Sun-Chef Marcel Schneider Open Source bringt Sun zurück in die Gewinnzone

Autor / Redakteur: Das Interview führte Stefan Riedl / Dr. Stefan Riedl

Für viele im Markt ist Sun eine Art Blackbox. Woran verdient das Unternehmen, wenn die komplette Software-Range Open Source wird? Warum hat Sun trotz Verlusten so viel zugekauft? Sun-Chef Marcel Schneider steht Rede und Antwort.

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ITB: Vor ungefähr zwei Jahren hat Sun eine radikale Kehrtwende auf das vertriebliche Parkett gelegt und setzt seither voll auf die Open-Source-Philosophie. Vom Solaris-Betriebssystem über die Programmiersprache Java, die OpenOffice-Suite bis hin zur Architektur der Sparc-Prozessoren ist alles offen gelegt und einsehbar. Geht diese Rechnung denn überhaupt auf?

Schneider: Sie geht auf. Sie können auf zwei Wegen Standards setzen. Entweder Sie schaffen eine große installierte Basis, indem Sie große Volumen verkaufen – ich nenne das mal den Microsoft-Weg – oder Sie setzen auf offene Standards und Interoperabilität wie wir. Der Open-Source-Gedanke ist dabei der Schlüssel zur Öffnung der Plattformen.

ITB: Und finanziell? Immerhin kann man bei Sun Vollversionen der Software jeglicher Couleur im Portfolio herunterladen, also keine Demo- oder abgespeckte Versionen, wie so oft der Fall …

Schneider: Die Rechnung geht trotzdem – nein, gerade deshalb – auf. Nehmen wir als Beispiel unser offenes Betriebssystem Solaris. Sie können es kostenlos herunterladen und modifizieren, was in den letzten zwei Jahren übrigens 7,5 Millionen Mal getan wurde. Wenn Sie Solaris im geschäftskritischen Umfeld einsetzen, können Sie sich jedoch auch Lizenzen mit einhergehender Supportunterstützung kaufen. Sie können – müssen jedoch nicht.

Der Lizenz- und Supportvertrieb ist vom Geschäftsmodell her mit Suse oder Red Hat zu vergleichen, so dass sich der Kunde nicht fragen muss »Was ist das bessere Geschäftsmodell?«, sondern »Was ist die bessere Technologie?« Und jetzt schließt sich der Kreis wieder: Durch die große installierte Basis und die große Entwicklercommunity, ja, ich möchte fast Fangemeinde im Open-Source-Umfeld sagen, haben wir die bessere und offenere Technologie. Im Geschäftsumfeld ist es letztlich wichtig, dass die IT reibungslos funktioniert – da investieren die Firmen gerne in professionellen Support, auch wenn sie Solaris und andere Produkte kostenlos downloaden könnten.

ITB: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase rutschte Sun tief in die roten Zahlen, kaufte aber dennoch fleißig Firmen und Technologien auf. Vielen in der IT-Branche blieb die unternehmerische Gesamtstrategie dahinter verschlossen.

Schneider: Zunächst einmal sind wir seit dem zweiten Geschäftsquartal von Sun im Jahr 2007, das zum Jahreswechsel endete, wieder in den schwarzen Zahlen. Die angesprochene unternehmerische Gesamtstrategie stammt aus Scott McNealys Zeit, der als CEO stets einen positiven Cash-Flow angestrebt hat, unter dem aber die Wachstumsstrategie stark auf Akquisitionen ausgelegt war, teilweise auf Kosten des Gewinns. Wenn das Ziel die Technologieführerschaft ist, bleibt ihnen auch nichts anderes übrig.

Auch unser jetziger CEO, Jonathan Schwartz, scheut keine großen Investitionen, allerdings gilt das Hauptaugenmerk nun nicht mehr nur einem positiven Cash-Flow, sondern auch klar gesteckten Renditevorgaben. Ziel im vierten Quartal sind vier Prozent Umsatzrendite nach US-GAAP, und langfristig peilen wir zehn Prozent Umsatzrendite an.

ITB: Das hört sich ehrgeizig an. Immerhin ist ein wichtiges Standbein von Sun das Server-Geschäft, und bekanntlich kennt die Hardwaremarge gegenwärtig nur eine Richtung: abwärts.

Schneider: Dessen sind wir uns durchaus bewusst. Allerdings ist das Server-Geschäft nur eines unserer Standbeine. Im Prinzip verfolgen wir unser so genanntes Vier-S-Konzept: Storage, Service, Software und Systems …

ITB: Da fehlen jetzt aber die Server, obwohl auch sie mit »S« beginnen.

Schneider: Server fallen zusammen mit Virtualisierungstechnologien und Rechenzentren in den Bereich »Systems«. Damit sind wir auch in den stark wachsenden Segmenten aufgestellt.

ITB: Sun ist als Server-Hersteller und Java-Erfinder groß geworden, hat Storagetek zugekauft, den Bereich Betriebssysteme ausgeweitet und ist auch ein Player in Sachen Kryptografie und Security. Gepaart mit dem Strategiewechsel hin zu Open Source führt das dazu, dass viele sich schwer tun, das Unternehmen in eine bestimmte Schublade zu stecken …

Schneider: Wenn es denn unbedingt eine Schublade sein muss, dann sollte »Architektur-Anbieter« draufstehen. Um Sun zu verstehen, muss man sich folgendes klar machen: Wir haben weltweit etwa 35 000 Mitarbeiter, von denen etwa die Hälfte in der Entwicklung tätig ist. Sie arbeiten eng mit der Entwickler-Community außerhalb des Unternehmens zusammen, denen wir kostenlos Vollversionen unserer Software und kostenlos Entwicklerumgebungen zur Verfügung stellen. Hand in Hand entstehen so offene Technologie-Plattformen.

Durch den Kauf weiterer Unternehmen und Technologien runden wir unser Profil als Architekturanbieter ab. Wenn wir beispielsweise, wie Sie richtig bemerkt haben, nun auch Kryptografie im Portfolio haben, dann liegt das daran, dass wir unseren Kunden aus dem Storage-Bereich gleich eine Möglichkeit bieten möchten, ihre Magnetbänder zu chiffrieren. Immerhin besteht die Gefahr, wenn Sie Ihre Bänder von A nach B zu einem Wirtschaftsprüfer schicken, dass sie fälschlicherweise bei C landen.

ITB: Aber Sun hat sogar die Baupläne für Sparc-Prozessoren offen gelegt, obwohl es schätzungsweise keine Mikrosystemtechniker-Community gibt, die die CPUs weiter entwickelt …

Schneider: Doch, die gibt es. Sehen Sie sich mal auf die Webseite www.opensparc.org um, das wird Sie vom Gegenteil überzeugen. Natürlich liegt aber das Gros der Entwicklung in den Händen unserer Ingenieure und denen von Partnerfirmen. Nehmen Sie die neue M-Serie als Beispiel, die wir zusammen mit Fujitsu entwickelt haben und nun gemeinsam fertigen und vertreiben. Die Server-Serie »Sparc Enterprise« rollt seit kurzem von den Bändern einer Fujitsu- und zweier Sun-Fabriken. Wir haben hier gemeinsam Überragendes geleistet.

Auch mit dem T1-Prozessor für Chip-Multi-Threading haben wir schätzungsweise zwei bis drei Jahre Vorsprung zu AMD und Intel. Unsere Server mit dieser Technologie laufen sehr gut, weil wir genau das bieten, was der Markt gegenwärtig benötigt. Durch die langsame Taktung und den Fokus darauf, viele Parallelprozesse verarbeiten zu können, haben wir es geschafft, viele Transaktionen gleichzeitig verarbeiten zu können und dabei sehr viel Strom zu sparen. Getrieben wird der Erfolg von steigenden Strompreisen und dem gegenwärtigen Internetboom.

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ITB: Vor kurzem wurde ein eigener Geschäftsbereich für den Verkauf der Sparc-Chips gegründet. Wozu diese Umorganisation?

Schneider: Weil der Markt dafür da ist. Die neue Business-Unit wird die Sparc-CPUs anderen Anbietern zur Verfügung stellen, die die Technologie in ihren Servern einsetzen wollen. Es gibt auch schon erste Verträge, beispielsweise mit Marvel, einem großen OEM-TK-Hersteller.

ITB: Lassen Sie uns zurück auf die Software kommen: Sun erhielt 2004 von Microsoft rund 1,6 Milliarden US-Dollar, um Lizenzstreitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Daraufhin wurde eine langjährige Zusammenarbeit angepeilt. Was ist daraus geworden?

Schneider: Wir arbeiten tagtäglich sehr eng mit Microsoft zusammen, insbesondere wenn es um die Interoperabilität zwischen .NET und Java geht. Das Thema wird immer wichtiger, denn wenn in einer serviceorientierten Architektur unter dem Schlagwort SOA über das Web Dienste zur Verfügung gestellt werden, passen die Puzzlestücke zusammen, egal ob sie nun in einer .NET- oder einer Java-Umgebung entstanden sind.

ITB: Womit wir wieder beim Thema offene Plattformen angekommen wären.

Schneider: Richtig. Offen heißt am konkreten Beispiel: Wenn Sie Solaris einsetzen möchten, können Sie das gerne auch auf einem IBM-Server tun, wenn Sie davon überzeugt sind. Wir fänden es natürlich besser, wenn Sie einen unserer Sparc-Server kaufen, aber die Offenheit all unserer Systeme und Standards sind letztlich unsere Stärke.

Das Thema bewegt die IT-Entscheider immens, das merken wir bei vielen Kundengesprächen. Wenn Sie sich in einem proprietären System festgefahren haben, kommen Sie da nicht mehr so schnell wieder raus, da Sie in diesem Fall die Kosten einkalkulieren müssen, die entstehen, wenn Sie den Hersteller wechseln. In diesem Zusammenhang sprach ein Kunde einmal von der »Droge IBM«, von der er nicht mehr loskomme.

Mit unserer offenen Architektur eliminieren wir diese Migrationskosten und nehmen so eine Menge Druck aus der Kalkulation. Das hat letztendlich dazu geführt, dass Sun nun wieder so erfolgreich ist.

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