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„In der Cloud herrscht ein babylonisches Sprachgewirr“

Thomas Uhl, Initiator der Deutschen Wolke, im Interview

10.08.2011 | Redakteur: Ulrike Ostler

Thomas Uhl ist Linux-Protagonist und Geschäftsführer der Topalis Holding GmbH mit Sitz im bayerischen Weißenburg. Bild: Topalis
Thomas Uhl ist Linux-Protagonist und Geschäftsführer der Topalis Holding GmbH mit Sitz im bayerischen Weißenburg. Bild: Topalis

Abhängigkeit ist aber vermutlich die schlechtere Alternative?

Thomas Uhl: Ja, die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter ist desaströs. Als Anwender braucht man immer eine Dual-Vendor-Strategie, allein schon für den Fall, dass einem ein Cloud-Anbieter aus irgendeinem Grund abhanden kommt oder eine Zeitlang down ist. Das hat man gesehen, als die Amazon-Plattform im April vier Tage lang ausfiel.

Ein Start-up ist nach der Zeit womöglich schon pleite. Von Amazon erhält der Gründer dann einen Gutschein, mit dem er sein nächstes Start-up aufmachen kann. Mir persönlich ist diese amerikanische Denkweise zwar sympathisch. Aber für Europa ist sie nicht tauglich. Es gibt noch kein Cloud-Set-up mit den Präzisionsansprüchen, wie wir sie in Europa stellen.

Kommen wir zurück auf die fehlenden Standards: Wie können die entstehen?

Thomas Uhl: Es gibt mindestens drei Arten von Standards. Erstens: De-facto-Standards, die wie beispielsweise Windows eine monopolartige Stellung einnehmen können.

Zweitens: durch Komitees verabschiedete Standards. Wir erinnern uns an ISO/OSI: den Versuch der IT-Industrie, einen Netzwerkstandard zu etablieren, da die diversen Netzwerkprotokolle, die es bis dahin gab, nicht interoperabel waren. Das Vorhaben war allerdings viel zu aufwändig. Schließlich hat sich TCP/IP als De-facto-Standard auf Basis von Open Source durchgesetzt.

TCP/IP wurde von der Berkeley University ins BSD-Unix implementiert und unter einer liberalen Lizenz verbreitet. Microsoft baute den TCP/IP-Stack in Windows ein und bekam so ein sauber funktionierendes, interoperables Protokoll.

Das ist für mich die dritte Art der Standardisierung: Man schafft eine Referenzimplementierung, die benutzbar ist, und versieht sie mit einer Open-Source-Lizenz.

Handelt es sich nicht auch um einen De-facto-Standard, wenn sich eine Open-Source-Technologie wie TCP/IP durchsetzt?

Thomas Uhl: Ja, aber es ist ein De-facto-Standard, der sich durch den Quelltext quasi selbst dokumentiert. Ganz wichtig ist auch, dass proprietäre Technologien durch Open Source zur Commodity werden.

Sobald man den Quelltext offen legt, kann man damit kein Geld mehr verdienen. Diese Art der Standardisierung läuft außerdem weniger formalistisch ab, als das in Standardisierungsgremien geschieht. Die Entwicklung von Open-Source-Technologien wird durch Communitys vorangetrieben, in denen die einzelnen Schritte offen diskutiert werden.

Wenn es um die Herausbildung von Standards geht, konkurrieren nicht selten verschiedene Open-Source-Ansätze miteinander. Am Ende entscheiden der Markt und die Größe der Community über den Erfolg. Auf Basis dieses Modells könnten ebenfalls Standards für die Cloud entstehen.

Gibt es dafür bereits Ansätze?

Thomas Uhl: Ja, das Projekt „Eucalyptus“ ist solch ein vielversprechender Ansatz. Dabei handelt es sich um den Versuch, die Amazon-APIs komplett auf Basis von Open Source nachzubauen. Damit können Sie Anwendungen, die in der Amazon-Cloud laufen, bildlich gesprochen, „aus dem Amazonas befreien“. Das Projekt ist an der Santa Barbara University entstanden. Eucalyptus ist mit den Amazon Simple Storage Services (S3) oder der Elastic Compute Cloud (EC2) kompatibel.

Dabei reden wir über Infrastructure as a Services (IaaS). Wie sieht es bei Platform as a Service (PaaS) mit der Standardisierung aus?

Thomas Uhl: Dort ist die Situation noch schlimmer. Bei PaaS sind bislang überhaupt keine Standards in Sicht. Dabei ist der Bereich mittelfristig der interessanteste. Wenn Sie heute eine Anwendung schreiben, dann verwenden Sie viel Zeit darauf, sich für eine Programmiersprache zu entscheiden, für ein Betriebssystem, für eine Datenbank, et cetera.

Bei PaaS legen Sie einfach los, bauen Ihre Anwendung unter Verwendung existierender, skalierbarer APIs und machen sich keine Gedanken mehr darüber, wo beispielsweise die Datenbank läuft. Sie programmieren einfach gegen APIs. Im Grunde ist PaaS die Cloud-Version eines Betriebssystems. Aber dort gibt es, wie gesagt, bislang keine Standards, nur einige Implementierungen.

Wer bietet denn bereits PaaS an? Und sollten Anwender nicht besser die Finger davon lassen, solange es keine Standards gibt?

Thomas Uhl: Google bietet PaaS für zwei Programmiersprachen an, für Python und für Java. Außerdem gibt es die Force.com-Plattform von Salesforce. Dort nutze man bislang eine proprietäre Java-ähnliche Sprache. Allerdings hat Salesforce gerade das Spring-Framework von VMware lizenziert, so dass man dort auch Standard-Java-Anwendungen ablaufen lassen kann.

Das wäre durchaus ein vielversprechender Ansatz, wenn er auch außerhalb der USA gehostet würde. Der große Vorteil: SpringSource ist Open Source. Daher haben Sie kein Lock-in. Wenn es Ihnen nicht mehr gefällt, betreiben sie Ihre Anwendung eben irgendwo anders oder inhouse.

Das ist immer die entscheidende strategische Frage für einen Anwender: Kann ich meine Applikation auch außerhalb der gehosteten Plattform einsetzen? Gibt es eine On-Premise-Edition oder eine Second Source, also einen alternativen Cloud-Provider? Wenn nicht, sollte man tatsächlich die Finger davon lassen.

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