Investieren trotz Abschwung Software-Branche profitiert von der Angst in Krisenzeiten

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Die Krise ist auch Einstellungssache. Der allgemeine Medientenor schürt die Angst im Privat- sowie im Geschäftskundensektor und die Emotionen haben konkrete Auswirkungen. Aber nicht nur den Trend zur Sparsamkeit. IT-BUSINESS beleuchtet, welche Segmente der Software-Branche vom allgemeinen »Krisen-Hype« besonders profitieren.

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Die Software-Branche kann derzeit nicht klagen – im Gegenteil: die Firmen investieren in effizientere Anwendungen.
Die Software-Branche kann derzeit nicht klagen – im Gegenteil: die Firmen investieren in effizientere Anwendungen.
( Archiv: Vogel Business Media )

Dass die Hausbanken gegenwärtig Kredite nur zögerlich vergeben und die Kreditversicherer Euler-Hermes und Atradius die Kreditlinien drastisch gekürzt haben, sind ganz reale Folgen des Finanzdebakels. Dass in der medialen Berichterstattung beim allgemeinen Krisengeheule übertrieben wird, ist ein anderes Phänomen. Schuld ist das oft praktizierte, journalistische Leitmotiv: »If it bleeds, it leads«.

Aber auch den so genannten Küchenzuruf des Stern-Gründers Henry Nannen, bekommt jeder Journalist irgendwann eingetrichtert. Demnach sollte der Inhalt eines Artikels möglichst in einem Satz (dem Küchenzuruf) zusammen gefasst werden können. Ansonsten hinterlasse man verwirrte Leser, so Nannens Überzeugung, die in vielen Redaktionen übernommen wurde. Dieser Zuruf lautet daher eben meist »Es ist Krise!« und nicht »Es ist Krise, aber…« – das wäre mitunter schon wieder zu verwirrend. Dass das gebetsmühlenartige Krisengeheul im Kanon zu selbsterfüllenden Prophezeiungen der Medienmacher führen kann, ist allerdings ein heiß diskutiertes Problem. Die Mutmacher-Ausgabe von IT-BUSINESS will im weitgehend unisono gestimmten Medienkonzert daher ganz bewußt einen Kontrapunkt setzen.

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Der Angstpegel steigt

Doch welche Auswirkungen hat die Dominanz der Krisenmeldungen, ohne dass dabei der Nebenaspekt beleuchtet wird, dass bestimmte Branchen – etwa die Medizintechnik – volle Auftragsbücher bis 2013 haben? Der allgemeine Angstpegel steigt an.

Bei den Konsumenten führt dies mitunter zu erhöhter Sparmentalität und lässt Einkäufer tendenziell öfters zur Maus greifen als zum Autoschlüssel, um die Einkäufe online zu erledigen.

Auf die Online-Schiene setzen

Davon profitiert beispielsweise die Hybris-Gruppe, die sich auf Kommunikations- und Vertriebssoftware im eBusiness spezialisiert hat. Ihr CEO, Ariel Lüdi, findet: »Wenn der Handel clever agiert, wird der Umsatz im Online-Geschäft trotz der Wirtschaftskrise weiter steigen. Dafür müssen Händler die verschiedenen, bereits von Konsumenten genutzten Kanäle auch sinnvoll miteinander verknüpfen, um den unterschiedlichen Kaufverhaltensmustern gerecht zu werden.« Nur mit einem Cross-Channel-Ansatz, der konsistente Informationen über Sortiment, Preise und Promotions beinhaltet, und über die Verkaufskanäle hinweg sei der einzelne Kunde dort zu erreichen, wo er die Kaufentscheidung will – ob im Geschäft, im Internet oder beim Lesen eines Katalogs.

Dieser Beitrag stammt aus der Mutmacher-Ausgabe von IT-BUSINESS (5/2009 vom 2.3.2009, zur CeBIT 2009). (Archiv: Vogel Business Media)

Gegen Krisen-Emotionen sind aber neben den Endkunden auch hartgesottene Manager nicht gefeit (und sei es nur unterbewusst). Bei ihnen müssen sie aber nicht zwangsläufig in Sparmentalität und Investitionszurückhaltung münden. So gewinnt das Thema Security in der emotionalen Krise an Bedeutung, genauso wie Compliance-Aspekte. Außerdem steht das Thema Effizienzsteigerung hoch im Kurs der IT-Manager, mit allem was daran hängt, beispielsweise Qualitätsmanagement.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Sie vom Bedürfnis nach Sicherheit profitieren können.

Das Sicherheitsbedürfnis steigt

»Wir verzeichnen ein anhaltend stabiles Wachstum, sind gerade dabei, unser Technologie-Portfolio zu erweitern und sehen insgesamt optimistisch in die Zukunft«, sagt Pino von Kienlin, Geschäftsführer des Security-Herstellers Sophos. Eine IT-Security-Strategie sei heutzutage geschäftskritisch und dürfe gerade in einer wirtschaftlich angespannten Phase nicht vernachlässigt werden, so der Manager. Ansonsten drohen finanzielle Einbußen oder Image-Schäden.

Auch 2009 geplantes Wachstum

In genau dieselbe Kerbe schlägt Axel Diekmann, Managing Director bei Kaspersky Lab Central Europe. »Wir konnten im Jahr 2008 gegenüber 2007 weiter wachsen und wollen auch 2009 den Wachstumspfad nicht verlassen. Das sage ich nicht, um Neid zu wecken. Aber, gerade in Zeiten, in denen das Wort ›Krise‹ an allen Ecken anzutreffen ist, darf man doch auch mal mit guten Nachrichten aufwarten.« IT-Security sei selbstverständlich auch in Krisenzeiten für Unternehmen enorm wichtig – tatsächlich sogar unverzichtbar.

Security-Budgests bleiben gleich

Frank Schwittay, Regional Director Central Europe bei Trend Micro, erwartet für seine Produkte ebenso keine großen Einbußen auf dem Markt. »Selbst in Branchen, die direkt von der Finanzkrise betroffen sind, werden Security-Budgets aller Voraussicht nach auf dem Status quo weitergeführt und nicht reduziert – denn insbesondere für Banken, Finanzdienstleister und Versicherungen gehört wirksame IT-Sicherheit zur Basis ihrer Geschäftstätigkeit. Eine positive Entwicklung ist zudem im Markt für eMail- und Datenvertraulichkeit zu erwarten. Treiber für das Thema sind der verschärfte internationale Wettbewerb und die wachsende Zahl rechtlicher Compliance-Anforderungen«, äußerte sich der Manager gegenüber IT-BUSINESS.

»Die ›Krise‹ ist«, wie es Hans-Peter Bauer, McAfee-Vice-President für Zentral- und Osteuropa formuliert, »in aller Munde und trifft Unternehmen jeder Größe, vom multinationalen Konzern bis zu kleinen Unternehmen.«

Aktuelle Lage als Chance begreifen

Bei Herstellern von Sicherheitslösungen wie McAfee werde es auch Folgen geben, allerdings liege »in der Krise auch eine Chance.« Gerade in solchen Zeiten sei es zum Beispiel extrem wichtig für Unternehmen, sich mit den Werten, die sie in Form von Daten gespeichert haben, auseinanderzusetzen. »Denn diese Daten sind in vielen Fällen der Garant für ihre Wettbewerbsvorteile und dafür, dass sie ihrer Konkurrenz einen Schritt voraus sind. In schweren Zeiten, wenn hart um Aufträge gekämpft wird, sind solche Daten natürlich auch die am meisten gefragte ›Währung‹ und Ziel von Angriffen, sowohl von außen als auch von innen«, so Bauer. Diese Daten würden zum Teil von Cyberkriminellen gesucht werden, die sie dann weiterverkaufen. Die Konkurrenz betreibe verstärkt Wirtschaftsspionage und »manchmal werden sie von Angestellten weitergegeben, die sich dadurch entweder finanzielle Vorteile versprechen oder eine verbesserte Aussicht auf einen neuen Job«, gibt der Manager zu verstehen. Sicherheitsmaßnahmen seien letztlich auch eine Investition in die Zukunft. »Und die sieht sicher noch besser aus, wenn ein Unternehmen solchermaßen gewappnet die Konjunkturdelle hinter sich lässt«, sagt Bauer und steht mit dieser Meinung nicht alleine da.

Auf der nächsten Seite: Vorteile der Krise.

Gutes Ablösegeschäft

Rainer Witzgall, Executive Vice President von Avira sieht sogar Vorteile im Abschwung, »da häufig Investitionen und bestehende Systeme überdacht werden«. Das seien gute Ansatzpunkte für einen Markt, der vom Ablösegeschäft dominiert wird, so der Manager. Beim Security-Spezialisten, der insbesondere im Privatkunden-Segment durch seine, für diese Zielgruppe kostenfrei erhältliche, Antiviren-Software bekannt ist, hat man erkannt: »Grundsätzlich geraten Bereiche, die mit niedrigen Margen und hoher Kapitalbindung operieren, sehr viel leichter in eine finanzielle Schieflage als Unternehmen in der Software-Branche«. Allerdings sorgt man sich bei Avira um so manchen Kunden: »Auch wenn wir nicht direkt von der Bankenkrise betroffen sind, beobachten wir natürlich die Entwicklung am Finanzmarkt, die für einige unserer Firmenkunden und Partner sicher eine Bedrohung darstellt.«

Mehr Effizienz gefordert

Neben dem erhöhten Streben nach Sicherheit, ist eine weitere emotionale Auswirkung der omnipräsenten Finanz- und Wirtschaftskrise, dass mehr Effizienz in die Arbeitsabläufe gebracht werden soll. Was das Geschäftskundenumfeld angeht, genießen IT-Reseller und Systemhäuser einen daher entscheidenden Vorteil: Wenn die Weichen auf mehr IT-Effizienz in den Unternehmen stehen, bleiben die Budgets meist unangetastet. Da es hierbei meist um Software-Projekte geht, steht der Gesamtmarkt auf Wachstum und die Marktauguren verkünden alles andere als Hiobs-Botschaften: 2009 wird der Software-Markt laut Gartner voraussichtlich 244,3 Milliarden US-Dollar erreichen. Das wäre ein Zuwachs in Höhe von 6,6 Prozent gegenüber dem Umsatz im Jahr 2008. Kein Wunder, dass Software-Macher ihr Lächeln nicht verlieren. Auch das eine oder andere breite Grinsen ist angesichts der Zahlen geblieben.

Glaubwürdigkeit der Presse leidet

Im Software-Marktumfeld können daher viele das Krisengerede nicht nachvollziehen. Zu ihnen zählt Step-Ahead-Vorstand Guido Grotz: »Wir sind der Überzeugung, dass die permanente Penetrierung durch das Krisengerede zweierlei bewirken wird: Man stumpft ab, und die Glaubwürdigkeit von Meinungsbildern und Presse leidet. Zum anderen wird mehr nachgedacht und sehr bewusst gehandelt.« Gerade bei den kleinen und mittelständische Unternehmen sei zu bemerken, dass sie im Business zu den Zweiteren gehören, also zu denen, die sehr bewusst handeln. »Aus vielen Gesprächen mit Unternehmern, Partner und Lieferanten lesen wir heraus, dass die Unternehmer die Zeit für gezielte Investitionen in ihr Unternehmen nutzen: ihre Strukturen und Prozesse zu hinterfragen, ihr Leistungs- und Produktportfolio auf den Markt auszurichten.« Der Branche für Unternehmenssoftware komme das sehr zugute, bestätigt Step-Ahead-Vorstand Grotz.

Prozess-Effizienz gefragt

Mehr Effizienz in den betrieblichen Abläufen – das hat sich auch iGrafx auf die Fahnen geschrieben. Armin Trautner, Managing Director EMEA bei dem Hersteller von Prozessanalyselösungen, findet: »In dieser Situation entdecken Unternehmen ihre Prozesse. Das ist gut so, denn ein gutes Ressourcen-Management ist immer besser, als vermeintlich ›redundanten‹ Mitarbeitern zu kündigen.« Nach wirtschaftlich fruchtlosen Entlassungen würden derzeit viele Unternehmen nämlich erkennen, dass Business Process Management noch echtes Einsparpotenzial bietet. »Der Weg dorthin ist für viele Unternehmen steinig«, so Trautner. Meist fehle es am Rückhalt innerhalb der Belegschaft. Unbeliebt seien BPM-Initiativen vor allem, weil sie oft vom Top-Management ausgehen, in der mittleren Führungsebene nur noch widerwillig umgesetzt werden und beim »einfachen Angestellten« erst gar nicht ankommen würden. »Aus Sicht der unteren Hierarchie-Ebenen lassen sich derart gescheiterte Projekte leicht erklären: Prozesse, die nicht rund laufen, werden meist nur aus der Vogelperspektive betrachtet. Eine solche Sichtweise blendet die wichtigen Details aus, die sich bei der Arbeit als Ursache schlechter Prozesse entpuppen.« Das resignierte Mitarbeiter-Feedback laute dann: »Uns fragt ja niemand.«

Zwei Dinge würden deshalb über Erfolg oder Misserfolg einer BPM-Initiative entscheiden. Zum einen gilt es von der Werkbank bis zum Chefsessel alle Ebenen einzuspannen. Zum anderen ist es wichtig, für jede Betrachtungsebene das geeignete Tool einzusetzen. So braucht der Qualitätsmanager, der beispielsweise die Fehlerquote in der Fertigung reduzieren will, andere Instrumente als der Vorstand, der Wachstumspotenziale und Risikoquellen auf einen Blick erkennen möchte. Wer dabei auf eine visuelle Darstellung setzt, verschafft dabei den Entscheidern den problemlosen Überblick auf allen Ebenen. Während ersteres eine Frage der Organisation und Mitarbeitermotivation ist, spielt Punkt zwei gerade in Krisenzeiten, in denen tendenziell mehr gespart wird, in die Hände entsprechend aufgestellter Systemhäuser, die derlei Prozess-Analysesoftware integrieren können.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie auch andere Sparten profitieren.

Kostensparer im umsatzrausch

Aber auch anderen Sparten spielt das emotionale Tief in die Hände. Immer dort, wenn eine Technologie das Potenzial bietet, Kosten einzusparen, muss man lange nach langen Gesichtern suchen. So ist auch VMware-Zentraleuropachef Thomas Kühlewein bester Laune: »Bei uns gilt das Motto: Jetzt erst recht!«, so Kühlewein kämpferisch. »Denn die Produkte, die VMware zur Verfügung stellt, unterstützen Firmen dabei, effizienter zu werden, Kosten zu sparen und dabei gleichzeitig für eine sicherere, verfügbarere und flexiblere Infrastruktur zu sorgen. Wir werden in diesem Jahr zudem profitieren, weil Firmen gerade in schwierigen wirtschaftlichen Phasen eher dort investieren, wo sie mit einem großen Maß an Sicherheit und Stabilität rechnen können. Insofern sind wir optimistisch, dass wir auch 2009 ein gutes Jahr haben werden«. VMWare ist nicht der einzige Virtualisierer, dem die Stimmung in die Hände spielt.

Fazit: Angst essen Marge nicht auf

Geschäft wird zwischen Menschen gemacht und Menschen sind emotional. Die Omnipräsenz der Krisenberichte führt mitunter zu Sparsamkeit. Aber auch zu höherem Sicherheitsbedürfnis und größerem Engagement in Sachen Prozessmanagement. An Lösungen, die in diese Kerben schlagen, wird keineswegs gespart. Ganz im Gegenteil: Zumeist sind es Software-Anbieter und spezialisierte Systemhäuser, die krisengetrieben von den hochgekochten Emotionen profitieren – in Form dicker Auftragsbücher.

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