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Interview mit Luc Graré

LG hat sich viel vorgenommen

19.06.2007 | Redakteur: Erwin Goßner

Luc Graré, Director ISP bei LG Electronics Deutschland
Luc Graré, Director ISP bei LG Electronics Deutschland

IT-BUSINESS sprach mit Luc Graré, dem Leiter der IT-Sparte Information System Products bei LG Electronics Deutschland, über die jüngsten Entwicklungen im koreanischen Unternehmen, die Anwendung neuer Strategien und künftige Ziele.

ITB: Herr Graré, LG Electronics feiert 2008 das 50-Jährige Firmenjubiläum. Aus dem südkoreanischen Unternehmen, das seit 1976 auch in Deutschland eine Niederlassung besitzt, ist inzwischen ein breit aufgestellter Global Player geworden – der jedoch immer an seiner asiatischen Prägung festhielt. Oder zeichnen sich durch den Wechsel an der Firmenspitze, der im Januar erfolgte, Änderungen ab?

Graré: Bei LG Electronics Deutschland ist Uk Jung der neue Geschäftsführer. Sein Ziel ist es, den erfolgreich eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen. Wichtiger ist meiner Meinung nach aber, dass es in Korea einen fast komplett neuen Vorstand gibt. Seit Anfang des Jahres ist Herr Nam der neue CEO, der frischen Wind in das Unternehmen bringen wird. Von seiner Persönlichkeit her ist Herr Nam weltoffener als sein Vorgänger Herr Kim. Der hatte zwar ebenso seine Führungsqualität und Stärken, war jedoch durch Schule und Ausbildung koreanisch geprägt. Jetzt ist es allerdings wichtig, dass das Unternehmen den nächsten Schritt geht. Auf den Punkt gebracht heißt das, weitaus mehr global zu werden als bisher, und zum Beispiel auch Englisch als Business-Sprache zu nutzen. Im Headquarter in Korea werden künftig auch nicht nur Koreaner arbeiten. Um den multikulturellen Austausch zwischen den einzelnen Nationalitäten darzustellen, aber auch um zu zeigen, dass in einem global aufgestellten Unternehmen alle die Chancengleichheit besitzen, können Engländer, Deutsche, Franzosen oder Amerikaner dort arbeiten. Selbst im Top-Management des Unternehmens muss eine Position nicht unbedingt von einem Koreaner besetzt werden.

ITB: Was ist daran so ungewöhnlich?

Graré: Das ist, was asiatische und speziell koreanische Unternehmen anbelangt, etwas völlig neues. Dieser Sinneswandel hat sich beispielsweise bei einer Veranstaltung gezeigt, bei der traditionell der Beginn des Jahres gefeiert wurde. Das war bis jetzt ein Event, zu dem von überall auf der Welt nur Koreaner eingeladen wurden. Jetzt waren erstmals zehn Direktoren aus den internationalen Niederlassungen mit dabei. Ich hatte das Glück, ebenfalls dazu zu gehören. Es war auch das erste Mal, dass das Meeting in englischer Sprache abgehalten wurde. Ungewöhnlich ist zudem, dass seit Januar im Vorstand auch ein Chief Sales Officer ist. Der erst 38-Jährige CSO ist ein ehemaliger Mitarbeiter von McKinsay, der zwar aussieht wie ein Koreaner, diese Muttersprache aber eigentlich nicht spricht. Zudem gibt es einen Chief Marketing Officer, der ebenfalls sehr eng mit den USA verbunden ist. Und das bedeutet, dass bei einem so strukturierten Vorstand ab sofort die Besprechungen in Englisch gehalten werden müssen. Das ist eine völlig neue Dimension, die es in einer koreanischen Firma von solcher Größe noch nie zuvor gegeben hat.

ITB: Welche Ziele verfolgt LG mit dieser Neuorientierung?

Graré: Die Vision des Unternehmens LG Electronics ist es, bis zum Jahr 2010 in der Consumer Electronic und der Telekommunikation weltweit unter den drei führenden Firmen zu sein. Konkret sehen wir die Konstellation der Platzierungen in Matsushita, Samsung und LG. Wenn man die Position von LG in aufstrebenden Märkten wie Brasilien, Indien oder Pakistan betrachtet, dann ist es zu schaffen. Denn in den so genannten Emerging Markets steigt die Wachstumskurve enorm an. Daneben müssen wir im Mobiltelefonbereich Fuß fassen. Wir möchten Sony Ericsson und Motorola überholen und hinter Nokia und Samsung auf Platz drei kommen. Wenn man das schafft, dann sind wir in drei Jahren am Ziel. Man muss dazu den globalen Markt und die Schwellenmärkte sehen, die einen enormer Bedarf an Mobiltelefonen haben.

ITB: Mit welchen Mitteln soll Wachstum generiert werden?

Graré: Wir möchten durch Innovationen wachsen. Innovationen sollen bei Produkten und auch bei Business-Prozessen stattfinden, und wir versuchen, das Ganze profitabel zu gestalten. Im Moment wird im Unternehmen stark an der Rendite gearbeitet, um sicherzustellen, dass wir das geplante Wachstum auch umsetzen können. Wir haben eine Strategie implementiert, die sich nach dem Buch eines Koreaners Blue Ocean Strategy nennt. Darin geht es um einen blauen und roten Ozean, beim roten liefern sich alle Firmen einen harten Wettbewerb und machen die Marge kaputt. Bei Blue Ocean dagegen bewegt man sich in Nischen, spricht spezielle Kundenbedürfnisse an und kann profitabel arbeiten. In der Praxis bedeutet das, sich zu überlegen, welche Dinge für den Kunden von Nutzen sind und welche nicht. Auf die Einführung solcher Produkte sollte verzichtet werden. Vor zwei Jahren ist Blue Ocean im Unternehmen etabliert worden, in Produkten, aber auch in Prozessen. Ein Beispiel ist das Chocolate-Telefon, das im Vergleich zu anderen Mobiltelefonen gewisse Funktionalitäten wie etwa Multimedia nicht hat. Doch weil die Leute so etwas oft nicht nutzen, haben wir auf Funktionen bewusst verzichtet und auf andere Dinge, wie etwa ein außergewöhnliches Design, geachtet. Eine weitere Methode für das Erreichen von Zielen steht unter dem Begriff Early Occupation, was soviel bedeutet wie die frühe Erschließung neuer Segmente und Märkte mit den entsprechenden Produkten. Und schließlich ist die Gestaltung der Produkte ein wesentlicher Punkt der Strategie, um Kunden anzusprechen.

ITB: Welchen Stellenwert hat das Design von Produkten bei LG?

Graré: Die Optik der Produkte ist dem Unternehmen sehr wichtig. Dass wir damit richtig liegen, zeigt sich insofern, da wir eine Vielzahl von Auszeichnungen dafür verliehen bekommen. Wir waren im vergangenen Jahr das red-dot-Design-Team 2006. Den Titel hat es für ein koreanisches Unternehmen zuvor noch nicht gegeben. Es war nicht nur eine besondere Ehre, es war auch die Bestätigung unserer Firmenphilosophie. LG beschäftigt Design-Teams in Italien, den USA und Korea, die alle sehr eng zusammenarbeiten. Dadurch sind wir, speziell was Deutschland betrifft, die vergangenen Jahre in der Bekanntheit der Marke einen Riesenschritt nach vorne gekommen. Sehr geholfen hat uns darüber hinaus das Engagement mit dem Deutschen Fußball Bund, das nach der Weltmeisterschaft fortgeführt und weiter ausgebaut worden ist. Denn die deutsche Mannschaft traut sich, Dinge völlig anders zu machen als in der Vergangenheit und gibt jungen Leuten eine Chance, sich zu beweisen. Das alles passt zu dem Image, das LG verkörpern möchte.

ITB: Gibt es Probleme, unterschiedliche Märkte, wie den asiatischen oder den europäischen, zu treffen?

Graré: Nein, denn es gibt dazu verschiedene Produkte, und auch hier setzen wir auf die Blue-Ocean-Strategie. Wir haben dafür die geeigneten Strukturen und Mittel. Eines davon innerhalb der Blue-Ocean-Strategie ist zum Beispiel Tear Down & Redesign, kurz TDR. Der Grundgedanke ist folgender: Kann ein vorgegebenes Ziel nicht erreicht werden, müssen höhere Vorgaben die Hürde sein. Wenn zum Beispiel ein Wachstum von fünf Prozent nicht zu schaffen sind, dann wird ein höheres Ziel anvisiert. Denn TDR besagt: tear down, baue ab oder zerstöre, und beginne danach wieder bei Null und baue neu auf, also redesign. Das ist Arbeiten in multidisziplinären Gruppen, wo alle dazugehörigen Interfaces wie Service, Logistik oder Finanzen an einem Projekt zusammenarbeiten. Die meiste Zeit wird in die Analyse gesteckt. Dabei geht es nicht nur um das eine Element oder Produkt, das optimiert werden soll. Aus der Vogelperspektive soll eine ganzheitliche Betrachtung erfolgen, um im Detail der Sache wieder zu fokussieren. Für solche Aufgaben gibt es feste Einrichtungen im Unternehmen, deren Arbeit sogar vom CEO in Korea aufmerksam verfolgt wird. Es gibt jedes Jahr in Europa ungefähr 100 bis 120 TDR-Projekte, die sich von Vertrieb und Marketing bis hin zu Finanzen, Service oder Logistik über alle erdenklichen Bereiche erstrecken. In Korea und in der europäischen Zentrale in Großbritannien gibt es eine Gruppe von Leuten, die beratend tätig werden und bei Problemen helfen, das Projekt wieder auf den Weg zu bringen. Oftmals reicht es auch einfach aus, zusammen mit den Mitarbeitern vor Ort die Ergebnisse aus der Analyse noch einmal durchzugehen, wenn Einzelheiten im Verlauf des Projekts nur vergessen wurde.

ITB: Abschließend, Herr Graré: Was besitzt LG, was andere Unternehmen nicht haben?

Graré: Wir vertrauen auf einen Slogan, und der sagt eigentlich alles: Great Company create great People. Das gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall, denn nur große Menschen verleihen einem Unternehmen Größe. Unsere Mitarbeiter haben zudem ein starkes Wir-Gefühl. Ich glaube, dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, anders als bei vielen anderen Firmen, die sich ähnliche Leitsätze auf die Stirn schreiben, bei LG Electronics keine leere Hülle ist. Solches Denken ist in der koreanischen Mentalität und Kultur fest verankert und beeinflusst weltweit alle Geschäftsbereiche von LG.

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