Aktuelle Marktanalyse von Gartner Digitale Souveränität wird strategisch

Ein Gastbeitrag von René Büst 4 min Lesedauer

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Immer mehr Unternehmen erkennen, wie kritisch die Kontrolle über ihre Daten, Systeme und Technologien geworden ist. Digitale Souveränität gilt längst nicht mehr als Nischenthema – sondern als strategisch unabdingbar. Doch was heißt das konkret? Welche Lösungen gibt es – und wie entwickelt sich der Markt? Eine Analyse über Chancen, Herausforderungen und notwendige Weichenstellungen.

Der Markt für digitale Souveränität ist noch jung – aber in Bewegung. Eines ist allerdings schon absehbar, dass kein Anbieter eine Komplettlösung für alle Souveränitätsbedarfe liefern kann.(Bild: ©  Mark - stock.adobe.com)
Der Markt für digitale Souveränität ist noch jung – aber in Bewegung. Eines ist allerdings schon absehbar, dass kein Anbieter eine Komplettlösung für alle Souveränitätsbedarfe liefern kann.
(Bild: © Mark - stock.adobe.com)

Digitale Souveränität ist ein hochaktuelles Thema – und doch keines mit klaren Grenzen. Der Markt für digitale Souveränitätslösungen ist ein Geflecht aus Technologien und Dienst­leistungen, die darauf abzielen, fremden Einfluss auf Daten und IT-Abläufe zu begrenzen – und gleichzeitig die Einhaltung nationaler Vorschriften zu gewährleisten. Der Fokus liegt auf Lösungen, die sowohl den Schutz sensibler Daten als auch die Kontrolle über Prozesse und technologische Infrastrukturen sicherstellen.

Zum Markt gehören unter anderem: Datenverschlüsselung und Schlüsselverwaltung, Zugriffs- und Identitätsmanagement, datensouveräne Cloud-Plattformen, lokal gehostete Dienste sowie Audit-, Governance- und Kontrollfunktionen. Das Spektrum reicht von Hardware-basierten Sicherheitsmodulen über lokale Private-Cloud-Lösungen bis hin zu vollständig abgekoppelten Cloud-Systemen. Auch hybride Szenarien spielen eine immer größere Rolle, etwa wenn globale Hyperscaler mit lokalen Partnern zusammenarbeiten, um Anforderungen an nationale Souveränität zu erfüllen.

Was den Markt derzeit bewegt

Getrieben wird das Thema digitale Souveränität durch eine Vielzahl an Faktoren. Nicht zuletzt durch geopolitische Spannungen, neue Regulierungen und die wachsende Bedeutung von KI. Gerade Unternehmen mit sensiblen Daten – etwa im öffentlichen oder kommerziellen Sektor – fragen sich zunehmend: Wer hat Zugriff auf unsere Daten? Wo und unter wessen Rechtshoheit liegen sie?

Weltweit setzen Regierungen neue Impulse. Regionen wie Europa, der Nahe Osten, Lateinamerika, Asien/Pazifik, Kanada, Mexiko und China sehen sich mit zunehmenden Risiken durch die Nutzung von Cloud-Infrastrukturen konfrontiert, die sich außerhalb ihrer Gerichtsbarkeit befinden.

Drei Trends stechen hervor:

  • Entkopplung von Infrastrukturen: Unternehmen wollen nachvollziehen, wo ihre Daten verarbeitet werden – und im Zweifel auf lokale Infrastruktur ausweichen können.
  • Re-Lokalisierung von Betriebsteams: Dienste sollen zunehmend durch lokale Partner oder Tochterfirmen betrieben werden, die nicht unter ausländische Rechtsprechung fallen.
  • Souveränitätszertifizierungen: Anbieter versuchen, ihre Lösungen durch Auditberichte, Sicherheitszertifikate oder Partnerschaften mit nationalen Playern abzusichern.

Die Folge ist eine steigende Nachfrage nach Lösungen, die regionale Kontrollmöglichkeiten stärken – von externem Schlüsselmanagement bis hin zu vollständig abgekoppelten IT-Umgebungen.

Handlungsfelder für Unternehmen: Wo jetzt Entscheidungen gefragt sind

Für Unternehmen ergeben sich daraus klare Handlungsfelder. An erster Stelle steht die strategische Standortbestimmung: Was bedeutet digitale Souveränität für unser Geschäftsmodell? Geht es vor allem um Datenschutz, um Kontrollrechte – oder um technologische Autonomie?

Ein zweiter wichtiger Schritt ist die Risikoanalyse entlang der drei Souveränitätsprinzipien:

  • 1. Zieldefinition: Welche Souveränitätsprinzipien stehen im Fokus – Daten, Betrieb oder Technologie?
  • 2. Impact-Analyse: Welche Geschäftsprozesse sind betroffen, welche regulatorischen Anforderungen gelten?
  • 3. Lösungsarchitektur: Welche Technologien und Anbieter können die definierten Anforderungen abdecken – und in welcher Kombination?

Dabei gilt: In den meisten Fällen wird ein einzelner Anbieter nicht alle Anforderungen erfüllen. Ratsam ist also, verschiedene Lösungen modular zu kombinieren und gleichzeitig auf Transparenz, Governance und Interoperabilität zu achten.

Lösungsansätze: Was heute möglich ist

Lösungen für digitale Souveränität lassen sich diesen drei Prinzipien zuordnen:

Datensouveränität:
Hier kommen unter anderem externe Schlüsselverwaltung (EKM), Hardware-Sicherheitsmodule (HSM), vertrauliche Datenverarbeitung und die Durchsetzung von Datenresidenzrichtlinien zum Einsatz. Ergänzt wird dies durch Identitäts- und Zugriffsmanagement sowie Auditfunktionen zur Kontrolle von Cloud-Ressourcen.

Operative Souveränität:
Diese wird durch lokal betriebene Cloud-Umgebungen, proaktive Audits, kontrollierte Betriebsprozesse und inländische Partner unterstützt. In vielen Fällen setzen Anbieter Tochtergesellschaften oder dedizierte Teams ein, um den Betrieb unabhängig von ausländischen Einflüssen zu gestalten.

Technologische Souveränität:
Die höchste Form der Unabhängigkeit wird durch vollständig isolierte Bereitstellungen erreicht, sogenannte „air-gapped“ Umgebungen. Hier behält der Kunde vollständige Kontrolle über Software, Hardware und Betrieb. Als Beispiel sind hier Oracle Cloud Isolated Region oder die Google Distributed Cloud als Angebote mit hoher technischer Abkopplung zu nennen.

Blick nach vorn: Wie sich der Markt entwickeln wird

Der Markt für digitale Souveränität ist noch jung – aber in Bewegung und aktuell im Aufbau. Eines ist sicher: es ist und bleibt spannend und das Angebot wird in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Und auch die bereits vorhandenen Lösungen zeigen eine große Bandbreite – von granularen Datenschutzfunktionen bis hin zu vollständig autarken Cloud-Plattformen. Gleichzeitig ist absehbar, dass kein Anbieter eine Komplettlösung für alle Souveränitätsbedarfe liefern kann.

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Es ist also davon auszugehen, dass Unternehmen in der Regel auch weiterhin mehrere Anbieter benötigen. Außerdem sollte bedacht werden, dass sich Anforderungen je nach Region und Branche deutlich voneinander unterscheiden können und die Umsetzung immer auch Governance, Betriebskonzepte und Sicherheitsmodelle erfordert.

Der Markt wird sich weiter ausdifferenzieren – nicht zuletzt durch technologische Entwicklungen wie Confidential Computing und distributed Clouds. Doch im Zentrum steht eine konstante Frage: Wie viel Kontrolle braucht ein Unternehmen wirklich – und wo ist sie wirtschaftlich, regulatorisch oder strategisch unverzichtbar?

Über den Autor: René Büst ist Sr. Director Analyst bei Gartner.

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