Studie zur Förderung der Mikroelektronik Die Auswirkungen der Halbleiter-Förderung sind messbar – und es braucht mehr

Von Susanne Braun 5 min Lesedauer

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Den Aufbau und die Unterstützung heimischer Halbleiter-Infrastruktur lassen sich die deutsche Regierung und die EU einiges kosten. Die Förderung bringt viele positive Effekte mit sich – und darf absolut nicht einreißen, befindet der ZVEI im Rahmen seiner Studie.

Die langfristigen Vorteile der Mikroelektronikförderung für die europäische Wirtschaft zusammengefasst.(Bild:  ZVEI)
Die langfristigen Vorteile der Mikroelektronikförderung für die europäische Wirtschaft zusammengefasst.
(Bild: ZVEI)

Über die Förderung der Halbleiterindustrie wird hierzulande viel diskutiert, aber zeigen die Investitionen in Produktion und Forschung auch Effekte? Auf diese Frage haben die Verantwortlichen des Verbands der Elektronik- und Digitalindustrie ZVEI eine Antwort gesucht und präsentieren im Rahmen der knapp 90-seitigen Studie „Von Chips zu Chancen: Die Bedeutung und Wirtschaftlichkeit der Mikroelektronikförderung.“

Die kurze Antwort auf die Eingangsfrage ist erfreulich: „Förderungen in die Halbleiterindustrie sind für den Staat ein lohnendes Investment.“ Und gerade deswegen sei es wichtig, die Investitionen auf nationaler und internationaler Ebene unbedingt nicht abreißen zu lassen. Allein mit den jetzigen Förderungen wird Europa nämlich nicht viel zu den gesteckten Zielen beitragen können und sie schlussendlich verfehlen.

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Amortisierung nach neun bis zwölf Jahren

Studienautor Tanjeff Schadt, Partner bei Strategy& von PwC, erklärt, dass die Mittel, die der Staat für die Mikroelektronik einsetzt, eine hohe Rendite erzielen. Der Ertrag läge zwischen 30 und 40 Prozent, die Investitionen amortisieren sich nach neun bis zwölf Jahren. Die Gelder, die auf staatlicher Ebene in die Mikroelektronik investiert werden, werden verständlicherweise von positiven wirtschaftlichen Auswirkungen begleitet. Allerdings muss ebenfalls betont werden, dass sich diese Zahlen auf die Zeit nach dem abgeschlossenen Ausbau der Kapazitäten beziehen, in die zuvor investiert wurde.

Laut der Studie steige die Bruttowertschöpfung in Europa jährlich um 33 Milliarden Euro, die Steuereinnahmen um 7,9 Milliarden Euro, ebenfalls pro Jahr. Jeder direkt geschaffene Arbeitsplatz erzeugt entlang der Wertschöpfungskette sechs weitere Stellen, „nicht eingerechnet sind Arbeitsplätze, die aufgrund von erhöhter Wettbewerbsfähigkeit in angrenzenden Industrien entstehen.“ In Zahlen bedeutet das, dass die Förderungen 65.000 neue qualifizierte Arbeitsplätze in Europa erschaffen, 49.000 davon in Deutschland.

Ziele in Gefahr

Nicht zum ersten Mal wird allerdings infrage gestellt, ob die Europäische Union bis zum Jahr 2030 die anvisierten 20 Prozent der weltweiten Halbleiterproduktionskapazitäten erreicht. Die Ergebnisse der Studie des ZVEI unterstreichen, dass dieses Ziel nicht zu stemmen sei, sondern dass der Anteil mit gegenwärtig bereitgestellten Fördermitteln bis zum Jahr 2045 von aktuell 8,1 Prozent sogar auf 5,9 Prozent sinken würde. Verständlich, denn die globale Konkurrenz schläft nicht, und im asiatischen wie im amerikanischen Raum wird von den Regierungen und Unternehmen viel investiert.

„Europa droht bei einem weiteren Rückgang der Produktionskapazitäten abgehängt und zum Spielball geopolitischer Machtinteressen zu werden“, so ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel. „Die aktuellen Förderzusagen können nur ein erster Schritt sein, sie müssen ausgebaut werden.“ Aktuell sei Europas Marktposition nur noch in den Bereichen Leistungshalbleiter, Mikrocontroller und Sensorik stark. Umso wichtiger ist es in den Augen des ZVEI, die Förderung auf das Mikroelektronik-Ökosystem auszuweiten, um zu verhindern, dass die EU-Marktanteile in den Bereichen Leiterplatten und Elektronikfertigung noch weiter schrumpfen. Die einst starke Position der europäischen Leiterplatte ist auf unter fünf Prozent geschrumpft, während 85 bis 90 Prozent des weltweiten Produktionsvolumens in China und Taiwan liegen.

Es sei aufgrund der aktuellen Dynamiken in der Mikroelektronik und der Nachwirkungen durch die Coronapandemie und die Chip-Knappheit nicht damit zu rechnen, dass Verknappungen in Zukunft kein Thema mehr sein werden. Diese Problematik belastet nicht nur jetzt, sondern auch künftig, insbesondere Leiterplattenhersteller und EMS-Dienstleister. „Maßnahmen zur Verbesserung der Bedarfstransparenz und Stärkung der Wertschöpfungskette sind weiterhin notwendig, um bei wiederkehrenden Situationen die negativen Effekte weitestgehend zu reduzieren“, wird im Rahmen der Studie erklärt.

Zukunft der Leistungselektronik

Auch das Erreichen weiterer europäischer und deutscher Ziele ist mit einer größeren Investition in die Mikroelektronik wahrscheinlicher, etwa die Reduktion der CO₂-Emissionen und die Klimaneutralität bis zum Jahr 2050. „Halbleiter helfen, ein Vielfaches der Emissionen einzusparen, die im Rahmen ihrer Fertigung anfallen. Ob Photovoltaik, Windkraft, Wärmepumpe, Speicher oder emissionsfreie Mobilität: Der Bedarf an klimaschonenden Technologien wird rasant zulegen“, so ZVEI- und Infineon-Vorstand Andreas Urschitz. Bis zu 25 Prozent der erwarteten europäischen Produktionskapazitäten können allein für die klimaneutrale Elektrifizierung benötigt werden, Deutschland würde dafür bis zu 6 Prozent der Kapazitäten der EU in Anspruch nehmen. Aus den Ergebnissen der Studie werden die folgenden acht Schlussfolgerungen gezogen. Die komplette Studie erhalten Sie als PDF über den ZVEI.

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Weitere Investitionen notwendig: Die Studie zeigt, dass die Mikroelektronikförderung ein effektives Mittel zur Stärkung der europäischen Wirtschaft ist. Dennoch werden zusätzliche Investitionen erforderlich sein, um im globalen Wettbewerb Marktanteile zu behaupten und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas zu sichern.

Bestehende Stärken stärken: Europa verfügt über klare Stärken in den Wertschöpfungsschritten Material und Maschinen sowie im Design und in der Fertigung von Leistungshalbleitern, Mikrocontrollern und Sensorik. Diese Kompetenzen müssen gezielt ausgebaut werden, um kritische Kontrollpunkte entlang der Wertschöpfung zu sichern.

Kombination von Stärken mit neuen Technologien ausbauen: Aktuelle strategische Lücken bestehen insbesondere im Chip- und Software-Design sowie im Bereich Advanced Packaging. Diese Bereiche erfordern gezielte Maßnahmen, um technologische Rückstände zu schließen und die vorhandenen Stärken in neuen Anwendungsfeldern zu nutzen. Langfristig könnten auch Investitionen in die Fertigung von Halbleitern mit kleinen Strukturbreiten, die für High-Performance-Computing und KI-Anwendungen essenziell sind, in Betracht gezogen werden, solange sich diese an den Innovationsroadmaps und der Nachfragesituation deutscher und europäischer Anwenderindustrien orientieren.

Leiterplatte und EMS stärken: Große Lücken in den Bereichen Leiterplatten, EMS und Algorithmik gefährden die Technologiesouveränität Europas. Andere Regionen haben die Relevanz dieser Wertschöpfungsschritte erkannt und investieren in diese Bereiche. Europa muss hier eine langfristige Strategie für diese kritischen Wertschöpfungsschritte entwickeln.

Stärkeres Wachstum über Nachfrage durch Anwendungsindustrien: Eine starke Mikroelektronikindustrie bedarf einer starken Nachfrage aus den Anwendungsindustrien. Die europäischen Kernindustrien wie Automobil und Maschinenbau sowie heute unterrepräsentierte Sektoren wie KI-Anwendungen und Rechenzentren müssen gezielt gestärkt werden, um Innovation und Synergien entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu fördern.

Übergreifende europäische Mikroelektronikstrategie: Eine übergreifende, europäische Mikroelektronikstrategie ist notwendig. Eine stärkere Verzahnung von Großprojekten innerhalb der EU und eine engere Abstimmung mit den strategischen Zielen für den Mikroelektronikstandort Europa sind essenziell, um Synergien zwischen Mitgliedsstaaten zu maximieren.

Nachhaltigkeit als Chance nutzen: Europa ist gut aufgestellt, um sich als globaler Vorreiter für nachhaltige Halbleiterproduktion zu positionieren und die Entwicklung von Klimatechnologien maßgeblich zu gestalten. Der hohe Anteil erneuerbarer Energien und strenge Umweltstandards schaffen ideale Voraussetzungen. Um dies umzusetzen, sind Investitionen in die Energieinfrastruktur sowie eine enge Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette erforderlich.

Aufbau und Entwicklung von Fachkräften: Die Studie hat gezeigt, dass der Mikroelektroniksektor entscheidend zum Aufbau und Erhalt von Arbeitsplätzen beiträgt und die Entwicklung innovativen Know-hows in der EU fördert. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels, verstärkt durch den demografischen Wandel, sind gezielte Maßnahmen in Bildung, Qualifizierung und Talentförderung notwendig. Dazu gehören angepasste Studiengänge und Ausbildungsberufe, insbesondere in den Bereichen Maschinenbau und -instandhaltung.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Elektronikpraxis.

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