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„Schnellstens eine Führungsrolle übernehmen“

Industrie 4.0 = neue Aufgaben für den CIO

| Autor / Redakteur: Fritz Vollmar* / Ulrike Ostler

Friederich Vollmar ist seit Anfang 2000 in der IBM Software Group als Bereichsleiter für ein Team im technischen Vertrieb zuständig.
Friederich Vollmar ist seit Anfang 2000 in der IBM Software Group als Bereichsleiter für ein Team im technischen Vertrieb zuständig. (Bild: IBM)

Es ist keine Frage, ob Industrie 4.0 stattfindet. Industrie 4.0 steht für eine digitale Transformation, für das Zusammenwachsen von intelligenten, autonomen vernetzen Maschine zu vernetzten, innovativen Wertschöpfungsketten. Und wir sind bereits mittendrin.

Engineering, Produktion und After-Service in den Unternehmen erweitern den IT-Skill und die IT-Ressourcen in ihren Bereichen zügig, um den Anforderungen nach zunehmend mit IT ausgerüsteten Produkten und Produktionen und deren horizontaler und vertikaler Vernetzung gerecht zu werden. Besonders die Vernetzung über Firmengrenzen hinweg, die Teil von Industrie 4.0 ist, lässt eine Gesamtkoordination aller IT-Belange im Unternehmen als notwendig erscheinen.

Für den heutigen CIO ist das eine Chance, mit seinen IT-Kenntnissen die digitale Transformation des Unternehmens aktiv und innovativ zu gestalten, aber leider auch ein Risiko, bei zu enger Beschränkung auf die klassische IT in eine Abseitsposition zu kommen. Engineering, Produktion und Aftersales sind die Kernelemente eines produzierenden Unternehmens. Sie müssen für ihre Bereiche die digitale Transformation voranbringen, von ihrem Erfolg hängt das wirtschaftliche Wohlergehen des Unternehmens in der Zukunft ab. Die Prioritäten sind klar.

An neuen Aufgaben wachsen?

Einige CIOs beschränken sich aus heutiger Perspektive noch auf die Aufgaben der klassischen IT. Aber andere, und es werden mehr, nehmen die Herausforderung an, die schnell wachsenden IT-Ressourcen in den Fachabteilungen mit der IT in Richtung einer Gesamt-Unternehmens-IT voranzubringen.

Für CIOs, die in ihrer IT-Abteilung bisher mit klarer Verantwortung managen konnten, bedeutet dies einen Schritt hin zu mehr diplomatischer Beratung und Konsenssuche mit selbstbewussten Abteilungen anderer Bereiche, die Forderungen an IT-Leistungen stellen, um termingebundene Projekte zu realisiseren. Denn kommt ein Produkt zu spät auf den Markt, hat dies eine ganz andere Relevanz als eine Verzögerung bei der Umstellung eines Mail-Server.

Die Vernetzung von Maschinen, Systemen und Aftersales stellt aber auch strenge Sicherheitsanforderungen an neue Bereiche: Auch hier ist der CIO mit Vorschlägen und wirkungsvollen Massnahmen gefragt: Die IT-Abteilung sollte zu diesem Thema umfassende Erfahrungen einbringen können. Eine Blockade auf Grund von durchaus berechtigten Sicherheitsbedenken bringt nichts voran; eine nicht regelkonforme Fachabteilungslösung, die Hackern Tür und Tor für einen Einfall in zentrale Unternehmensbereiche bieten könnte, ebenfalls nicht.

Die Zeit drängt

Viel Zeit bleibt jedenfalls nicht: Legt man heute einen neuen Laptop in einen neuwertigen PKW, dann steckt in dem Fahrzeug selbst in etwa die 20-fache Computer-Leistung gegenüber diesem PC. Intelligente Maschinen und Autos sind längst Realität. Dass die Hälfte der Aufwände für die Entwicklung neuer Maschinen reine Software-Entwicklung ist, ist kein Einzelfall mehr.

Die Kapazität der Netzwerke wächst, die Maschinen werden intelligent und können sich vernetzen. Die Automobil-Industrie spricht davon, dass noch in diesem Jahrzehnt selbstfahrende Autos und Lastwagen eine Zulassung für das deutsche Straßennetz erhalten könnten. Schon jetzt fahren Daimler-Trucks in Nevada autonom. Der LKW-Fahrer ist an Bord, überwacht das System und greift bei schwierigen Situationen ein.

Auch heute schon entsteht eine Maschine, ein Fahrzeug, ein Flugzeug erst einmal und ausschließlich im Computer. Erst wenn hier die Entwicklung und die Tests zufriedenstellend ausfallen, wird Gummi geformt und Blech gebogen. 3D-Druck könnte diesen Prozess verkürzen, indem die Daten aus dem Computer direkt in ein Produkt umgewandelt werden.

Selbstfahrende Trucks und das Flugzeug aus dem Drucker

Vor kurzem hat ein 3D-Drucker eine Flugzeug-Turbine ausgespuckt – ein Teil, das mechanisch und thermisch extrem belastbar sein muss und hochzuverlässig im Betrieb. IoT, Industrie 4.0 und 3D-Druck – der Zusammenhang revolutioniert ganze Wertschöpfungsketten, unter anderem die Logistik, die Beschaffung. Noch ist vergleichsweise wenig über diese Zusammenhänge zu lesen.

An der Schwelle von Erkundung zu produktivem Einsatz setzen Unternehmen bereits vermehrt 3D-Drucker ein. Natürlich ist in der 3D-Technik noch nicht die volle Leistungsfähigkeit erreicht: Die Drucker sind etwa noch zu langsam, so dass Unternehmen überlegen müssen, in welchen Bereichen die Systeme wirtschaftlich zum Einsatz kommen. Doch das Potenzial ist riesig. Immerhin ist ein Drucker eine „General Purpose “-Maschine.

Will heißen, mit einem Drucker lassen sich unterschiedlichste Produkte herstellen. Das Einzige, was dafür transportiert werden muss, sind die Daten. In Veranstaltungen im Rahmen von Industrie 4.0, in denen es um Innovationen geht, etwa für den Automobilbau, wird die Erwartung kommuniziert, dass in Zukunft 80 bis 90 Prozent der Innovationen aus der Software kommen werden. Der Verband deutscher Ingenieure VDI spricht also nicht von ungefähr über Autos als rollenden Rechenzentren.

Friederich Vollmar ist seit Anfang 2000 in der IBM Software Group als Bereichsleiter für ein Team im technischen Vertrieb zuständig.
Friederich Vollmar ist seit Anfang 2000 in der IBM Software Group als Bereichsleiter für ein Team im technischen Vertrieb zuständig. (Bild: IBM)

Programmierer gesucht

Es ist also kein Wunder, dass Industrie-Unternehmen Software-Ingenieure, Programmierer und Architekten in einer Größenordnung anwerben, die einem IT-Unternehmen wie IBM zur Ehre gereichen würde. Erst kürzlich erwarb der Hannoveraner Automobilzulieferer Continental für rund 600 Millionen Euro den Software-Spezialisten Elektrobit Automotive aus dem fränkischen Erlangen.

Laut Conti sollen die 1.900 Software-Spezialisten in den Konzern integriert werden. Die Erlanger sind in drei Bereichen aktiv: das Auto als Teil des Internets, das Auto als fahrende Sensorsammlung in einer komplett vernetzten Verkehrswelt und das Auto mit wachsenden Autopiloten-Funktionen. Die Frage ist nicht: Kommt Industrie 4.0? Sie lautet: Wo in diesen Szenarien steckt der CIO?

Er hat es selbst in der Hand - entweder der CIO nimmt die zugegebenermaßen Herausforderung an und übernimmt eine Führungsrolle für die gesamte IT im Unternehmen – Produktion und Enterprise -, dann gewinnt er und das Unternehmen. Oder er nimmt die Aufgabe nicht an, dann verlieren beide. Er kann in die Rolle eines Leiters einer von mehreren IT-Abteilungen des Gesamtunternehmens wachsen. Kürzlich erzählte mir der Produktionsleiter eines Automobilzulieferers, dass das kommerzielle Unternehmensrechenzentrum mit dem größerem technischen Rechenzentrum zusammengelegt worden sei.

Was in der Vergangenheit reichte ...

Entweder der CIO lernt schnellstens, eine Führungsrolle zu übernehmen und zwar eine, die intermediär geprägt ist. Schließlich war es einmal so, dass IT als Innovationsmotor galt. Warum sollte die IT-Erfahrung nicht nutzbar sein? Häufig stimmen die Prozesse in der IT und Produktion nicht überein, es scheint, als wolle jeder Bereich für sich das Rad neu erfinden, statt Brücken zu schaffen und gemeinsame Standards einzuziehen, SOA zum Beispiel. Beschaffungsketten und Berichtswege verlaufen häufig getrennt.

Das mag in der Vergangenheit ausreichend gewesen sein, den Anforderungen einer digitalen Transformation, für einen Gesamt-IT Auftritts der Unternehmung wird es nicht genügen. Der CIO kann sich aktiv einbringen, um gemeinsame Grundlagen zu definieren, Kollegen zu beraten und eine durchgängige Kommunikation der IT-Systeme über alle Bereiche und zum Kunden hinweg sicher zu gewährleisten. Tut er das nicht, dann wird der CIO zu einem bloßen IT-Leiter, vom Innovationstreiber zum Getriebenen.

* Fritz Vollmar ist Manager Technical Sales und Solutions bei der IBM Deutschland GmbH, vertritt IBM im Bitkom , leitet dort den Arbeitskreis Software und ist einer der Mitautoren des im Internet veröffentlichten Bitkom SOA-Leitfadens (www.soa-know-how.de) .

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