IDC-Studie: Netzwerk Transformation in Deutschland 2021 Sicherheit treibt Netzwerkmodernisierung an

Autor: Heidi Schuster

Der derzeitige Gesamteindruck der Unternehmensnetzwerke ist bedenklich, wie eine IDC-Studie aufzeigt. Das Management und der Betrieb von Netzwerken in deutschen Unternehmen sind häufig manuell und reaktiv, die Netzwerkteams teilweise überfordert.

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Nur ein Prozent der von IDC befragten Unternehmen können auf Software-defined Networking (SDN) verzichten, da ihre Netzwerke modern genug sind.
Nur ein Prozent der von IDC befragten Unternehmen können auf Software-defined Networking (SDN) verzichten, da ihre Netzwerke modern genug sind.
(Bild: Alex - stock.adobe.com)

Mit der Corona-Pandemie haben sich die Priorisierungen von Plänen, Technologieadaptionen und Investitionen maßgeblich verändert, und moderne Geschäftsmodelle sowie die entsprechenden technologischen Voraussetzungen rücken in den Fokus. Netzwerktechnologie ist dabei sowohl im Kontext verbesserter Sicherheit als auch moderner Geschäftsmodelle ein essenzieller Baustein.

Der Stellenwert des Netzwerks wird der IDC-Studie „Network Transformation in Deutschland 2021“ zufolge offenbar sehr unterschiedlich bewertet. Während knapp die Hälfte der befragten Unternehmen das eigene Netzwerk als reine Kostenstelle verbucht und es rein auf Konnektivität reduziert, schreiben ihm die anderen 50 Prozent der Firmen einen transformierenden Charakter zu: hier wird das Netzwerk als elementare Plattform für das Alltagsbusiness und als Innovations- und Business-Enabler gesehen.

Es zeigt sich bei der Studie auch, dass allen befragten Unternehmen die Relevanz von Netzwerken derzeit deutlich vor Augen geführt wird. Die verstärkte Nutzung des Homeoffice hat klar gezeigt, wo die Probleme der IT-Infrastruktur liegen. So modernisiert rund ein Viertel der Firmen derzeit die Netzwerke, ein weiteres Drittel hat das bereits im letzten Jahr erledigt.

„Dennoch sind Netzwerke, Netzwerk-Architekturen und das Netzwerk-Management in deutschen Unternehmen in einem bedenklichen Zustand und vielerorts weder den aktuellen noch den zukünftigen Anforderungen an Netzwerk-Performance und -Funktionalität gewachsen, denken wir etwa an IoT, Edge Computing oder Big Data“, sagt Marco Becker, Senior Consultant und Projektleiter bei IDC. „Veraltete Hardware, nicht mehr zeitgemäße Architekturen, intransparente Netzwerke und mangelnde Managementfunktionen sind die Bottlenecks in vielen Organisationen – auch in puncto Security.“

Sicherheit und Automatisierung der Netzwerke rücken in den Fokus

Netzwerksicherheit ist bei 31 Prozent der Befragten der größte Treiber für dessen Modernisierung. Aber auch das Netzwerkmanagement und dessen Automatisierung (24 %) sorgen für Dynamik: Die Komplexität und die schiere Menge an Daten und Devices ist mit manuellen Ansätzen nur noch schwer beherrschbar. Gleichzeitig stellt das manuelle Vorgehen ein Sicherheitsrisiko dar. Viele Probleme sind also hausgemacht, stellen die Marktforscher von IDC fest. Ein Grund dafür ist, dass 54 Prozent der Netzwerke hierzulande gewachsene Landschaften sind, die nur nach dem Best-Effort-Prinzip funktionsfähig gehalten werden oder zumindest Konnektivitäts-getrieben sind. Letztere sorgen immerhin für eine optimale End-to-End-Konnektivität, ohne dabei allerdings viel Wert auf die Qualität zu legen. 44 Prozent verfolgen modernere Architekturansätze wie Software-definiertes, Service-getrieben oder Intent-based Networking, um über die Konnektivität hinaus von Programmierbarkeit, Automatisierung und Intelligenz der Netzwerke profitieren zu können.

Das Best-Effort-Prinzip

„Best Effort“ bedeutet wörtlich übersetzt „größte Bemühung“. Es bezeichnet eine minimalistische Dienstgüte-Zusicherung in Telekommunikationsnetzen.
Der Betreiber eines Netzes sagt damit dessen Benutzern zu, eingehende Übermittlungsanfragen schnellstmöglich und im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nach besten Möglichkeiten zu bedienen. Best effort ist somit eine pauschale Qualitätszusicherung, im Zusammenhang mit abgestuften Formen spricht man von Quality of Service.
(Quelle: Wikipedia)

Intent-based Networking

Intent-based Networking hat das Ziel, manuelle Prozesse zur Netzwerkkonfiguration zu automatisieren sowie Netzwerkprobleme automatisch zu erkennen und zu beheben.

SDN: Die Lösung aller Probleme?

Je nach Netzwerkbereich gibt rund ein Fünftel der Studienteilnehmer an, in ihrem Unternehmen umfassend SDN (Software-defined Network) umgesetzt zu haben. Kostenoptimierungen (28 %), der bessere Anwendungsbetrieb (27 %) sowie Verbesserungen für Sicherheit und Compliance (25 %) wurden dabei als Hauptgründe genannt. Vorteile kann SDN auch für das Netzwerk-Management bringen. 55 Prozent der Unternehmensnetzwerke werden allerdings noch klassisch gemanagt, das heißt Fehler und Probleme werden erst rückwirkend oder in dem Moment, in dem sie gerade auftreten, behoben.

Ein proaktives oder prädiktives Vorgehen findet bislang nur in gut einem Drittel der Unternehmen statt, was negative Auswirkungen auf die Produktivität der Netzwerk-Teams aufzeigt: Rund drei Viertel der Befragten sagen in der Studie, dass Management-Tasks kaum noch oder nur mit hohem Aufwand zu bewältigen sind. Ein einfacheres und automatisiertes Netzwerkmanagement ist daher auch für 24 Prozent der Unternehmen ein Grund für den SDN-Ansatz, der neue Managementfunktionen bietet und mehr Transparenz und einen besseren Überblick über das Netzwerk und dessen Performance schafft.

Am wichtigsten für die Netzwerktransformation erachten die Befragten daher auch SDN und Netzwerk-Virtualisierung in verschiedenen Facetten: von grundsätzlicher SDN-Architektur, über Network Functions Virtualization (NFV), bis hin zu SD-WAN und SD-Branch für die Standort- und Zweigstellenvernetzung. Hinzu kommen Vernetzungstechnologien wie 5G und WiFi-6, die sich ebenfalls gut mit SDN und NFV kombinieren lassen.

Schwachstellen

Problematisch zeigt sich in der Umfrage auch der Umgang mit dem Netzwerk-Performance-Management, das in 53 Prozent der befragten Unternehmen nur auf einzelne Devices und alarmbasierte Mindeststandards beschränkt ist. Obwohl eine gute Performance das Ziel des Netzwerkbetriebs ist, wird ihrer Ermittlung nur in einer knappen Hälfte der Betriebe eine höhere Bedeutung beigemessen: Immerhin haben 29 Prozent der Studienteilnehmer ein Netzwerk-übergreifendes, zentralisiertes Reporting etabliert, weitere 14 Prozent haben sich mit Automatisierung, Künstlicher Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) auch schon an vorausschauendes Performance-Management herangewagt.

Teil des Problems ist dabei der Umgang mit KPIs (Key Performance Indicators). Im Schnitt nutzen die Befragten nur ein oder zwei KPIs, um den Erfolg des Netzwerkbetriebs zu bestimmen, was laut IDC dazu führt, dass die Netzwerkperformance zu einseitig betrachtet wird – beispielsweise nur aus Kundenzufriedenheitssicht oder anhand des Wartungsaufwands. Viele Unternehmen sind dadurch tatsächlich gar nicht dazu in der Lage, ganzheitlich einzuschätzen, ob ihre Netzwerk-Performance ausreichend und aufgestellt ist für essenzielle Technologien der Digitalen Transformation.

Fazit von IDC

Die Befragten zeigen hohe Ambitionen, ihre Netzwerkarchitekturen auf einen modernen Stand zu bringen und mit mehr Intelligenz auszustatten. Während aktuell noch mehr als die Hälfte der Netzwerke relativ rudimentär aufgebaut sind, manuell gemanagt werden und sich mehr oder weniger auf reine Konnektivität beschränken, soll der Anteil an Unternehmen mit fortschrittlichen Netzwerken innerhalb der nächsten zwei Jahre von 44 auf 64 Prozent steigen. Der Fokus liegt dabei auf Software-definierten Netzwerken, die es erlauben, den Netzwerkverkehr über ein zentrales Management zu steuern sowie Performance-Anforderungen einzuhalten.

In einem nächsten Schritt können diese zu Service-Driven Netzwerken weiterentwickelt und am geschäftlichen Alltag ausgerichtet werden, indem Performance- und Funktionalitätsanforderungen an die einzelnen Geschäftsbereiche und ihre Applikationen ausgerichtet werden. Eine Policy- und KI/ML-basierte Netzwerkumgebung, die sich vollautomatisiert an dynamische Anforderungen anpasst, ist offenbar aber noch Zukunftsmusik für die Firmen, wie die Studienergebnisse belegen. Hierfür fehlen häufig noch die technologischen Voraussetzungen. In vielen Fällen ist der entsprechende Bedarf noch nicht vorhanden, und einige zweifeln an der Reife und Verlässlichkeit der am Markt befindlichen Lösungen. Digitalisierungs-Technologien wie Big Data, Hybrid & Multi Cloud, IoT und Edge Computing stehen bei vielen Unternehmen auf der Agenda, doch vielen ist nicht bewusst, welch tragende Rolle programmierbare, automatisierbare und performante Netzwerke für diese Technologien haben – das lässt sich deutlich an den Ergebnissen der Studie ablesen. Hier sieht IDC die Anbieter in der Pflicht, im Sinne einer zügigen Digitalisierung Aufklärungsarbeit zu leisten.

Über die Studie

IDC befrage Anfang Februar 2021 in Deutschland 158 Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern aus unterschiedlichen Branchen. Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie waren mindestens fünf WAN-Verbindungen und kritischen Verbindungen in Public Clouds. 41 Prozent der befragten Unternehmen unterhalten mehr als 100 WAN-Verbindungen, und 92 Prozent haben wichtige Verbindungen zu externen Clouds.

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Über den Autor

 Heidi Schuster

Heidi Schuster

Redakteurin, Online CvD, Vogel IT-Medien