Gehalt ist nicht alles Neue Freiräume bei der Arbeit gesucht

Von dpa-AFX

Weniger Stress vor dem Wochenende – so lautet das Motto bei Europas größtem Softwarekonzern SAP. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland sind aufgefordert, freitags soweit wie möglich auf Konferenzen sowie Telefon- und Videoschalten zu verzichten.

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Die Corona-Pandemie löste in der Arbeitswelt viele Denkanstößen aus.
Die Corona-Pandemie löste in der Arbeitswelt viele Denkanstößen aus.
(Bild: © Marina Zlochin - adobe.stock.com)

Die Aktion der Walldorfer beginnt offiziell am 20. Mai 2022. Es sei nun möglich, „an einer Sache länger konzentriert zu arbeiten oder auch um einen Zeitpuffer zu haben, falls noch eine wichtige Abstimmung stattfinden muss“, zitierte das Unternehmen Tabea Maechtel, die unter anderem als Coach arbeitet. Sie nutzt die Zeit, um mit ehemaligen Kollegen in Kontakt zu bleiben, mit einer Kollegin Essen zu gehen, E-Mails zu beantworten und ein Buchkapitel zu lesen.

Die Branche der Informationstechnik (IT) kann sich angesichts der Umbrüche in der Arbeitswelt glücklich schätzen. Spezialisten sind gesucht, flexibles Arbeiten gibt es schon länger, und manche arbeiten auf einem anderen Kontinent als ihr Arbeitgeber. „In der IT-Branche sieht man, dass neben dem Gehalt auch die Arbeitsgestaltung, Mitspracherechte und das soziale Umfeld bei der Arbeit zunehmend eine Rolle spielen“, sagte Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig.

Mehrheit im Homeoffice

Bei IT-Dienstleistern sind weiter viele Beschäftigte im Homeoffice – auch wenn die Pflicht, die Heimarbeit zu ermöglichen, im Zuge der abklingenden Corona-Pandemie mittlerweile weggefallen ist. Im April waren immerhin 72 Prozent der Belegschaften in der Heimarbeit, mehr als doppelt so viele wie im Schnitt der Dienstleister insgesamt, wie das Münchener Ifo-Institut kürzlich berichtete.

Softwareentwickler sind begehrt, auch in der Automobilindustrie. Autos werden digitalisiert und sollen in Zukunft auch ohne Fahrer auskommen. Der Hersteller Mercedes-Benz stellt weltweit viele Spezialisten ein. „Die Nachfrage ist deutlich höher als das Angebot“, resümierte unlängst Markus Schäfer, der im Vorstand die Bereiche Entwicklung und Einkauf verantwortet.

Um das Softwarezentrum in Sindelfingen südwestlich von Stuttgart attraktiver zu machen, vereinbarte der Hersteller mit dem Betriebsrat ein neues Arbeitszeitmodell. Schäfer hob die sogenannte Vertrauensarbeitszeit hervor, bei der eine Zeiterfassung entfällt. Entwickler können beispielsweise mittags nach Hause gehen, andere Dinge machen und dann später wiederkommen. „Das klassische Arbeiten in einem Einzelbüro ist lange vorbei“, bilanzierte Schäfer. Wenn das Wetter mitspielt, kann in Sindelfingen auch auf der begrünten Dachterrasse „g'schafft“ werden, wie es im Schwäbischen heißt.

Work-Life-Balance

Die Corona-Pandemie löste in der Arbeitswelt viele Denkanstößen aus, wie der Leipziger Psychologe Zacher festgestellt hat. „Warum arbeite ich?“, „Wie will ich arbeiten?“ – diese und andere Fragen würden häufig gestellt. Zudem müssten nicht nur Großkonzerne, sondern auch kleine und mittelständische Unternehmen auf den Mangel an Fachkräften reagieren. Es gehe darum, Menschen zu motivieren und dauerhaft zu halten. „Das geht über Instrumente wie flexible Arbeitszeiten und individuelle Vereinbarungen für Auszeiten wie Sabbaticals. Die Liste ist da ziemlich lang.“

Beschäftigte schauen sich zunehmend an, wie sie in ihrer Lebenssituation vom Arbeitgeber unterstützt werden. Das Zauberwort lautet dabei „Work-Life-Balance“ – also das Gleichgewicht von Leben und Arbeit. „Gerade Fachkräfte sind in einer ganz guten Verhandlungsposition für Verbesserungen. Die Pflege von Angehörigen wird beispielsweise immer mehr ein Thema. Darauf müssen sich Arbeitgeber einstellen“, resümierte Zacher. Er erwartet, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren noch verstärken wird.

Steuert das Arbeitsleben – zumindest in einigen Bereichen – auf Wohlfühloasen zu? Experte Zacher machte deutlich, dass ein wandelbares Arbeitsumfeld zwar Einzelne stärken kann, die besondere Kompetenzen haben. Doch Unterschiede werden demnach größer: „Tarifverträge und das Arbeiten im Büro generell sind große Gleichmacher. Es wird sichergestellt, dass es faire Bedingungen gibt und die Arbeitnehmerschaft solidarisch ist. Das geht immer mehr verloren“, lautet Zachers nüchternes Fazit.

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