Interview mit Peter Arbitter von Siemens Rechenzentrum der Zukunft fordert Dienstleister heraus

Redakteur: Katariina Hoffmann-Remy

Der Koloss Rechenzentrum bewegt sich. Ausgelöst durch neue Technologien wie Virtualisierung, wachsendes Interesse der Kundschaft an Hosting-Modellen – Stichwort SaaS – und Trends wie »Green IT« zeichnet sich jetzt ein Umbau ab. Peter Arbitter, Leitung Desktop & Server bei Siemens IT Solutions and Services, erläutert seine Vorstellung davon, wie sich Datacenter künftig präsentieren werden.

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ITB: Wie sieht das Rechenzentrum der Zukunft aus?

Arbitter: Das Rechenzentrum der Zukunft ist modular aufgebaut, es kann sich flexibel an die Anforderungen der Kunden und die einzelnen Geschäftsmodelle im B2B-, C2C- oder B2C-Bereich anpassen. Die Abbildung der Geschäftsprozesse wird immer mehr in den Vordergrund treten.

ITB: Bleibt die Anzahl der aktiven Rechenzentren Ihrer Meinung nach gleich hoch?

Arbitter: Es wird nicht mehr diese große Anzahl von Rechenzentren geben, sondern vielmehr wenige große Giga-Rechenzentren, welche die remote-angebundenen Kunden versorgen. Dazu wird eine neue Generation von Wide Area Application Services beitragen. Insgesamt wird der Grad der Automatisierung stark zunehmen, und alle Funktionen können aus der Ferne gesteuert werden. Der Rechenzentrums-Betrieb wird dadurch von der Infrastruktur entkoppelt.

ITB: Hat der höhere Automatisierungsgrad einen Einfluss auf die Stärke der Betriebsmannschaft?

Arbitter: Die kleinen Rechenzentren werden mannlos betrieben, bis auf »helping hands« muss kein Mitarbeiter mehr vor Ort sein. Mit der Entkoppelung wird eine hohe Beweglichkeit von Anwendung und Daten erreicht, was wiederum eine höhere Flexibilität bei der Auswahl der Dienstleistungserbringer nach sich ziehen wird.

ITB: Damit weniger Rechenzentren mehr Kunden bedienen können, müssen diese auch dafür ausgerichtet sein. Wie geschieht dies?

Arbitter: Die Voraussetzung für eine Steigerung der Effizienz sind Standardisierung und Konsolidierung. In Zukunft werden beispielsweise unterschiedliche Geschäftsprozesse mit ein und derselben Infrastruktur abgebildet und die einzelnen Anwendungen laufen parallel. Möglich wird dies durch die konsequente Virtualisierung. Da die Auslastung der Infrastruktur durch dieses Prinzip noch sehr stark optimiert werden kann, sinken die Betriebkosten.

ITB: Welche Anwendungen werden dort zum Einsatz kommen? Welche konkreten technischen Veränderungen wird es geben?

Arbitter: Die Virtualisierung ist der Standard im Rechenzentrums-Betrieb, mit dem sich die meisten Anwendungen unterstützen lassen. Als Hardwareplattform kommen sowohl Commodity-Hardware als auch Bladeserver zum Einsatz. Die Administration verlagert sich dadurch weg von der reinen Serveradministration hin zum Systemmanagement des neuen Virtualisierungslayers. Nachdem Anwendungen nicht mehr auf dedizierter Hardware zum Einsatz kommen, muss sichergestellt werden, dass die nun im Wettbewerb stehenden Applikationen einer virtuellen Serverlandschaft dennoch die notwendigen Ressourcen erhalten. Dieses Policy-getriebene Management stellt neue Anforderungen an das Systemmanagement und an die Betreuung der Systeme. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Anwendung in einer virtuellen Umgebung laufen kann. Wo dies noch nicht gegeben ist, muss es in absehbarer Zukunft von den Anwendungsentwicklern sichergestellt werden.

ITB: Das Thema Energieeffizienz wird derzeit viel diskutiert. Inwiefern spielt dies eine Rolle in Rechenzentren?

Arbitter: Es ist es zwingend notwendig, dass die zum Einsatz kommenden Server effizienter mit der Energie umgehen. Dabei liegt das Augenmerk nicht nur auf den Kosten des Serverbetriebs, sondern vor allem auf den Kosten der dazu notwendigen Infrastruktur wie beispielsweise Strom und Kühlung. Die Wärmeentwicklung von Serversystemen und die dadurch entstehenden Kosten sind Herausforderungen, die der Rechenzentrumsbetrieb adressieren muss. Bei Siemens IT Solutions & Services setzen wir beispielsweise schon heute darauf, durch Virtualisierung und ökonomische Serverauslastung möglichst wenig Energie zu verschwenden. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärkt fortsetzen.

ITB: Welche Auswirkungen haben die Neuerungen auf die Dienstleister?

Arbitter: Für den Rechenzentrums-Betreiber bedeutet die Virtualisierung zum einen, dass sich die Skill-Anforderungen an die Systemadministration verändern. Durch eine weitere Entkopplung der Infrastruktur von der Applikation wird zum anderen eine Standardisierung erzwungen, was die Globalisierung und das Offshoring vereinfacht und die Austauschbarkeit der Hersteller als auch der Dienstleister erleichtert. Die höhere Flexibilität und Anonymität, die durch die Virtualisierung erreicht wird, steht allerdings im Widerspruch zu Compliance-Anforderungen wie beispielsweise durch den Sarbanes Oxley Act. Diesen Widerspruch muss das Systemmanagement des Virtualisierungs-Layers lösen. Die höheren Packungsdichten der Server und die daraus resultierenden Abwärmeprobleme führen zu einer höheren Bedeutung der Energieeffizienz im Rechenzentrums-Betrieb. Dieses Problem können Dienstleister und Hersteller nur gemeinsam lösen.

ITB: Was bedeutet das für Reseller?

Die Neuerungen im Rechenzentrums-Betrieb, also Virtualisierung und Energieeffizienz, gehen einher mit schärferen Regularien wie sie beispielsweise Sarbanes Oxley Act und Basel II darstellen, sowie einem generell steigenden Datenvolumen. Dies führt dazu, dass immer mehr Unternehmen erkennen, dass der Rechenzentrums-Betrieb keine Kernkompetenz des Unternehmens darstellt, sondern ein Outsourcing-Betreiber dieses Geschäft deutlich effizienter durchführen kann. Die Reseller müssen sich also darauf einstellen, dass das »grüne Rechenzentrum“ kein Hype-Thema ist, sondern zukünftig das Infrastrukturgeschäft massiv beeinflussen wird.

ITB: Welche Kapazitäten werden die Rechenzentren der Zukunft für Software-as-a-Service-Modelle vorhalten? Auf welchem Typus Server wird dies voraussichtlich angeboten werden und welche Relevanz hat dieses Thema für Siemens IT Solutions?

Arbitter: Das hängt ganz davon ab, wie sich die Software-Hersteller verhalten, wann sie mit geeigneter Software den Markt betreten und mit welchen Anforderungen sie ein Rechenzentrum belasten. Generell sollten sich diese Anforderungen mit unseren Virtualierungslösungen abbilden lassen und keinen zusätzlichen Aufwand bedeuten. Derzeit bietet Siemens IT Solutions & Services Web-basierende ASP-Modelle an, die – bei entsprechender Nachfrage – um SaaS-Modelle erweitert werden können.

Hintergrund

Die Gruppe Siemens IT Solutions & Services bündelt seit Januar 2007 die Aktivitäten der folgenden Siemens-Abteilungen unter ihrem Dach: Siemens Business Services (Deutschland), Business Innovation Center (Schweiz), Development Innovations and Projects (Griechenland), Program and System Engineering (Österreich), Siemens Information Systems Ltd. (Indien). Der Bereich Siemens IT Solutions & Services erwirtschaftet Umsätze in Höhe von fünf Milliarden Euro und beschäftigt rund 43.000 Mitarbeiter.

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