Wie uns fehlende Digitalsouveränität erpressbar macht Warum digitale Souveränität jeden von uns angeht

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker 4 min Lesedauer

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Fehlende Digitalsouveränität macht Europas Wirtschaft und IT erpressbar – politisch, wirtschaftlich und technologisch. Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker erklärt, wie jahrzehntelanges Outsourcing uns heute in eine digitale Krise geführt hat und wie IT-Experten dabei helfen können, das Ruder jetzt herumzureißen.

Fehlende digitale Souveränität macht Europa anfällig für politische Erpressung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gefährdet die Datensicherheit. Wie jahrzehntelanges Outsourcing uns heute in eine digitale Krise geführt hat und wie IT-Experten dabei helfen können, das Ruder herumzureißen.(Bild:  pkproject - stock.adobe.com)
Fehlende digitale Souveränität macht Europa anfällig für politische Erpressung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und gefährdet die Datensicherheit. Wie jahrzehntelanges Outsourcing uns heute in eine digitale Krise geführt hat und wie IT-Experten dabei helfen können, das Ruder herumzureißen.
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Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker ist wissenschaftlicher Direktor des cyberintelligence.institute in Frankfurt am Main und Berater der Bundesregierung und der Europäischen Kommission in Fragen von Cybersicherheit und internationaler IT-Strategie.

Bildquelle: Urban Zintel Photography, Berlin

Es gibt unzählige Definitionen für das, was digitale Souveränität ausmacht: Die einen definieren es politisch, die anderen technisch, und wiederum gibt es rechtliche bis gar soziokulturelle Definitionsversuche. Und das macht auch Sinn, denn die Digitalisierung betrifft alle Lebens-, Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche. Deshalb will dieser Beitrag auch gar nicht versuchen, das gesamte mögliche Spektrum von digitaler Souveränität zu definieren, denn das wäre auch langweilig. Vielmehr geht es darum, konkrete Ursachen für bislang fehlende Digitalsouveränität ausfindig zu machen und zu überlegen, wie wir gemeinsam aus diesem Dilemma herausfinden können.

Deshalb an dieser Stelle nur zwei akute Beispiele für fehlende Digitalsouveränität: Wenn der neue US-Präsident Donald Trump einerseits ankündigt, das transatlantische Datenschutzabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten zu schwächen und wir in der Europäischen Union fieberhaft überlegen, was das für Folgen für unsere Wirtschaft haben könnte, ist das nicht digitalsouverän. Oder wenn der amtierende Vizepräsident JD Vance in Paris auf dem AI Summit im Februar 2025 feststellt, dass die Europäische Union digital überreguliert ist und die EU-Kommission daraufhin überlegt, den europäischen Datenschutz mit einer Reform der DSGVO zu verringern, ist das ebenfalls nicht digitalsouverän. Souveränität auch im digitalen Sinne verstanden bedeutet folglich, frei darüber entscheiden zu können, ob und wie und auf welche Weise man digitalisiert, damit für alle der größtmögliche Mehrwert erreicht werden kann – unabhängig von Störfeuern und fremden Interferenzen. Doch leider belegen die beiden vorgenannten Beispiele, dass wir in der EU zumindest gegenwärtig noch zu weit von dieser Idealvorstellung entfernt sind.

Jahrzehntelange Verantwortungsaufgabe als zentrale Ursache des gegenwärtigen Missstandes

Doch warum ist das so? Das ist eine lange Geschichte, denn fehlende Digitalsouveränität ist nicht von heute auf morgen oder in einigen wenigen Jahren entstanden. Nein, genau genommen muss man für eine Antwort auf diese Frage fast 30 Jahre zurück gehen in der Historie europäischer Technologieentwicklung – und das beste Beispiel ist da gerade für Deutschland der Mobilfunkmarkt: Schon unmittelbar nach dem Beginn des Handy-Booms in den 1990er Jahren war wirtschaftspolitisch klar, dass man nicht weiter massiv in die Entwicklung von Mikroelektronik, mobiler Konnektivität oder Softwareentwicklung investieren würde, sondern klassischerweise IT-Outsourcing betreibt, indem IT-Entwicklungs- und Fertigungskapazitäten gezielt nach Fernost oder in die Staaten zu Anfang nur ausgelagert und später gänzlich aufgegeben wurden – zunächst aus betriebswirtschaftlichen Gründen, weil so Personalkosten und Ressourcen gespart werden konnten. Wo man sich infolgedessen zunächst auf Zulieferer aus dem Ausland verlassen konnte, wurde man Jahrzehnte später von ebenjenen Zulieferern abhängig. Und die Folgen davon sind heute ganz real für jedermann spürbar: Auf dem europäischen Smartphone-Markt dominieren schon lange keine europäischen Hersteller mehr, wie es noch vor einigen Jahrzehnten bei den Handys der Fall gewesen ist.

Blindes Vertrauen in die Globalisierung als toxische Fehleinschätzung

Dies ging lange Jahre auch gut, denn das Credo nicht nur der europäischen Digitalwirtschaft lautete immerfort: Globalisierung ist der Weg nach vorne. Gerade im letzten Jahrzehnt wurde mit dem Ausbau von mobilen 5G-Verbindungen viel digitalisiert und vernetzt, und immer mehr Rechenkapazitäten bedenkenlos in die globale Cloud ausgelagert. Doch mit der weltweiten Zeitenwende, die mit der Corona-Pandemie im Jahr 2020 begann und seither mit dem Russland-Ukraine-Krieg seit 2022, den geopolitischen Spannungen in Fernost und dem Aufkommen eines massiven US-amerikanischen neuen Nationalismus spätestens seit Anfang 2025 ihre Fortsetzung gefunden hat, hat sich dies massiv geändert. Die Erkenntnis ist klar: Wo wir in all den Jahren zuvor blind auf die digitale Globalisierung vertraut haben, geht es nun um digitales Vertrauen, das wir so schnell wie möglich wieder zurückholen müssen, denn eine Digitalisierung ohne Vertrauen ist in diesen Zeiten nicht mehr nachhaltig. Regionalisierung anstelle von Globalisierung ist folglich das Credo unseres Jahrzehnts geworden – und dazu gehört eben auch, dass wir uns unsere so leichtsinnig aufgegebene digitale Souveränität wieder zurückholen.

Jeder Einzelne kann noch heute damit beginnen, für mehr Digitalsouveränität zu sorgen

Doch das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wo wir quasi Jahrzehnte Zeit hatten, die digitale Souveränität planvoll und gemächlich abzugeben, wurden wir mit der globalen Zeitenwende in solch einem Eiltempo konfrontiert, dass es uns nicht möglich sein wird, Digitalsouveränität von jetzt auf sofort herzustellen. Und hier schließt sich der Kreis: Digitale Souveränität betrifft uns alle und deshalb kann auch jeder dazu etwas beitragen. Es geht nämlich nicht nur darum, dass wir als Europäische Union stärker in die Entwicklung unserer eigenen Digitalwirtschaft investieren, Startups und Scaleups durch gezielte Förderungen und Hilfen auf dem Weg in die Märkte unterstützen und insgesamt viel, viel mehr dafür tun, dass sich junge Menschen für eine Ausbildung in MINT-Fächern begeistern, sondern auch, wie wir als Staat, Unternehmen und Verbraucher IT einkaufen. Und genau damit gehen wir auch die ersten ganz konkreten Schritte für ein Mehr an digitaler Souveränität gemeinsam – denn auf jeden Einzelnen von uns kommt es jetzt an.

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