Interview mit Rainer Vehns, Codecentric AG
KI-Souveränität zwischen Ambition und Realpolitik

Von Dr. Dietmar Müller 4 min Lesedauer

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Die Wirtschaft kann nicht länger auf politische Weichenstellungen warten, berichtet Rainer Vehns, Gründer und Vorstand von Codecentric. Seiner Beobachtung nach gehen Akteure wie die Telekom oder Schwarz Digits mutig voran und investieren massiv in eigene Rechenzentrumsinfrastrukturen.

Europas Weg zur KI-Souveränität bewegt sich im Spannungsfeld zwischen technologischer Abhängigkeit und strategischer Handlungsfähigkeit.(Bild:  ChatGPT / KI-generiert)
Europas Weg zur KI-Souveränität bewegt sich im Spannungsfeld zwischen technologischer Abhängigkeit und strategischer Handlungsfähigkeit.
(Bild: ChatGPT / KI-generiert)

In der Debatte um die technologische Zukunft Europas nimmt Rainer Vehns, Gründer und Vorstand von Codecentric, eine ebenso pragmatische wie scharfsinnige Position ein. Für ihn ist die Notwendigkeit eigener europäischer KI-Ansätze unbestritten, wenn der Kontinent langfristig handlungsfähig und in globalen Verhandlungen stark bleiben will. Dennoch warnt Vehns im Interview mit IT-Business vor ideologischer Verklärung: Die Frage, ob eine vollständige KI-Souveränität zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch erreichbar ist, bleibt offen. Der immense Druck in den Unternehmen lässt keinen Raum für langwierige Entwicklungszyklen; Ergebnisse werden jetzt benötigt, nicht erst in zwei oder drei Jahren. Diese notwendige Umsetzungsgeschwindigkeit ist in der aktuellen Marktphase oft nur durch die Zusammenarbeit mit den großen US-amerikanischen Anbietern realistisch zu erreichen.

Darin manifestiert sich ein fundamentales Spannungsfeld, das die europäische Digitalstrategie prägt. Kurzfristig betrachtet sind US-Anbieter die Enabler für Geschwindigkeit, Skalierung und eine nahtlose Integrationsfähigkeit in bestehende Systemlandschaften. Doch mittel- bis langfristig droht eine strukturelle Abhängigkeit, die weit über rein wirtschaftliche Aspekte hinausgeht und eine geopolitische Dimension erreicht. Souveränität ist für Vehns daher weniger ein statischer Idealzustand, den man einmal erreicht und dann besitzt, sondern vielmehr der kontinuierliche Versuch, sich die strategische Handlungsfähigkeit inmitten globaler Abhängigkeiten zu bewahren.