Die Stimme aus dem Channel

Smart Home gleicht dem Turmbau zu Babel

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Das Apple-Prinzip

Wie sieht die Situation bei den Herstellern aus? Dort sind die Ziele wohl deutlich anders und stellen schon damit ein Grundproblem in der Verbreitung der Heimautomation dar. Alle haben erkannt, dass dort wohl ein riesiger Markt lauert und es gilt, ihn möglichst schnell zu beackern. Wichtig ist dabei der Zugang zum System, der möglichst abgeschottet sein muss. Somit bindet man den Kunden an sein System und kann völlig überteuertes Zubehör dazu verkaufen. Das Apple-Prinzip ist allen bekannt und muss nicht näher ausgeführt werden. Um langfristig Umsatz zu generieren, dürfen natürlich die Komponenten kein Einmalkauf sein, sondern sollten möglichst schnell durchkonsumiert werden.

Dabei ist der Branche wohl die Modeindustrie mit mindestens zwei Kollektionen im Jahr näher als die Heizungs- und Möbelbauer. Operational äußert sich dies in mangelhafter Qualitätsanmutung der Komponenten (billige Elkos, kalte Lötstellen, kurzlebige Relais), mangelhafter Software und fehlerhaftem GUI sowie unlogischer Installation und Bedienung. Diese sind natürlich für jeden Hersteller komplett verschieden.

Man könnte jetzt auf die Idee kommen, dies mit der Dummheit oder Unfähigkeit der Hersteller zu entschuldigen. Dann müssten aber alle denselben Murks produzieren. In aktuellen Interviews zeigen einige Hersteller aber eine erstaunliche Weitsicht was die Anforderungen angeht und scheinen sogar, den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu kennen. Denn der Kernpunkt ist ja wohl, dass es keinen Anbieter gibt, der ein funktionierendes Smart Home herstellen kann.

Maximal erhalten wir im Moment zeitlich und räumlich fernsteuerbare Funktionen die (dumm) regelbasiert vom System abgearbeitet werden. Für ein echtes Smart Home müsste sich das System aber den Verhaltensmustern der Nutzer anpassen können und selbstständig daraus Anpassungen an den Parametern vornehmen. Dies scheitert heute immer noch an der mangelhaften Anbindung der mittlerweile verfügbaren Sensorik. Denn ein System sollte mich erkennen, wenn es auf meine Parameter eingestellt werden soll.

Ist dieses Problem zu lösen? Wer sich wie ich in den letzten Monaten mal wieder durch die Systeme der Einbruchmeldeanlagen, Videoüberwachungen und Smart Homes durchgearbeitet hat, mag daran Zweifel hegen. Es gibt momentan keinen Hersteller, der als Zentralgestirn einen Schnittstellenmittelpunkt zwischen all den Systemen herstellen kann. Es gibt im Detail von vielen Herstellern gute Insellösungen, die aber an Schnittstellen scheitern. Es gibt aber viele, die gerne das Zentralgestirn wären. Sie verlangen dabei die totale Unterordnung derjenigen, die diese Schnittstelle nutzen wollen (siehe wie immer Apple). Dies wird hoffentlich nicht funktionieren.

Babel kann verhindert werden

Ich habe mir Gedanken gemacht, wie die grundsätzliche Problematik zu lösen ist. Das Geheimnis liegt nun einmal in der Kommunikation und der intelligenten Verarbeitung der Information. Dazu muss es ein intelligentes, leistungsstarkes Zentralsystem mit einer gesicherten Anbindung an das Internet oder einen Cloud Service geben. Da es in vielen Teilbereichen starke, gut funktionierende Lösungen gibt, müssen diese oder deren Gateways mit der Zentrale reden. Dies soll über einen offenen Webservice geschehen, der mit fixen – um Babel zu verhindern – und freien Parametern arbeitet. Dieser ließe sich verschlüsseln und würde somit auch die Sicherheit der Kommunikation herstellen. Die Sensorik muss sowohl über Kabel als auch über Funk anbindbar sein und das Anlernen der Komponenten sollte von der Methodik her standardisiert sein. Denn selbst bei Herstellern, die eine gute Methodik haben, wird diese in der eigenen Produktreihe nicht konsequent durchgezogen.

Durch Offenheit und Standardisierung könnte jeder Kunde die Komplexität und somit auch den Preis seiner Smart-Home-Lösung selbst bestimmen, und Anpassungen an bestehende Lösungen wären zu einem späteren Zeitpunkt realisierbar. Damit dies alles jemals Realität werden kann, müsste allerdings ein Umdenken in den Köpfen der Hersteller stattfinden. Sie müssen weg von der schnellen Markteroberung, hin zu einer langfristigen Marktbearbeitung. Denn Babel ist überall…

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