Balanceakt Arbeitszeitmodelle „Ich muss mich den neuen Spielregeln anpassen, um weiter mitzuspielen.“

Von Sylvia Lösel 6 min Lesedauer

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Die einen sind ein Fan der Vier-Tage-Woche, die anderen verteufeln sie. Doch es gibt einen Weg Unternehmensanforderungen und Arbeitnehmerbedürfnisse zusammenzubringen. Und der heißt: Flexibilität. Wie man das Projekt Arbeitszeitgestaltung angehen und gewinnen kann, weiß Sarah Pierenkemper,

Sarah Pierenkemper, Senior Referentin Fachkräftesicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft(Bild:  Julia Haack / KOFA)
Sarah Pierenkemper, Senior Referentin Fachkräftesicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft
(Bild: Julia Haack / KOFA)

ITB: Im Moment ist die 4-Tage-Woche in aller Munde. Jeder redet drüber, manche haben es schon ausprobiert, manche zögern noch und andere lehnen sie kategorisch ab. Was ist denn nun sinnvoll?

Pierenkemper: Ich würde mich gar nicht auf die 4-Tage-Woche einschießen, sondern einen Schritt darüber hinaus gehen: wir brauchen eine hohe Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Flexible Arbeitszeiten sind laut Studien ein ganz wichtiges Entscheidungskriterium bei Arbeitnehmern für ein Unternehmen. Die 4 Tage Woche ist ein mögliches Modell in diesem Kontext.

ITB: Wie finde ich denn dann das passende Modell?

Pierenkemper: Es wird also wahrscheinlich nicht das eine Modell geben, das für alle meine Mitarbeiter passt. Sondern es kommt darauf an, zu analysieren: was sind meine unternehmerischen Bedürfnisse? Was sind die Wünsche meiner Mitarbeitenden? Daraus gilt es dann eine Schnittmenge zu finden, die funktioniert. Ohne eine Bedarfsanalyse mit dem Gießkannenprinzip eine Vier-Tage-Woche einzuführen, wird schwierig.

ITB: Finden alle Arbeitnehmer die Vier-Tage-Woche super?

Pierenkemper: Eben nicht. Denn es gibt Leute, die gerne mehr arbeiten möchten. Weil sie zum Beispiel gerade die Kapazitäten haben, weil sie gerade ein Haus finanzieren müssen. Oder sie wollen nicht zehn Stunden am Tag arbeiten, sondern die Arbeitszeit lieber auf fünf Tage aufteilen. Andere wiederum möchten weniger arbeiten, weil sie einem Hobby nachgehen möchten, weil sie vielleicht auch einfach nicht mehr aufgrund von Alter nicht mehr so viel arbeiten können, weil sie nebenbei noch eine Weiterbildung machen. All das gilt es zu berücksichtigen.

ITB: Ich muss als Unternehmen also flexibel werden, um meine Mitarbeiter zu halten oder um neue zu bekommen. Wie finde ich jetzt heraus, was das Richtige für mein Unternehmen ist. Wie gehe ich vor?

Pierenkemper: Der erste Schritt können Mitarbeitergespräche sein, um herauszufinden was deren Wünsche sind. Aber diese Wünsche stehen natürlich nicht im luftleeren Raum. Sondern Ich habe natürlich meine Unternehmensziele, die erfüllt werden sollen. Auch diese muss ich definieren. Wichtig wäre, dabei traditionelle Muster und Routinen zu hinterfragen. Müssen meine Mitarbeiter wirklich um 7 Uhr auf der Baustelle sein? Sind unsere Öffnungs- und Servicezeiten sinnvoll, so wie sie sind? Wieviele Mitarbeitende müssen da sein? Was sind die Auftragsprognosen?

ITB: Das geht aber wahrscheinlich nicht in jeder Branche?

Pierenkemper: Es geht in mehr Branchen als man glaubt. Natürlich nicht in beliebigem Umfang. Ein Beispiel: Gerade auf dem Bau denkt man ja eher, dass Flexibilisierung schwierig ist. Aber ich kenne ein Unternehmen, dem das gelungen ist, indem es flexible Teams formt, die zu unterschiedlichen Zeiten beginnen. Da kann der Mitarbeiter dann beispielsweise morgens noch seine Kinder in die Kita bringen. Aber nochmal: es geht natürlich schon darum, auch noch die Geschäftsfähigkeit des Unternehmens aufrechtzuerhalten. Diese Balance muss man finden.

ITB: Und wenn ich nach dieser Analyse feststelle: verflixt, das passt überhaupt nicht zusammen.

Pierenkemper: Das glaube ich nicht. Der nächste Schritt ist dann eben, in den Austausch zu gehen. Alle Bedürfnisse von Unternehmen und Mitarbeitenden auf den Tisch zu legen und gemeinsam eine Lösung zu finden. So schafft man auch bei seinen Mitarbeitenden Verständnis für die Unternehmerposition und nimmt sie bei Entscheidungsfindungen mit auf die Reise. Das ist Wertschätzung, und das werden ihre Mitarbeiter schätzen.

ITB: Haben Sie vielleicht ein Beispiel? Aus ihrer Erfahrung heraus, wo sage ich mal, die beiden Seiten am Anfang vielleicht weit auseinander lagen und man sich dann aber, sag ich mal Was? Überlegt hat, um doch zu einem Ergebnis zu kommen.

Pierenkemper: Der Klassiker ist, dass Leute hundertprozentig im Homeoffice arbeiten möchten, aber in der Pflege geht das beispielsweise eben nicht. Dann geht es darum, Lösungen zu finden. Ich kenne Pflegeeinrichtungen, die zum Beispiel sagen: ihr könnt an zwei Tagen im Monat Homeoffice machen, um Dokumentation nachzuarbeiten oder um Weiterbildungen online zu machen.

ITB: Nun habe ich mich auf ein Modell geeinigt, wie geht es weiter?

Pierenkemper: Dann gilt es zu klären: Wer ist verantwortlich dafür, dass es jetzt eingeführt und umgesetzt wird, dass die Regeln eingehalten werden. Wichtig ist, immer ein Auge darauf zu haben, ob es so wirklich passt und gegebenenfalls nachjustieren. Es ist ein dynamischer Weg.

ITB: Woran scheitern denn solche Projekte, wenn sie scheitern?

Pierenkemper: In der Regel scheitern sie schon am Anfang, wenn ich versäume meine Mitarbeiter mitzunehmen. Weil ich einfach sage: ‚Hey, ich hab gelesen die Vier-Tage-Woche ist super. Das machen wir jetzt.‘ Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht - weil Mitarbeiter unterschiedliche Bedürfnisse haben. Manche wollen Zeit haben, an der Kaffeemaschine zu stehen und sich zu unterhalten, andere wollen möglichst schnell ihre Arbeit machen. Der Hauptgrund warum neue Modelle scheitern ist, weil sie einfach an den Mitarbeitern vorbei geplant werden. Der zweite Grund ist, wenn nicht alle Mitarbeiter mitgenommen werden, sondern nur die, die am lautesten ihre Wünsche kommunizieren.

ITB: Wie bereit sind denn Unternehmen, sich auf diesen doch zeitintensiven Weg der Flexibilisierung einzulassen?

Pierenkemper: Der Druck, flexible Arbeitszeiten einzuführen, ist einfach da. Wir haben Wettbewerb um Fachkräfte. Und Flexibilität ist eben ein ganz großer Entscheidungsfaktor für oder gegen einen Arbeitgeber. Um also im Wettbewerb die Nase vorne zu haben, muss ich irgendwas anbieten. Wer das heute nicht macht, bekommt irgendwann Probleme, Leute zu finden. Das kann ich gut oder schlecht finden, aber ich muss mich den neuen Spielregeln anpassen, um weiter mitspielen zu können.

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ITB: Schauen wir einmal auf die IT-Branche, die sich ja immer Innovation auf die Fahnen schreibt. Ist die denn auch bei diesem Thema ein Vorreiter?

Pierenkemper: Leider gibt es da wenige empirische Daten. Aber man kann schon sagen, dass die IT-Branche ein Vorreiter ist. Es liegt natürlich an den Rahmenbedingungen. Die meisten Jobs hier sind projektorientiert und richten sich stark an Deadlines aus. Deshalb spielt es weniger eine Rolle, wann und wo man die Arbeit macht. Und ein zweiter Teil der Wahrheit ist, dass der Fachkräftemangel in der IT-Branche enorm ist, der Druck also noch höher. Und dann stimmen hier meist auch die technischen und fachlichen Rahmenbedingungen. Sie müssen IT- Mitarbeitern in der Regel nicht erklären, wie der Rechner zu Hause funktioniert.

ITB: Welches flexible Modell wird denn am meisten umgesetzt?

Pierenkemper: Prinzipiell lassen sich 3 Bausteine flexibilisieren: die Arbeitszeit, der Arbeitsort und die Verteilung von Arbeitszeit. Diese drei Parameter kann ich wild miteinander kombinieren. Klassisch ist das Teilzeitarbeit. Schwieriger wird es dann bei Jobsharing-Modellen, gerade in Führungspositionen. Man muss erst einmal zwei Personen finden, die ein passendes Kompetenzprofil haben, die zusammenpassen und die das auch machen wollen. Dementsprechend wird so etwas auch seltener umgesetzt.

ITB: Frau Pierenkemper, vielen Dank für das Gespräch.

Was ist das Kofa?

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung – kurz Kofa – unterstützt kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Gestaltung ihrer Personalarbeit. Das Projekt wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) durchgeführt ist am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) angesiedelt.

Gerade kleinere Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung. Oftmals fehlen zeitliche, personelle und finanzielle Mittel, um sich im Wettbewerb um begehrte Fachkräfte zu behaupten. Das Kofa bietet deshalb alle Informationen kostenlos, praxisnah und mit leichtem Zugang an. Das Angebot richtet sich an Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sowie Personalverantwortliche von KMU. Das Kofa arbeite eng mit Verbänden, Kammern und Wirtschaftsförderungen zusammen, um beispielsweise in gemeinsam organisierten Veranstaltungen möglichst viele Betriebe auf unsere Themen aufmerksam zu machen.

Auf der Webseite gibt es Handlungsempfehlungen, Checklisten und Praxisbeispiele.

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