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Dynamische Abrechnungsmodelle für Stromversorgung

IT bei Energieversorgern fast wie in der Steinzeit

| Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Martin Fryba / Martin Fryba

Energieversorgern fehlen dynamische Abrechungssysteme.
Energieversorgern fehlen dynamische Abrechungssysteme.

Der Traum vieler Kunden, an manchen Tagen für den Bezug von Strom sogar Geld zu bekommen, erfüllt sich leider nur für professionelle Stromeinkäufer. Flexible Strompreise für private und gewerbliche Abnehmer gibt es noch kaum, weil mit Excel keine dynamischen Abrechungsmodelle möglich sind.

Sonne und Wind über der ganzen Bundesrepublik, dazu kühle Temperaturen und ein arbeitsfreier Tag, wenn die meisten Industriebetriebe ruhen: Die Photovoltaik-Anlagen und Windparks liefern Strom im Überfluss, der leider weder verbraucht noch wegen fehlender Speicher zwischengelagert werden kann. An der Leipziger Strombörse kommt es zu einer kuriosen Marktsituation: Es werden negative Preise notiert. Im Klartext: Einkäufer bekommen an diesen seltenen Tagen Geld, wenn sie Strom kaufen. Verkehrte Welt.

Energieversorger, die dieses gute Geschäft an ihre Kunden weitergeben würden, könnten sich vor Neuanmeldungen nicht mehr retten. Es würde indes schon reichen, würden Versorger flexible Stromtarife anbieten, bei denen sich der Preis an Angebot und Nachfrage ausrichtet. Die intelligente Waschmaschine könnte sich dann automatisch einschalten, wenn Strom im Überfluss vorhanden und der Preis niedrig ist. Ähnlich schlaue Kühlanlagen würden erst ihre Aggregate anwerfen, wenn der flexible Strompreis eine Schwelle unterschreitet. Mit solchen flexiblen Tarifen beschäftigen sich viele Energieversorger intensiv.

Noch zu viel Handarbeit

Denn im Wettbewerb, angeheizt durch den Trend zur Dezentralisierung der Stromversorgung, wird früher oder später nicht mehr der Preis für das homogene Gut Strom einziges Differenzierungsmerkmal sein. Sondern eben solche oben beschriebenen flexibilisierten Tarife. Doch bisweilen bleibt dieses Szenario ein Traum.

Im Zeitalter von Big Data und Echtzeitanalysen ganzer Datensilos in Millisekunden können Unternehmen die Wünsche ihrer Kunden ablesen, die diese noch gar nicht kennen. Aber den Weg vom Stromeinkauf über die Bedarfs- und Absatzanalyse bis hin zur Preisbildung und schließlich Angebotserstellung und Abrechnung mit Hilfe automatisierter IT-Systeme zu realisieren, klappt nicht. „Viele Unternehmen scheitern an der Komplexität. Traditionelle Abrechnungssoftware und eine intransparente Datenpflege, oft auf Excel-Basis, verhindern beispielsweise eine Echtzeit-Preiskalkulation“, sagt Norbert Neumann, Energieexperte von Steria Mummert Consulting.

Neben den technischen Unzulänglichkeiten sind die Energieversorger auch organisatorisch nicht in der Lage, dynamische Produkt- und Preismodelle abzubilden. Die Datenpflege und -prüfung für komplexe Energieprodukte im Falle von Preisänderungen ist in den meisten Fällen schlicht zu ineffizient und durch den Einsatz von Excel-Listen in jedem Fall nicht revisionssicher.

Nach Beobachtungen von Neumann ist bei Versorgern noch viel Handarbeit im Spiel. Insbesondere bei den sogenannten Index- und Formelprodukten für Geschäftskunden betreiben Energieunternehmen einen immensen Aufwand, um die Mengen und Preise aus einer Fülle von Quellen für jeden Kunden spezifisch auf dem neusten Stand zu halten. Hinzu kommen Insellösungen bei IT-Systemen, wie man sie immer noch zahlreich auch bei Unternehmen in anderen Branchen findet.

IT verpasst Chancen

Privatkunden warten somit nicht nur auf die Energiewende vergeblich, sondern auch darauf, dass ihre Stromkosten endlich sinken. Flexible, zeit- und bedarfsabhängige Stromtarife, kombiniert mit Stromspeichern, können dabei helfen. Doch zunächst müssten Versorger in neue IT investieren. Spezifische Kalkulations- und Abrechnungswerkzeuge sollen künftig den Weg für noch flexiblere und individuellere Produkt- und Preismodelle ebnen und auch die Beschaffungs- und Verteilungsprozesse erheblich beschleunigen. Hier ist auch die IT-Industrie und insbesondere Softwarehersteller gefragt.

Nach Ansicht von Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der GFT AG, tut die Branche in Deutschland hier viel zu wenig. Stromdistributions-Systeme, insbesondere für eine erneuerbare Energieversorgung, sind hoch komplex und erfordern ein Höchstmaß an IT-Kompetenz. „Eine riesige Chance für die deutsche IT-Industrie“, sagt Dietz.

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