Zeiten des Wandels So profitieren Service Provider vom Modell Public Cloud

Ein Gastbeitrag von Holger Nicolay*

Die Hyperscaler haben sich durchgesetzt – ihre Investitionen in deutsche Rechenzentren sind ungebrochen, der Zuwachs an Kunden und Anwendungen ebenfalls. Systemhäuser und Managed Service Provider (MSPs) stehen dieser Veränderung zum Teil skeptisch gegenüber.

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Systemhäuser sowie Managed-Services-Anbieter und die Cloud: Droht der Absturz? Oder fangen die Dienstleister an zu schweben?
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(Bild: gemeinfrei: Gert Altmann / Pixabay )

Viele traditionelle Systemhäuser legen ihren Fokus auf die IT-Infrastruktur ihrer Kunden. Sie generieren Umsätze mit Projektgeschäften, die auf Reselling, Installation und Integration von Hardware beruhen. Deren regelmäßiger Austausch folgte über viele Jahre hinweg gewissermaßen zuverlässig den Gesetzmäßigkeiten von Abschreibungs- und Innovationszyklen.

Wandel durch Innovation

Doch genau diese Infrastruktur-Ebene, die auf Hardware basiert, haben Public-Cloud-Provider standardisiert und automatisiert. Auch bei Commodities, wie Office-Software oder Speicherplatz für Backup und Archivierung, nutzen die großen amerikanischen, zunehmend aber auch chinesischen Cloud-Provider ihre Skaleneffekte. Hier durch Hardware-Reselling mit eher geringen Handelsmargen mithalten zu wollen, scheint wenig erfolgversprechend.

Zwar haben viele Unternehmenskunden von Public-Cloud-Providern längst erkannt, dass nicht jeder Anwendungsfall zum Modell der skalierenden „pay per use“-Cloud passt. Sie verlagern deshalb die ungeeigneten, oftmals zu teuer gewordenen Workloads zurück auf die eigene Hardware.

Hieraus auf einen Trend zur Rückkehr des vormaligen Status-Quo abzuleiten, springt trotzdem deutlich zu kurz. Das Ergebnis sind hybride IT-Umgebungen, welche eine detaillierte Beschäftigung mit hybriden Spezifika im Bereich Netzwerk, Compliance und Informationstechnik erfordern.

Insofern könnten Public Clouds aufgrund ihres nachhaltigen Einflusses als Risiko für die Systemhäuser interpretiert werden. Dies beleuchtet aber nur eine Seite; denn gleichzeitig besteht die Chance, Türen zu neuen Geschäftsmodellen aufzustoßen und in partnerschaftlicher Koexistenz mit den Public-Cloud-Providern zu wachsen.

Der Markt verändert sich

Zahlreiche Systemhäuser schließen sich bereits zusammen, um ihre Position zu stärken. Dabei wird häufig ein Augenmerk auf vertikale und horizontale Ergänzung gelegt. Sie profitieren von komplementärer Expertise und erhöhen darüber hinaus ihre Wertschöpfungstiefe. Dies wiederum erlaubt ihnen auch überregionale und komplexe Projekte anzunehmen und erfolgreich zu bearbeiten.

Investoren haben die zergliederte deutsche Systemhauslandschaft als lohnendes Bestätigungsfeld identifiziert, um diese Zusammenschlüsse mit entsprechenden Beteiligungen zu ermöglichen und technologisch Synergien zu schaffen. Sie gehen dabei selektiv vor – der „Reifegrad“ der betrachteten Systemhäuser spielt eine große Rolle:

Sie bewerten vor allem, von welchen Betätigungsfeldern die Systemhäuser sich trennen müssen. Dabei gilt es, den „Hardware-Layer“ den Public Cloud Hyperscaler zu überlassen. Die Public-Cloud-Provider bringen einen weiteren Vorteil mit: Sie bieten heute nicht mehr nur zentralisierte Cloud-Services an, sondern integrieren Hardware und Cloud-Technologie zu Appliances, welche beim Kunden ohne lokale Installations- und Integrationsarbeiten in Betrieb genommen werden können.

Worin also besteht die Chance der Systemhäuser, sich individuell zu positionieren und Mehrwert zu generieren?

Public-Cloud-Provider bieten ihren Kunden Standardlösungen an, die zum Erreichen von Skaleneffekten einen möglichst breiten Markt adressieren. Dadurch bietet ihr Portfolio den Systemhäusen folgende Chance: Sich als Partner im Ökosystem dieser Cloud-Provider zu etablieren, welche deren Standard-Bausteine in eine passgenaue Lösung verwandeln, die den kunden- oder landesspezifischen Anforderungen an Datenschutz, Datensicherheit, Compliance und Performance entspricht.

Den Kunden im Blick, nicht seine Technologien

Systemhäuser machen sich vom Hardware-Layer unabhängig, indem sie sich zum IT-Service-Provider mit Domänenwissen in spezifischen Branchen weiterentwickeln und darauf fokussieren, digitale Geschäftsprozesse „Ende-zu-Ende“ zu durchdringen. Ihr Mehrwert entsteht durch die Beherrschung komplexer Technologiezusammenhänge statt der Fokussierung auf einzelne Bausteine.

Sie punkten mit Customizing. Immer mehr gefragt ist auch das Orchestrieren der zentralen Cloud-Welt mit den dezentralen Systemen im Rechenzentrum der Kunden oder einem Co-Location-Datacenter.

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Jedoch bietet eine solche Weiterentwicklung nicht nur Chancen, sondern ist auch mit Herausforderungen verbunden: Am Anfang der Transformation sind umfangreiche Investitionen zum Aufbau der notwendigen Expertise gefragt. Ein Wechsel des Geschäftsmodells vom Hardware-zentrierten Projektgeschäft hin zu langsam, aber stetig steigenden Service-Erlösen will auch in Bezug auf den Cash-Flow sorgfältig geplant sein.

Nicht nur Chancen

Spezialisten in den eigenen Reihen eröffnen IT-Service-Providern hierbei die Chance, von der Stärke der Public-Cloud-Provider zu profitieren. Zertifizierte Cloud-Partner werden mit kundenseitigen Projektanfragen bedacht, die der Cloud-Provider nicht alleine bedienen kann. Hier geht es meist um individuelle Beratung, Planung und Migration, bei der IT-Service-Provider ihre Systemhaus-Qualitäten in Sachen Kundennähe und Customizing optimal zur Geltung bringen können.

Wer es als Anbieter zudem schafft, seine Zertifizierung und Expertise durch erfolgreiche Projektabschlüsse zu belegen, bietet den Hyperscalern offensichtlichen Mehrwert bei der Generierung von Cloud-Umsätzen. Dies führt dazu, dass der IT-Service-Provider künftig fast automatisiert für Kundenprojekte in Frage kommt, die für eine erfolgreiche Umsetzung individuelle Beratungs- und Implementierungs-Expertise erfordern.

Die Welt wird hybrid

Viele der ehemals auf Hardware und Rechenzentrumsservices spezialisierten IT-Provider haben ihre jahrelang erworbenen Betriebserfahrungen zu Expertise in hybrider IT weiterentwickelt. Weil nicht alle Anwendungsfälle in der Public Cloud bestmöglich aufgehoben sind, suchen Endkunden genau diese Balance zwischen dem skalierenden Cloud-Modell und eigenen Systemen, zum Beispiel aus Gründen der Compliance-Anforderung, Kostenstruktur oder den technologischen Rahmenbedingungen.

Die Integration der On-Premises- und der Cloud-Welt erfordert in vielen Bereichen jedoch Expertise, Erfahrung und Wissen über die hybrid-spezifischen Herausforderungen. Da nicht jeder Kunde diese hat, besteht Beratungsbedarf.

So haben IT-Service-Provider die Möglichkeit, sich für hybride IT-Projekte zu positionieren. Wer darüber hinaus noch Netzwerk-Kenntnisse sein Eigen nennt und die Vorzüge von Colocation-Services in Bezug auf Public-Cloud-Proximity bewerten kann, spielt bei der Integration von geografisch verteilten Workloads in der ersten Liga.

Holger Nicolay
Holger Nicolay ist Business Development Manager bei Interxion in Frankfurt, Bestandteil von Digital Realty, einem führenden Co-Location Provider mit über 290 Carrier- und Cloud-neutralen Datacenter auf sechs Kontinenten.
Sein Fokus sind die Digitale Transformation sowie Connectivity- und Infrastruktur-Konzepte, mit denen Interxion seine Kunden als Infrastrukturpartner und Cloud Exchange Provider bei der Implementierung von hoch-integrierten hybriden Clouds und flexiblen Multi-Cloud-Lösungen unterstützt.
Nicolay ist Diplom-Informatiker (TU) und hat vor Interxion in verschiedenen Sales-, Marketing- und Management-Rollen in der Telekommunikationsbranche gearbeitet. Frühere berufliche Stationen waren die heutige 1&1 Versatel und Colt Technology Services.

(Bildquelle: Interxion)

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