Lebst du noch oder guckst du schon? Handy-TV fristet noch Nischendasein

Redakteur: Sylvia Lösel

Lokal begrenzt, unterschiedliche Standards, undurchsichtige Preismodelle – wenn bisher vom Fernsehen auf dem Handy die Rede ist, schwingen viele negative Parameter mit. Noch steckt das Überallfernsehen in den Kinderschuhen. Ob es diesen entwächst, hängt von vielen Dingen ab...

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So soll es einmal aussehen, doch der Weg zum Erfolg des Handy-TV ist steinig.
So soll es einmal aussehen, doch der Weg zum Erfolg des Handy-TV ist steinig.
( Archiv: Vogel Business Media )

Handy-Fernsehen gibt es in drei Varianten. Über UMTS-Geräte kann man bereits einzelne Kurzspots empfangen. So sendet Pro Sieben Sat1 eine tägliche Vorschau zur Soap „Verliebt in Berlin“. Doch UMTS-Technik ist teuer und hat Kapazitätsprobleme, sobald die Nutzerzahlen steigen. Als wirkliche Konkurrenten des Handy-TV gelten die beiden Standards DVB-H (Digital Video Broadcasting – Handheld) und DMB (Ditigal Multimedia Broadcasting).

Konkurrenzdenken

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DMB basiert auf dem Hörfunk-Standard DAB (Digital Audio Broadcasting), der bereits existiert und rund 80 Prozent der Bundesbürger erreicht. Darin besteht auch der große Vorteil dieses Standards: Die Infrastruktur besteht größtenteils schon. Auch Inhalte sind bereits verfügbar. Debitel hat seit Anfang Juni mobiles Fernsehen auf DMB-Basis im Angebot, Mobilcom hat im Oktober nachgezogen. In Regensburg gibt es ein DMB-Pilotprojekt, das nach zwei Jahren in den Regelbetrieb übergehen soll. Erreicht werden beispielsweise mit dem Debitel Watcha-Angebot zehn Großräume in Deutschland. Allerdings ist die Anzahl der verfügbaren Sender auf maximal drei bis vier begrenzt.

DVB-H ist die zweite, heiß gehandelte Variante im mobilen Fernseh-Deutschland. DVB-H ist die Weiterentwicklung von DVB-T und nutzt denselben Frequenzbereich. Eine Begrenzung der Zuschauer bei gleichzeitiger Nutzung (wie beispielsweise bei UMTS) gibt es hier nicht. Allerdings sind die DVB-T-Frequenzen meist völlig ausgebucht, so dass eine Abdeckung vor allem in den Ballungsgebieten schwierig ist. Allerdings wären bei DVB-H mehr als 20 TV-Programme möglich – dazu kommt noch die Rückkanal-Fähigkeit, mit Hilfe derer die Zuschauer an Gewinnspielen teilnehmen oder sich Musikclips bestellen könnten.

Für DVB-H hatten sich zunächst alle vier großen Provider (T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus) entschieden. Mit dem Ausstieg von E-Plus aus einem noch nicht lukrativen Geschäft verzeichnet diese Allianz allerdings einen herben Rückschlag. E-Plus-Chef Michael Krammer: „E-Plus konzentriert sich auf die Vermarktung von Produkten und Services, für die eine Kundennachfrage vorhanden ist und bei denen die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen klar sind. Quersubventionierungen von unsicheren Zukunftstechnologien halten wir für wenig sinnvoll.“ Das Unternehmen sehe im Handy-TV sehr wohl eine Zukunft, wehre sich aber dagegen, neben dem Ausbau der Mobilfunk-Infrastruktur auch noch die Fernseh-Infrastruktur mittragen zu müssen.

Unsichere Investitionen

Die anderen drei Musketiere wollen – wenn die Investitionen erst einmal getätigt sind – natürlich richtig Geld verdienen. Doch hier liegt der nächste Hund begraben: Wieviel sind die Verbraucher wirklich bereit zu zahlen? Bisher bewegen sich die Schätzungen allein im theoretischen Bereich. Bei diesen bewegt sich die Preisspanne, die der Nutzer bereit ist auszugeben, zwischen fünf und zehn Euro. Ob sich dies wirklich bewahrheitet, und die Mehrheit der Handybesitzer bereit ist für Fernseh-Content auf einem relativ kleinen Display wirklich Geld zu bezahlen, wird sich erst noch zeigen.

Bis 2010 soll Fernsehen auf dem Handy rund 450 Millionen Euro Umsatz bringen – und das vor allem durch den Abo-Service der Programme und weniger durch Werbung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Beratungsunternehmens Goldmedia. So lange aber noch gar nicht klar ist, welche Übertragungstechnologie sich durchsetzen wird, werden die Verbraucher auch hier nur sehr zögerlich reagieren – beim Kauf von Content ebenso wie beim Erwerb der entsprechenden Geräte.

Auch bei den Herstellern haben sich Lager gebildet. Samsung und LG konzentrieren sich auf DMB – das legt schon die koreanische Herkunft nahe, da in Korea DMB bereits rege genutzt wird. Nokia, Motorola, Sony Ericsson und bis vor kurzem auch Benq Mobile setzen auf DVB-H.

Bedürfnisse ausgelotet

Um möglichst genau über den mobilen Nutzer Bescheid zu wissen, hat Nokia sogar schon von der London School of Economics die Verbraucherbedürfnisse analysieren lassen. Personalisierung und Interaktivität sind demnach die Schlüsselkriterien für den Erfolg der Unterwegs-Glotze. Neben neuen Haupteinschaltzeiten werden kürzere Nachrichten, interaktive Beteiligung an Reality- oder Game-Shows und die Berücksichtigung von selbst erstellten Inhalten gefordert. Doch um die Studie wirklich nutzen zu können, muss das Fernsehen erst einmal gesehen werden können.

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