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DFL setzt auf Cloud und Machine Learning Mit AWS zur Digitalen Fußball Liga

| Autor: Michael Hase

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) begann bereits vor fast zehn Jahren mit ihrer Digitalen Transformation. Seit der Organisator und Vermarkter der Bundesliga zu Beginn dieses Jahres eine Kooperation mit AWS eingegangen ist, entwickelt er sich zum Big-Data-Unternehmen weiter.

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Das Match Fact „xGoals“ berechnet bei Torschüssen die Trefferwahrscheinlichkeit.
Das Match Fact „xGoals“ berechnet bei Torschüssen die Trefferwahrscheinlichkeit.
(Bild: DFL / Sky)

Digitalisierung ist weniger eine Frage der ­finanziellen Möglichkeiten als eine Frage der Einstellung. „Wir sind vielleicht nicht die reichste Liga der Welt“, sagt Andreas Heyden, Executive Vice President Digital Innovations bei der DFL Group in Frankfurt / Main. Dafür ist die Fußballbundesliga nach seinen Worten aber „die innovativste Liga“ weltweit. Immerhin erreicht der deutsche Profifußball mit seinen 36 Klubs ­heute 500 Millionen Fans auf allen Kontinenten, obwohl er gegenüber medialen Konkurrenten wie NBA, NHL, Premier League oder La Liga einen Wettbewerbsnachteil hat. Denn Deutsch spricht im Vergleich zu Englisch oder Spanisch nur ein Bruchteil der Menschen. „Wir müssen unsere Angebote lokalisieren oder sie nativ für internationale Zielgruppen produzieren.“

Dass der hiesige Profifußball trotz dieser Herausforderung eine immense globale Reichweite erzielt, hat Heyden zufolge viel damit zu tun, dass die DFL Deutsche Fußball Liga bei der medialen Vermarktung ­ihres Produkts konsequent auf die Möglichkeiten digitaler Technologien setzt, und das schon seit Langem. Zu Beginn dieses Jahres, als die Organisation eine strategische Partnerschaft mit AWS bekanntgab, leitete sie die nächste Evolutionsstufe ihrer Digitalen Transformation ein. Gemeinsam mit dem Hyperscaler möchte die DFL die ­Potenziale von Cloud, Data Analytics und Machine Learning nutzen, um den deutschen Fußball seinen Fans künftig informativer, spannender und stärker personalisiert zu präsentieren. Erste Ergebnisse der Kooperation sind bereits greifbar.

Zu den Hauptaufgaben der DFL gehört es, den Spielbetrieb der 36 Profiklubs zu organisieren und deren Gruppenrechte zu vermarkten. Sie ist im Kern wie ein Medienunternehmen aufgestellt und deckt von der Videoproduktion in den Stadien über die Bearbeitung der Inhalte bis zu deren Distribution über verschiedene Medienkanäle alle Prozesse mit eigenem Personal und Equipment ab. „Da es sich bei unseren Kunden um Medienunternehmen handelt, müssen wir selbst wie eines ­agieren“, erläutert Heyden. Dabei ist der Workflow inzwischen durchgängig digital. Intern spricht man von der Glas-zu-Glas-Strategie. „Von der Kameralinse bis zum Display des Fernsehers oder des Smartphones wollen wir sämtliche Bestandteile der Wertschöpfungskette in der höchstmöglichen Qualität und Quantität belegen.“

Aktive Mediennutzung

Ein solches Setup besitze keine andere Liga auf der Welt, betont der Manager. Beim Status quo möchte er aber nicht stehenbleiben. Ohnehin orientiert sich der Medienprofi, der auch Geschäftsführer der Tochtergesellschaft DFL Digital Sports ist, weniger an anderen Sportligen. Sein Benchmark sind eher Entertainment-Plattformen wie Amazon Prime und Netflix. Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich das Medienverhalten der Fußballzuschauer verändert. „Fans sind heute nicht mehr in der Rolle des passiven TV-Konsumenten. Vielmehr sitzen sie vor ihren Fernsehern mit Second Screen Devices wie Smartphones oder Tablets, um aktiv zusätzliche Informationen zum Spielgeschehen abzurufen.“

Andreas Heyden, Chefdigitalisierer der DFL, schwebt eine neue Qualität des Storytellings vor.
Andreas Heyden, Chefdigitalisierer der DFL, schwebt eine neue Qualität des Storytellings vor.
(Bild: DFL)

Auf diesen Bedarf haben DFL und AWS mit den Bundesliga Match Facts reagiert, dem ersten konkreten Ergebnis der Kooperation, das im Mai präsentiert wurde. Dabei handelt es sich um Spielanalysen in Echtzeit, auf die Fans zum Beispiel über die Bundesliga-App zugreifen können. So berechnet der Service „Expected Goals“ bei Torschüssen aus Parametern wie Distanz, Winkel und Geschwindigkeit des Schützen in Echtzeit die Torwahrscheinlichkeit. Der Dienst „Realformation“ macht sichtbar, ob ein Team eher offensiv oder defensiv eingestellt ist, den Weg primär durch die Mitte sucht oder über die Flügel agiert. Dafür werden 3,6 Millionen Datenpunkte pro Spiel analysiert. Weil diese Informationen helfen, ein Spiel tiefer zu verstehen, liefern sie Heyden zufolge nicht nur dem Fan einen Mehrwert. Sie ermöglichen auch der DFL und ihren Medienpartnern eine neue Art des Storytellings. Letztlich gehe es darum, „wie wir Geschichten erzählen können, die sich ohne Technologie nicht erzählen lassen“.

Intensives Training

Für die Match Facts werden Algorithmen der Machine-Learning-Plattform Amazon Sagemaker eingesetzt. Bei der Entwicklung der Services haben Data Scientists massenhaft Daten des Deutschen Bundesliga Archivs (DFA) genutzt, um die Modelle zu trainieren, beispielsweise Daten von mehr als 40.000 Torschüssen. In dem Projekt arbeitet die DFL-Tochter Sportec Solutions, zu deren Aufgaben die Erfassung, Auswertung und Präsentation von Spieldaten gehören, eng mit den Professional Services von AWS zusammen. Sportec ist ein Joint Venture von DFL und Deltatre, einem auf Sportdaten spezialisierten Dienstleiter.

Weitere Match Facts sind in Vorbereitung. „Wir kratzen noch an der Oberfläche“, sagt der Chefdigitalisierer der Bundesliga. Denn konzeptionell gehen ihm die bisherigen Modelle noch nicht weit genug. „Eigentlich möchte ich ein predictve, ein voraussagendes Match Fact.“ So schwebt ihm vor, künftig einen Alert zu versenden, wenn in den darauffolgenden zwei Minuten mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ein Tor fällt. Oder beim Elfmeter soll in Echtzeit auf dem Bildschirm im Tor eingeblendet werden, wohin der Schütze mit welcher Wahrscheinlichkeit schießt. „Unser Anspruch ist es, diesen Extraschritt zu gehen.“

Elf Petabyte an Daten

Um solche Konzepte zu realisieren, besitzt die DFL nach Heydens Überzeugung mehr als genug Rohdaten. Ihm zufolge zahlt es sich jetzt aus, dass die Organisation schon vor fast zehn Jahren daranging, archivierte Texte, Fotos und ­Bewegtbilder, die seit dem Start der Bundesliga 1963 ­zusammengekommen waren, vollständig zu digitalisieren. Der nächste essenzielle Schritt bestand vor etwa sechs Jahren darin, die Medienproduktion auf einen bänderlosen („tapeless“) Prozess umzustellen. Mittlerweile befinden sich im DFA rund 150.000 Stunden digitales Videomaterial. Insgesamt sind dort elf Petabyte an Daten gespeichert, und pro Saison kommen 2,3 Petabyte neu hinzu.

Klaus Bürg, Deutschlandchef bei AWS, sieht „gravierende Effizienzsteigerungen“ durch Cloud Computing.
Klaus Bürg, Deutschlandchef bei AWS, sieht „gravierende Effizienzsteigerungen“ durch Cloud Computing.
(Bild: Michael Hase)

„Aber Daten an sich sagen nichts aus. Wir müssen Insights aus ihnen generieren und sie in Stories überführen.“ Darin liegt tatsächlich ein wesentliches Motiv für die Zusammenarbeit mit dem Hyperscaler. Diesen Aspekt betont auch Klaus Bürg, Geschäftsführer bei AWS Deutschland: „Gemeinsam liefern wir Antworten auf die Frage, wie sich aus der riesigen ­Menge an historischen Daten relevante Erkenntnisse gewinnen lassen.“ Dazu nutzt die DFL die Breite des Portfolios, neben ­Sagemaker beispielsweise auch den Service Amazon Recognition, um Spieler auf Videobildern zu identifizieren, deren ­Gesichtsausdrücke zu analysieren oder Muster in Spielszenen zu erkennen.

Dabei fangen die Partner nicht bei null an. Vielmehr nutzte die DFL schon vor ­Ankündigung der Kooperation die AWS-Plattform. „Als ich 2015 hierher kam, war mir klar, dass wir in Richtung Cloud ­gehen müssen“, berichtet Heyden. Schon Ende 2018 hatten die Frankfurter ihre Produktivsysteme komplett auf AWS ­migriert. „Pizza-Boxen in einem gekühlten Raum zu stapeln, war für mich fernab meiner Realität. Aber auch betriebswirtschaftlich ergibt es wenig Sinn, eine Infrastruktur vorzuhalten, die von Dienstag bis Donnerstag nur zu einem Bruchteil ausgelastet ist.“ Schließlich benötigt die DFL ihre Systeme primär an den Spieltagen, und dann müssen Ressourcen nach Bedarf verfügbar sein und skalieren.

Streaming statt Satellit

Ein weiterer Schwerpunkt der Kooperation liegt aktuell auf Videostreaming. Mit der laufenden Saison stehen internationalen Medienpartnern erstmals Live-Sendungen der Bundesliga nicht nur über Satellit bereit, sondern auch als Stream auf IP-Basis. Dazu setzt die DFL die AWS-Elemental-Technologie zur Videocodierung ein und nutzt Cloudfront, das globale Content Delivery Network des Hyperscalers. Die Vorteile der Lösung liegen gegenüber der bisherigen Übertragungsweise in einer schnelleren und flexibleren Verteilung der Inhalte, die sich einfacher auf unterschiedlichen Gerätetypen bereitstellen lassen. Zudem bietet der IP-Stream ein höheres Maß an Interaktivität und perspektivisch die Möglichkeit der intelligenten Personalisierung – eine Option, die Heyden begeistert.

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Über den Autor

 Michael Hase

Michael Hase

Chefreporter