Strukturwandel im PC-Markt zehrt an den Nerven Wer ist der größte Rechnerhersteller der Welt?

Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Harry Jacob / Harry Jacob

Im PC-Markt fliegen die Fetzen: HP und Lenovo beanspruchen beide die Krone des weltgrößten Rechner-Herstellers für sich. Das Scharmützel zeigt vor allem eines: Es wird zunehmend mit härteren Bandagen gekämpft, weil der Markt sich in einem tiefgehenden Strukturwandel befindet, bei dem der klassische Wintel-PC auf der Verliererseite steht.

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In der Statistik von IDC (grüne Balken) hat HP mehr Geräte abgesetzt als Lenovo. Nach der Einschätzung von Gartner (gelbe Balken) hat dagegen Lenovo den Wettbewerber HP erstmals überflügelt.
In der Statistik von IDC (grüne Balken) hat HP mehr Geräte abgesetzt als Lenovo. Nach der Einschätzung von Gartner (gelbe Balken) hat dagegen Lenovo den Wettbewerber HP erstmals überflügelt.
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„Ätsch, ich hab Dich ja überholt!“ – „Nein, gar nicht, Deine Freunde haben ja nicht richtig gezählt, aber meine schon, und die sagen ich bin Sieger.“ Mit anderen Worten, aber ungefähr auf dem Niveau spielt sich eine Diskussion zwischen dem, sagen wir mal, bisherigen Weltmarktführer HP und dem künftigen Weltmarktführer Lenovo ab.

Dass ein Positionswechsel bevorsteht, daran dürfte wohl keinen Zweifel bestehen. Nur ist derzeit strittig, ob er schon vollzogen ist. Das Marktforschungsinstitut Gartner sieht bei den Absatzzahlen für das dritte Quartal Lenovo bereits vorn und erstmals auf Platz eins im Ranking der weltgrößten Rechnerhersteller.

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Auch IDC zählt den Rechnerabsatz, kommt aber zum Ergebnis, dass HP (noch) vorn ist und Lenovo nach wie vor den zweiten Platz innehat. Denn bei IDC sind Workstations – die im Prinzip wie Desktop-PCs für Anwendungen genutzt werden, wegen der hohen Anforderungen aber teilweise mit Server-Komponenten ausgestattet sind – im PC-Ranking enthalten.

Statistik ohne Tablets

Der lachende Dritte bei diesem Streit heißt Apple. Würden die ARM-basierten Tablets ebenfalls in die Statistik einfließen, könnten sowohl HP als auch Lenovo einpacken. Die sind aber sowohl bei Gartner als auch bei IDC noch in einer eigenen Kategorie angesiedelt, zusammen mit Smartphones.

Ob diese Einteilung Bestand hat, ist offen. In der Vergangenheit konnte man gut unterscheiden: Tablet-PCs mit x86-kompatiblen CPUs, die „Desktop“-Software verarbeiten konnten, gehörten in die PC-Kategorie. Die Mini- oder Media-Tablets genannten Geräte, allen voran das iPad und die gesammelte Android-Konkurrenz, fielen aus der PC-Kategorie heraus. Nun schickt sich Microsoft an, mit Windows RT die Grenzen für die Anwender zu verwischen, auch wenn nach wie vor für ARM-Tablets eigene Software geschrieben werden muss.

Starkes Minus im abgelaufenen Quartal

Nicht wegdiskutieren kann HP die aktuelle Entwicklung – und die zeigt nach wie vor deutlich nach unten. Rund ein Sechstel weniger hat HP im Vorjahresvergleich abgesetzt, während Lenovo um rund zehn Prozent zulegen konnte, da sind sich die beiden Marktforschungsunternehmen weitgehend einig.

Der lautstarke Kampf um den Thron ist aber bezeichnend für das gesamte Ringen der Branche um die eigene Zukunft – auf die ein deutlicher Schatten fällt. Denn der Weltmarkt ist im vergangenen Vierteljahr um über acht Prozent geschrumpft, in Europa liegt der Rückgang sogar bei über zehn Prozent.

Auf der folgenden Seite geht es um die Frage: Temporäre Krise oder echter Strukturwandel?

Temporäre Krise ...

Für die einen ist dies ein vorübergehendes Problem – der Markt befinde sich in einer pränatalen Depression, solange Microsoft mit Windows 8 schwanger geht. Sobald das neue Betriebssystem das Licht der Welt erblickt hat, sollen sich die Kunden voller Begeisterung auf die damit ausgestatteten Desktop-PCs, Notebooks, Ultrabooks und Tablet-PCs stürzen und die Absatz-Delle wieder wett machen. Das hoffen zumindest die PC-Hersteller, die die Windows-Plattform unterstützen, und natürlich auch Microsoft selbst.

Doch da sind die Hoffnungen wohl weit überzogen. Zum einen ist das Betriebssystem Windows 8 zwar ein wichtiger Schritt für Microsoft. Doch leider kommt es sowohl zu früh als auch zu spät: Im Mobile-Bereich hätten Hersteller und Kunden sich dieses Betriebssystem, das konsequent für Touch-Screen-Bedienung konzipiert ist, schon zum Launch von Windows 7 gewünscht. Im Desktop-Bereich sind dagegen die berührungsempfindlichen Bildschirme noch nicht so weit verbreitet, dass der Umstieg tatsächlich notwendig würde.

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So berichtet die Distribution, dass auf Drängen Microsofts zum Windows-8-Launch zusätzliche Transport-Kapazitäten organisiert wurden. Da die Nachfrage nach Boxed-Produkten des neuen Betriebssystems aber im Rahmen blieb, wurden die Logistiker mit der Auslieferung auch ohne Zusatz-LKWs fertig.

... oder Strukturwandel?

Die Analysten sind ebenfalls skeptisch, insbesondere was den Hoffnungsträger Ultrabooks betrifft. Denn Apple hat im Tablet-Markt mit dem iPad Maßstäbe gesetzt. Auf technischer Seite sei kaum etwas „substanziell besseres“ zu erwarten. Nach den bislang durchgesickerten Informationen werden sich Windows-8-Tablets nicht deutlich billiger anbieten lassen als das iPad, und daher sei kein schneller Erfolg für diese Geräte zu erwarten, sagte IDC-Analyst Bob O’Donnell Anfang Oktober.

Gerade erst hat IHS Isupply die eigene Prognose kassiert: Statt 22 Millionen Ultrabooks würden 2012 nur wenig mehr als 10 Millionen abgesetzt. Als Ursache nennen die Analysten enttäuschendes Pricing und Marketing. Sie erwarten allerdings fallende Preise, was im kommenden Jahr ein Anwachsen des Absatzes auf 44 Millionen Stück ermöglichen würde – statt ursprünglich erwarteter 61 Millionen verkaufter Ultrabooks.

Die Korrektur der Prognose fällt auch deshalb so groß aus, weil wegen der rigiden Vorgaben von Intel inzwischen immer mehr Notebooks als „Ultradünn“ statt als „Utrabook“ auf den Markt kommen.

CPU-Hersteller zeigen Skepsis

Wie die Aussichten für den PC-Markt in der Zeit nach dem Windows-8-Launch aussehen, das lässt sich auch aus dem Quartalsbericht von Intel ablesen: Nach einem Umsatzrückgang im dritten Quartal von 5,5 Prozent – beim Wettbewerber AMD waren es sogar zehn Prozent – wird für das vierte Quartal 2012 nur ein leichtes Plus von einem Prozent erwartet. Dies spricht ganz deutlich gegen die These, dass mit dem Erscheinen von Windows 8 ein Boom im PC-Markt losbrechen könnte.

Das bestätigt auch Isupply-Analyst Clifford Leimbach. Die Kunden würden inzwischen PC-Käufe im vierten Quartal des Jahres vermeiden, daran werde auch der Launch von Windows 8 nichts ändern, so seine Prognose. Für Käufer besteht auch wenig Grund, die Hardware zu wechseln: die Anforderungen gegenüber Windows 7 sind sogar eher gesunken, und aufgrund der Diskussion um die Bedienung von Desktop-Systemen unter Windows 8 bleibt für viele Kunden Windows 7 zunächst einmal das System ihrer Wahl.

Lesen Sie auf der folgenden Seite mehr zu den Konsequenzen der aktuellen Entwicklung.

Konsequenzen

Festzuhalten bleibt, dass der Trend zu mobilen Gadgets ungebrochen ist. Die Kunden bevorzugen aber Tablets und Smartphones, statt der teureren und unbequemeren x86-Technologie.

Netbooks sind bereits fast völlig vom Markt verschwunden, Ultrabooks finden noch zu wenig Käufer, auch die Notebookverkäufe schwächeln. Und Desktop-PCs sind schon seit längerem kein Wachstumsmarkt mehr.

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Nicht nur die Hersteller müssen sich dem Trend anpassen und ihre Produktpalette überdenken. Auch im Vertriebskanal hat das veränderte Käuferverhalten Konsequenzen, denen sich der IT-Handel stellen muss, wenn er überleben will.

Extremfall

Gerade erst musste die Filialkette K&M Elektronik Insolvenz anmelden. Neben anderen Gründen macht der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Dr. Volker Viniol, auch das Geschäftsmodell von K&M für die Pleite verantwortlich: „Man hat auf die Schrauber gesetzt und deshalb das Portfolio auf PCs und Komponenten ausgerichtet. In Zeiten von Smartphones und Tablets gibt es aber kaum noch die Möglichkeit zum Aufrüsten und Erweitern“.

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