Stimme aus dem Handel: „Kerne ohne Kompetenz“ Was haben McDonald's und Microsoft gemeinsam?

Autor Sarah Gandorfer

Über Realtime-Buttons ohne Echtzeitfunktion, Hotline-Ping-Pong und Allmachtsphantasien ist Achim Heisler, Systemhaus-Chef und Stimme aus dem Handel für IT-BUSINESS, diesmal gestolpert. Dabei suchte er doch eigentlich nur die angepriesenen Kernkompetenzen diverser Unternehmen.

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Achim Heisler, Geschäftsführer von AHS
Achim Heisler, Geschäftsführer von AHS
(Bild: AHS)

Wer wie ich ein wenig länger in der Branche unterwegs ist, dem ist ein Spruch der Marketingstrategen aus den Konzernetagen gut bekannt, wenn es mal in einigen Bereichen nicht so gut läuft: „Wir wollen uns jetzt wieder auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren.“ Dies ist meist verbunden mit Entlassungen oder dem Verkauf ganzer Konzernteile. Manchen gelingt damit die Rettung des Unternehmens und langfristig könnte sich die Konsolidierung als richtige Maßnahme erweisen. Aber vor der Konsolidierung stehen immer (und nicht nur in der IT) die zügellose Expansion und Allmachtsphantasien der Vorstände.

Burger und Pommes

Ich werde in den folgenden Beispielen auf solche Entwicklungen hinweisen und versuchen, auch den Ursachen ein wenig auf den Grund zu gehen. Beginnen möchte ich mit einem Exempel, welches nichts mit IT zu tun hat, aber für uns alle mehr oder weniger nachvollziehbar sein dürfte: McDonald's wächst schon seit Jahren nur noch über die Anzahl der Restaurants. Die Umsätze in den einzelnen Niederlassungen sinken seit Jahren. Diesem Trend der Sättigung versuchte man, durch eine Anpassung und Erweiterung des Produktportfolios zu begegnen. Dies schien in einigen Bereichen auch erfolgreich zu sein, konnte aber die Verluste im Kerngeschäft nicht kompensieren. Und das Kerngeschäft sind Burger und Pommes.

Wenn die Verantwortlichen bei McDonald so darüber nachgrübeln, wie dies möglich ist, dann empfehle ich ihnen, einfach mal die Plakate und Werbungen mit den realen Burgern zu vergleichen. Da fehlt jede Gemeinsamkeit und der Kunde merkt das! Statt immer neuer Pseudoinnovationen sollten verkaufte und beworbene Produkte wieder erkennbar sein. Auf wundersame Weise könnte so im Kerngeschäft wieder Geld verdient werden.

Hotline-Ping-Pong

Jedoch nicht immer sind die Mängel im Kerngeschäft so offensichtlich. Das heißt allerdings nicht, dass es uns als Kunde oder Geschäftspartner weiniger nervt. Haben Sie schon einmal versucht ein Office 2013 auf einem neuen PC mit einem neuen User zu aktivieren?

Wenn ich als Partner schon zu Registrierungs- und Aktivierungsorgien gegängelt werde, dann sollten wenigstens die Kernprozesse des Vorgangs funktionieren. Doch eine schlechte VOIP-Leitung kombiniert mit einem nicht muttersprachlichen Mitarbeiter lässt einen verzweifeln. Nach zwei Stunden Ping-Pong zwischen den Hotlines reift in einem der Verdacht, dass dies mit Absicht geschieht. Als Ergebnis läuft nun der neue PC mit neuem Office unter altem Microsoft-Account. Es scheint im Geschäftsleben bei Microsoft nicht vorstellbar, dass sowohl Mitarbeiter als auch PC ausgetauscht werden. Aber hier ist die Kernkompetenz „Partnergeschäft“ wohl auf dem absteigenden Ast.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, bei welchem Distributor Heisler auf den falschen Realtime-Button stieß.

Realtime ohne Realitätsanspruch

Auch auf die Frage, was denn heute die Kernkompetenz eines Distributors sei, ist die Antwort längst nicht mehr so einfach. Seit dem auch Vollsortimenter wie Ingram auf den Value-Add-Zug aufgesprungen sind, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ingram seine eigentliche Aufgabe ein wenig aus dem Blick verloren hat. Bisher habe ich das Bestellsystem immer gelobt, da es funktional meine Bedürfnisse abgebildet hat. Dazu gehört auch die Realtime-Funktion um bei Paketbestellungen das Portfolio im Blick zu haben. So machen beispielsweise Festplatten, RAM und Motherboard nur dann Sinn, wenn auch das Gehäuse geliefert wird.

Doch was nützt mir ein Realtime-Button, der keiner ist: Trotz einer großen Stückzahl an vorhandenen Produkten, wurde Sekundenbruchteile vor dem Absenden der Bestellung kein Liefertermin angezeigt.

Eine Nachfrage beim Vertrieb ergab, dass dies ja gar kein Realtime-Button sei. Also dient diese Schaltfläche wohl nur der Belustigung der Fachhändler. Wenn es in einem Atemzug dann noch eine wortreiche Erklärung dafür gibt, wieso sich bei Ingram (und scheinbar nur bei Ingram) der Samsung-Lasertoner um 25 Prozent verteuert hat, dann liegt die Kernkompetenz wohl im Storytelling. Wenn bei der nächsten Umfrage wieder geheult wird, wieso beim Mitbewerber gekauft wird, hätte ich die eine oder andere Idee.

Features statt Mehrwert

Doch auch bei den „großen Jungs“ scheint es, zwischen den Vorstellungen des Herstellers, der Kunden oder Partnern erheblichen Klärungsbedarf über die Verschiebung der Kernkompetenzen zu geben. Denn wie ist es sonst zu erklären, dass eine amerikanisierte SAP ihr Heil in der Flucht ins HANA-Cloud-Land sieht, ihre Kunden aber fast alle genau das Gegenteil fordern?

Denn auch die Kunden von SAP merken, dass Entwicklerressourcen aus dem On-Premise-Stack nun in die Cloud gewandert sind. Somit bleiben Kernfunktionalitäten und Forderungen der Kunden unbearbeitet, zugunsten von Features deren wahren Wert wohl nur SAP kennt.

Und wenn die Firmen lange genug ihr Kerngeschäft missachtet, verkannt und ausgeblutet haben, wird ihnen früher oder später wieder eine alte Weisheit der Bauern in Erinnerung gerufen werden. Ohne gute Kerne wird es keine nächste Generation der Pflanzen geben. Denn Luftballons und bunte Fähnchen können in der Zukunft nicht über einen öden Boden hinwegtäuschen.

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