Suchen

Videoüberwachung IT für innere ­Sicherheit

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Auf einer Partnerveranstaltung des IP-Videoüberwachungs-Herstellers Axis legte Hubertus Andrä, Polizeipräsident in München, die Perspektive der Ordnungshüter dar.

Firmen zum Thema

In der Einsatzzentrale werden die Einsätze koordiniert.
In der Einsatzzentrale werden die Einsätze koordiniert.
(Bild: Kadmy - stock.adobe.com)

Für die rund 1,5 Millionen Einwohner der bayerischen Landeshauptstadt und die täglichen 520.000 Pendler sorgen 6.666 Beschäftigte (5.581 davon Beamte) bei der Polizei München für Sicherheit. Offenbar mit Erfolg, denn München gilt als die sicherste Millionenstadt in Deutschland. Der Einsatz von Informationstechnologie in den Amtsstuben sowie im Außeneinsatz spielt inzwischen eine zentrale Rolle im ­Polizeialltag.

Münchner Polizeipräsident bei Axis-Event

Hubertus Andrä ist Polizeipräsident in der bayerischen Landeshauptstadt München.
Hubertus Andrä ist Polizeipräsident in der bayerischen Landeshauptstadt München.
(Bild: Michael Kuhlmann)

Hubertus Andrä ließ sich als Polizeipräsident in München auf einer Partnerveranstaltung von Axis in die Karten schauen. In einem Vortrag über Cybersicherheit er­fuhren die Partner des IP-Videoüberwachungsspezialisten, welche Zielkonflikte polizeiintern auszuloten sind und welche Chancen und Risiken mit steigendem Einsatz der IT aus Sicht der Ordnungshüter einhergehen. Die versammelte Riege an Security-Fachhändlern hatte so Gelegenheit, die polizeilichen IT-Beschaffungsmaßnahmen besser zu verstehen.

Amoklauf im OEZ

Andrä blickte auf den Amoklauf im OEZ ­zurück, zeigte Videoaufnahmen des schießenden Täters und schilderte, dass sich für die Polizei in der Nachbereitung daraus die Aufgabenstellung ergab, Bilder von externen Quellen schnell an die Einsatzkräfte zu bringen. Oder – das Projekt weitergedacht – andersherum die Notwendigkeit, Aufnahmen von vor Ort an die Einsatzzentrale weiterzuleiten. Einen Messenger-Dienst aus den USA wie Whatsapp wollte man sich aus verschiedenen Gründen nicht ins Haus holen. So wurde ein kommerzielles Produkt aus Deutschland für die bayerische Polizei angepasst. Nach einem Proof of Concept und erfolgreichen Probeläufen der Smartphone- sowie Desktop-Anwendung soll der Dienst auf die ganze bayerische Polizei ausgerollt werden. Im Laufe des Jahres 2018 soll jede Polizeistreife Zugriff auf den Messenger-Dienst haben.

Mit Social Media hat die Polizei München viele positive Erfahrungen sammeln können. Twitter bietet den Nutzern die Möglichkeit, direkt auf Primärquellen zuzugreifen, was dazu führt, dass die Polizei München mitunter mehr Fans und Follower hat, als die Zeitungen aus der Landeshauptstadt. Bei Twitter sind es beispielsweise über 400.000 Follower. Andrä beschreibt sich dadurch ändernde Kommunikationswelten anhand eines Beispiels: Im Rahmen einer Demo hatten sich Aktivisten auf dem Dach einer Straßenbahnhaltestelle niedergelassen, welches daraufhin durchzubrechen drohte. Die Bitten der Einsatzkräfte vor Ort, das Haltestellendach zu verlassen, wurden ignoriert. Nachdem den Demonstranten aber über Social-­Media-Kanäle die Problemlage geschildert wurde, verließen sie umgehend das einsturzgefährdete Haltestellendach.

Bodycams und Alkoholpegel

Die Einsatzzentrale der Münchner Polizei ist ein Hort für Informationstechnologie.
Die Einsatzzentrale der Münchner Polizei ist ein Hort für Informationstechnologie.
(Bild: Polizei München)

Naturgemäß spielte bei einer Axis-Partnerveranstaltung das Thema Videotechnologie eine wichtige Rolle. Die Polizei München, so Andrä, habe seit einem Jahr Bodycams in einer Pilotphase, und die Erfahrungen seien sehr gut. Es sei eine abschreckende Wirkung zu erkennen, in Zeiten, in denen Polizisten tendenziell massiveren Anfeindungen ausgesetzt sind. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass es ab einem bestimmten ­Alkoholpegel des Gegenübers keinerlei Abschreckungseffekte mehr gebe. Insbesondere vor Gericht können die Videodateien ihre Vorteile in Hinblick auf die Beweiskraft voll ausspielen. Mitunter werden Verhandlungen dahingehend verkürzt, dass Zeugen gar nicht mehr befragt werden mussten, nachdem im Gericht solche Videoaufnehmen vorgespielt wurden.

Andrä spricht Klartext

München ist die sicherste Millionenstadt Deutschlands.
München ist die sicherste Millionenstadt Deutschlands.
(Bild: Noppasinw - stock.adobe.com)

Was das Thema Videoüberwachung im öffentlichen Raum angeht, bezog der Polizeipräsident klar Stellung: Die Argumentation, dass Videoüberwachung keine präventive Komponente beinhalte, sei „grundlegender Schmarrn“, was die Praxis zeige. Beispielsweise konnte mittels Videoüberwachung aufkeimende Kriminalität am Orleansplatz in München erfolgreich zurückgedrängt werden. Als in Folge die Videoüberwachungsinstallation wieder abgebaut werden sollte, beschwerten sich die ­Anwohner. Die präventive Wirkung zeige sich zudem sehr deutlich bei zurückgehender Sachbeschädigung bei Bussen und Bahnen nach Einrichtung von Videoüberwachungsmaßnahmen.

Videoüberwachung in der Zukunft wird sich auch um das Vorhersagen von Verhaltensweisen drehen, weiß Andrä. Konkret in Hinblick auf Erkennungsmöglichkeiten eines bevorstehenden Suizids im U- oder S-Bahn-Betrieb oder bei einem sich aufschaukelnden Gruppenverhalten, das in Massenschlägerei münden könnte.

Terrorabwehr

Das Thema Terrorabwehr sei gegenwärtig durch sehr gut funktionierende Erkennungsmethoden abgestellter, möglicherweise gefährlicher Gegenstände abgedeckt.

Die Gesichtererkennung von Gefährdern, die gerade in einem Pilotversuch in Berlin getestet wird, berge noch einige Fragezeichen, da das Tragen von Hut, Bart oder Baseballcap oder abweichende Blickrichtungen relativ hohe Fehlerquoten nach sich ziehe. In München setze man vor diesem Hintergrund auf die Ausbildung von so genannten Superrecognizern. Das sind Spezialisten mit der angeborenen Begabung, Gesichter besonders gut ­wiedererkennen zu können. An deren Fähigkeiten kommt IT derzeit noch nicht ran. Das eine Prozent auf der gegenüberliegenden Seite der Gaußschen Normalverteilung dieser Begabung hat hingegen schon Probleme, die eigenen Kinder beim Abholen aus dem Kindergarten zu identifizieren.

„Überwachungsstaat“ als Kampfbegriff

Es wäre der Sachlichkeit zuträglich, wenn im öffentlichen Diskurs seltener der Kampfbegriff „Überwachungsstaat“ fallen würde und stattdessen häufiger die Alltagsrealität und die gesammelten Erfahrungen der Polizei einbezogen werden. Axis-Partner dürften naturgemäß nicht zu den Fundamentalkritikern von Videoüberwachung zählen, aber die Einblicke in das „Polizei-Denken“ war vielleicht auch in vertrieblicher Hinsicht hilfreich.

(ID:44959103)