Stimme aus dem Channel Provider-Latein oder die Vertuschungsaktion der Telekom

Autor / Redakteur: A-H-S Computer/Achim Heisler / Sarah Gandorfer

IT-Dienstleister Achim Heisler macht sich Gedanken darüber, welchen Rattenschwanz der Vorstoß der Deutschen Telekom bezüglich DSL-Drosselung nach sich zieht. Mit Schrecken stellt er fest, dass die Auswüchse bis in die Cloud reichen. Zudem wundert er sich, warum die Server der Deutschen Telekom beim Betriebssystem mangelhaft sind.

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Wenn die Telekom die Leitungen für Entertain-Programme drosselt, ist die Netzneutralität aufgehoben.
Wenn die Telekom die Leitungen für Entertain-Programme drosselt, ist die Netzneutralität aufgehoben.
(© WoGi - Fotolia.com)

In den vergangenen Tagen machte mir die Deutsche Telekom mal wieder ein wenig Sorgen. Nein, nicht wegen der üblichen DSL- und Wechselprobleme. Diese würden ganze Bücher füllen und sind natürlich nicht telekomspezifisch. Der erste Punkt betrifft uns alle, wenn der Versuchsballon der Telekom nicht zum Platzen gebracht wird. Das große Wort dahinter ist die Netzneutralität. Hier versucht die Telekom gerade, diese zu untergraben. Auf den ersten Blick möchte sie nur weg von den echten Flatrates und auch im DSL-Bereich volumenabhängige Tarife einführen. Denn laut der Telekom verursacht ein nur kleiner Teil der User einen Großteil des Traffics.

Als Normalnutzer könnte man nun geneigt sein, der Telekom zuzustimmen. Denn wieso soll ich in meinem Tarif die Poweruser subventionieren und das nötige Bandbreitenwachstum finanzieren? Und wie kann es falsch sein, wenn selbst ein Top-Verband wie der Bitkom, über seinen allwissenden Vorsitzenden, Verständnis für die Telekom verkünden lässt.

Verdächtig

In diesem Fall düngt mich aber der Verdacht, dass Herr Rohleder eine rosarote oder exakter, magentafarbene Brille aufgesetzt hat. Möchte er wirklich glauben, dass am Ende des Tages nur die momentan angesprochene Zielgruppe davon betroffen sein wird? Denn um sich das Perfide am Plan der Telekom genauer anzuschauen, muss man etwas genauer lesen. In Zukunft möchte die Telekom eine Mehrklassengesellschaft im Netz einführen. Es beginnt damit, dass sie den erheblichen Mehr-Traffic durch ihre VoiP- oder Entertain-Angebote nicht berechnen möchte. Somit sind die eigenen Dienste natürlich im Vorteil gegenüber anderen Portalen. Dies geht natürlich nur, wenn ich die Pakete im Netz entsprechend markiere. Nun versteht man auch, weshalb die Telekom (und auch andere Provider) den Router beim Kunden als ihr Hoheitsgebiet betrachten wollen. Denn in der Kombination eröffnet sich das Potenzial, verschiedene Arten von Netzpaketen abzurechnen.

Und hier beginnt nun mein böser Blick in die Zukunft. Inhalte im Netz werden nicht nur mit unterschiedlichen Preisen versehen, sondern auch über den Provider noch inhaltlich gefiltert. Hier muss sich Herr Rohleder fragen lassen, ob er wirklich daran glaubt, dass die Telekom es dabei belassen wird, nur die Pakete von Privatnutzern zu kontrollieren. Wenn die Telekom mit ihrem Modell Erfolg hat, dann wird dies nur der Anfang eine Lawine sein, die uns alle begraben wird.

Die anderen Provider werden schnell nachziehen und das Modell wird schließlich auch auf die lukrativen Geschäftsanschlüsse ausgebaut. Kombinieren wir dies mit der zukünftigen, allumfassenden Cloud-Welt, dann wird einem das zukünftige Abhängigkeitsverhältnis sehr schnell bewusst. Sollten unsere Provider der Meinung sein, die Flatrates in Volumentarife verwandeln zu wollen, dann hat dies netzneutral zu geschehen.

Denn wenn wir erst einmal zwischen guten und schlechten oder schnellen und langsamen Paketen unterscheiden werden, ist es zu spät. Auch wenn Herr Obermann nun wortreich erklärt, das sein Entertain nichts mit dem sonstigen Internet zu tun habe und die Netzneutralität überhaupt nicht in Gefahr sei, wird es ihn vielleicht erstaunen, dass auch Multimedia im Grunde seines Herzens nur IP-Pakete sind. Deshalb kann im Netz nur der Grundsatz gelten: Ein Paket ist ein Paket, ist ein Paket (jedenfalls wenn es keine rein funktionalen Gründe für eine Priorisierung gibt).

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich unsere Stimme aus dem Channel über unsichere Server wundert.

Verwirrung Nummer zwei

Aber nicht nur im großen Stile schafft die Telekom es, mich nachhaltig zu verwirren. Ein Kunde von mir erhielt diese Woche ein Schreiben der Telekom, das seinen „Dynamic Virtual Server“-Vertrag (DVS) betraf. Dort teilt die Telekom mit, dass der Vertrag einseitig zum 30. Juni 2013 gekündigt werde. Dies ist noch nicht wirklich außergewöhnlich, aber die Gründe für die Kündigung haben mich schon beeindruckt.

Dort schreibt die Telekom nämlich, dass mit dem aktuellen Betriebssystem (BS) eine sichere Fortführung der Plattform nicht mehr gewährleistet sei, und man deshalb das komplette Produkt einstelle. Angeblich gab es auch massive Angriffe auf den Server meines Kunden und da solle man doch auf die sicheren Server der Telekom-Tochter Strato wechseln.

Als mein Kunde mir den Brief weiterreichte, dachte ich zunächst an einen verspäteten Aprilscherz. Denn ist es nicht die Kernaufgabe des Providers für den sicheren Betrieb der Plattform zu sorgen? Doch bei meinem Anruf bei der Telekomtechnik wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Es handelt sich bei unserem DVS-Paket um einen unmanaged Server und mit seinem alten BS CentOS 4.5 sei dieser nicht mehr patchbar. Hier war ich schon kurz davor meine Schuld anzuerkennen und den verantwortlichen Kollegen mal zu fragen, wieso das System nicht hochgepatcht wurde.

Doch dann fiel mir ein, dass unser System wohl doch nicht so ganz unmanaged ist, wie mir das gerade verkauft werden sollte. Denn auf die Frage, wann mein Kollege denn eine neue BS-Version aufspielen kann, wurde mir erklärt, dass wir gar nicht die Möglichkeit haben, ein neues BS einzuspielen. Wir könnten nur das installierte System patchen. Hier war ich dann geistig überfordert mit der Telekom-Logik.

Von oben sieht man besser

Aber in solchen Momenten löst sicher glücklicherweise mein Astralleib von meinem eng begrenzten Körper und beginnt in höheren Sphären zu schweben. Von dort aus hat man den im Management oft angeführten „Blick auf das große Ganze“. Was wäre also, wenn man diese Server nicht mehr wirtschaftlich betreiben kann oder diese teure Telekom-Abteilung gegen eine neue günstigere Strato-Abteilung ausgetauscht werden soll?

Denn wenn man die Kunden in der vorhandenen Struktur hätte halten wollen, dann hätte man das BS upgraden können. Wäre das Schreiben mit der Sicherheitswarnung ohne die Kündigung bei meinem Kunden eingetroffen, dann hätte ich die Telekom an dieser Stelle für ihr vorbildliches Informationsverhalten gelobt. Aber in der Kombination mit der Kündigung, hat dies leider einen faden Beigeschmack. Es beschleicht mich hier der Eindruck, als wolle man langjährige Kunden elegant und kurzfristig entsorgen.

Im Großen wie im Kleinen müssen meine Kunden und auch ich oftmals mit den Entscheidungen der Konzerne leben. Aber dem Management sollte immer bewusst sein, das diese hinterfragt werden. Und dann können wir zu ganz anderen Schlüssen kommen, als uns das offizielle Provider-Latein gerne verkaufen möchte.

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