auf wackeligem Fundament. Trotz politischer Initiativen und Investitionsversprechen ist Europa weit davon entfernt, eine signifikante Rolle auf dem globalen Chipmarkt zu spielen.

Realitäts-Check dringend erforderlich

„Die EU muss ihre Strategie für die Mikrochip-Industrie dringend einem Realitäts-Check unterziehen“, schreibt Annemie Turtelboom, die als Mitglied des Europäischen Rechnungshofs für den Bericht zuständig ist, in einer Stellungnahme zum Bericht. „Die Entwicklung in der Branche ist rasant, und es gibt einen intensiven geopolitischen Wettbewerb. Wir hinken unseren ehrgeizigen Zielen derzeit weit hinterher.“

Das Chip-Gesetz, gemeinhin als EU Chips Act bezeichnet und 2022 eingeführt, sollte Europas Halbleiterindustrie stärken, Lieferengpässe künftig vermeiden und technologische Souveränität schaffen. Auf dem Papier sind 86 Milliarden Euro bis 2030 eingeplant, doch nur ein Bruchteil davon – rund 4,5 Milliarden Euro – stammt aus dem EU-Haushalt. Der Rest soll von den Mitgliedstaaten und der Industrie kommen. Im Vergleich: Allein die drei führenden globalen Hersteller investierten zwischen 2020 und 2023 rund 405 Milliarden Euro.

Es fehlt an Eigendynamik – und an notwendigen Strukturen

Der Rechnungshof kritisiert, dass das 20-Prozent-Ziel kaum erreichbar sei. Um es zu erfüllen, müsste Europa seine Produktionskapazitäten innerhalb weniger Jahre vervierfachen – eine Entwicklung, für die bisher weder eine Dynamik noch die nötigen Strukturen erkennbar seien. In ihrer jüngsten Prognose rechnet die EU-Kommission selbst nur mit einem moderaten Anstieg des Marktanteils von 9,8 Prozent (2022) auf 11,7 Prozent im Jahr 2030.

Ein zentrales Problem: Die Umsetzung des Chip-Gesetzes erfolgt ohne klar definierte Ziele, ohne belastbare Wirkungskontrolle und ohne ein Mandat zur Koordination nationaler Investitionen. Die Folge: ein Flickenteppich an Projekten, bei dem Effizienz und strategische Ausrichtung fehlen. Hinzu kommt die starke Konzentration der Industrie auf wenige Großunternehmen – fällt ein Projekt aus, kann das die gesamte Branche aus dem Takt bringen.

Strukturelle Herausforderungen wie hohe Energiekosten, Abhängigkeit von Rohstoffimporten, geopolitische Risiken, regulatorische Unsicherheit und der anhaltende Fachkräftemangel erschweren zusätzlich die Entwicklung. Auch technologisch ist Europa ins Hintertreffen geraten: Die Produktion von Chips auf 300-mm-Wafern – entscheidend für High-End-Anwendungen – findet kaum noch innerhalb Europas statt. Bereits 2014 lag der europäische Anteil daran bei unter einem Prozent.

Die heiße Nadel aus der Pandemiezeit birgt keinen Langzeitnutzen

Politisch wurde das Chip-Gesetz unter großem Zeitdruck entworfen – als Reaktion auf die pandemiebedingten Lieferengpässe. Dabei wurden bewährte Verfahren wie Marktanalysen und Folgenabschätzungen weitgehend übergangen, bemängelt der EU-Rechnungshof. Der Druck, schnell zu handeln, hat zu einem strategischen Flickwerk geführt, dem es an Substanz mangelt.

Die Schlussfolgerung: Auch wenn der Wille zur Stärkung der europäischen Halbleiterindustrie da ist, stellt mittlerweile auch der Rechnungshof der EU fest, dass die beschlossenen Maßnahmen nicht ausreichen: Die EU brauche mehr als Absichtserklärungen. Ohne realistische Ziele, belastbare Finanzierung, klare Zuständigkeiten und gezielte Förderung technologischer Schlüsselbereiche droht das Chip-Gesetz, nicht mehr als eine verpasste Gelegenheit darzustellen.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Elektronikpraxis.

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