Jagdfieber nach IT-Fachkräften

Autor / Redakteur: Das Interview führte Stefan Riedl / Dr. Stefan Riedl

Headhunter und Personalvermittler können vom aufschwungbedingten Mangel an qualifizierten Mitarbeitern nur profitieren. Sie vermitteln gegen bare Münze zwischen Anbietern und Nachfragern auf dem Arbeitsmarkt. Insider Martin Liebert schildert, wie seine Branche tickt.

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ITB: Laut Bitkom-Verband sind IT-Fachkräfte inzwischen Mangelware. Viele Stellen können schon heute nicht besetzt werden. Ist die Lage denn wirklich so prekär?

Liebert: Ja, die Lage ist durchaus verfahren. Die Fachkräfte, die konkret für anstehende Projekte gesucht werden, sind Mangelware, weil sie in der Regel in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Auch bei den Zuwanderungsmöglichkeiten sind Grenzen erreicht, so dass sich in bestimmten Bereichen viel um die Abwerbung vom Mitbewerb dreht.

ITB: Welche Konsequenzen zieht es nach sich, wenn Stellen allzu lange offen bleiben?

Liebert: Das kommt darauf an, für wen. Systemhäuser, die in Kundenverpflichtung stehen, können sich oft über Subdienstleister behelfen. Noch. Irgendjemand muss die Arbeit letztendlich ja machen. Für den Endkunden verzögern sich allerdings bereits Innovationen aufgrund eines Mangels an Programmierern für Embedded Software. Hier geht es um eine breite Palette von programmierbaren Alltagsgegenständen, wie beispielsweise Handys oder Mikrowellengeräte.

ITB: Eingebettete Systeme bezeichnete Bitkom-Chef Berchtold auf dem IT-Gipfel in Potsdam auch als „Hidden Champion“ der wachsenden IT-Branche. In welchen weiteren Bereichen gibt der Arbeitsmarkt nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter her?

Liebert: Wenn man sich die Anzeigenstatistik auf unserem Jobportal ansieht, wird klar, dass vor allem in der Softwareentwicklung Stellen schwer zu besetzen sind. 30 Prozent der Anzeigen suchender Unternehmen zielen auf Mitarbeiter in der Entwicklung ab. Ein weiterer großer Posten ist natürlich auch das gesamte SAP-Umfeld. Hier fallen die elf Prozent der Gesuche nach SAP-Spezialisten rein, aber auch ein großer Teil der elf Prozent der Gesuche im Bereich Consulting. Datenbank-Spezialisten sind nur mit drei Prozent veranschlagt - um das richtig einordnen zu können, muss man wissen, dass auch hier die Nachfrage groß ist, teilweise aber namentlich nach Softwareentwicklern gesucht wird. Auch Spezialisten für IT-Security werden immer stärker nachgefragt. Und gute IT-Vertriebler waren, sind und werden immer schwer zu bekommen sein.

ITB: Von der Tendenz her zählen also die Spezialisten zu den Gewinnern.

Liebert: Das ist richtig. Und genau hier herrscht der größte Mangel. Um ganz konkret zu sprechen: Softwareentwickler mit den Spezialisierungen C#, J2EE und Java sind ziemlich schwer zu bekommen. Die Unternehmen tendieren gegenwärtig dazu, höhere Stundensätze beziehungsweise Gehälter für diejenigen zu zahlen, die aufgrund ihrer Erfahrung und Spezialisierung die gestellten Aufgaben sicher bewältigen können.

ITB: Welche Positionen sind nicht so gefragt wie in der Vergangenheit?

Liebert: Stellen in den Bereichen PC-Technik und Supportdienstleistung sind relativ einfach zu besetzen, da die Gesamtnachfrage auf dem Arbeitsmarkt in diesem Teilbereich aufgrund verschiedener Tendenzen rückläufig ist. Hier spielt rein, dass die Betriebssysteme viel stabiler sind als früher und tief greifende Standards den Arbeitsalltag erleichtern. Allerdings sind die gut qualifizierten keineswegs schwer vermittelbar, verstehen Sie mich da nicht falsch. Es ist nur so, dass es sehr viele Quereinsteiger auf dem Arbeitsmarkt gibt. Dazu zähle ich auch Supporter, die eine relativ kurze Umschulungsmaßnahme der Arbeitsagentur hinter sich haben. Das spiegelt auch die Gesamtstatistik der Stellengesuche auf unserem Jobportal wieder. 80 Prozent der Arbeitssuchenden sind Quereinsteiger. Zwölf Prozent haben eine IT-Ausbildung hinter sich und acht Prozent ein IT-relevantes Studium.

ITB: Wie passen die vielen unbesetzten Stellen denn mit der Tatsache zusammen, dass viele erfahrene Mitarbeiter, die die 45 überschritten haben, mitunter schon zum „alten Eisen“ gerechnet werden und sich teilweise schwer tun, eine passende Stelle zu finden?

Liebert: Das passt eben nicht zusammen. Und hier muss und wird sich auch einiges ändern. Erfahrung im Beruf kann auf keiner Schule gelehrt werden und Berufserfahrung können Sie mit Gold aufwiegen. Es ist auch nicht so, dass bei älteren Arbeitnehmern unbedingt eine schlechtere Arbeitsleistung vermutet wird. Vielmehr geht es den Unternehmen um das Thema Flexibilität – und die trauen sie tendenziell eher den jüngeren Arbeitnehmern zu. Zugegebenermaßen wird sich ein 65-Jähriger schwerer tun, beim Thema „lebenslanges Lernen“, aber aus meiner Perspektive heraus wird Erfahrung in der Regel noch mit einem zu geringen Gewicht in die Waagschale gelegt.

ITB: Gegenwärtig kommen jährlich 14 000 Informatik-Absolventen auf den Arbeitsmarkt, gebraucht würden aber 20 000, taxiert der Bitkom. Was machen die Hochschulen falsch?

Liebert: So ein Informatik-Studium ist schon knackig, vor allem weil es sehr breit aufgestellt ist. Ich denke, viele Studenten werden von dieser Breite abgeschreckt. Deswegen würde ich mir, auch aus Sicht der späteren Beschäftigung, speziellere Studiengänge wünschen, sowie mehr Praxisbezug. Leute, die direkt von der Uni kommen, bringen naturgemäß die Erfahrung nicht mit, die im Arbeitsalltag gefordert ist. Viele Unternehmen wollen einfach den „fertig geschnitzten Mitarbeiter“.

ITB: Leisten die Unternehmen denn selbst genug Schnitzarbeit – beispielsweise über Trainee-Programme?

Liebert: Trainee-Programme finden sich bislang häufiger im betriebswirtschaftlichen Bereich wieder. Immer mehr solcher Programme werden aber auch im Informatik-Bereich aufgelegt, vor allem für SAP-Berater – da ist ja auch viel BWL dabei.

ITB: Sind die Unternehmen sensibilisiert für das Thema Fachkräftemangel?

Liebert: Die Angst vor dem Fachkräftemangel ist durchaus da. Oft kann aber – wie angesprochen – noch auf externe Dienstleister zurückgegriffen werden. In die Zukunft blickend wird einfach langfristiger gedacht und mehr in die Mitarbeiterentwicklung und Ausbildung investiert werden müssen, da führt einfach kein Weg daran vorbei.

ITB: Angebot und Nachfrage regeln den Preis – auch auf dem Arbeitsmarkt. Inwieweit können IT-Profis denn von der Situation hinsichtlich der Höhe ihrer Gehälter profitieren?

Liebert: Es wäre falsch zu sagen, dass die Gehälter wieder in den Himmel schießen, wie im Jahr 2000. Das war einfach eine ganz andere Zeit. Generell ist aber wieder mehr Bewegung in den Gehältern – und zwar entsprechend der Nachfrage nach oben.

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