Status Quo in deutschen Schulen Gesamtkunstwerk „Digitale Schule“

Autor: Ann-Marie Struck

Dass deutsche Schulen in Sachen Digitalisierung hinterherhinken, ist bekannt. Der DigitalPakt soll das ändern. Jedoch legt die Coronakrise die digitalen Missstände in Schulen erst richtig offen. Dabei befinden sich vor allem die Lehrer im Kreuzfeuer.

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Um die Digitalisierung der Schulen erfolgreich umzusetzen müssen alle Akteure zusammenarbeiten.
Um die Digitalisierung der Schulen erfolgreich umzusetzen müssen alle Akteure zusammenarbeiten.
(Bild: © Elena - stock.adobe.com)

Erste Stunde Geschichte. Der Lehrer betritt das Klassenzimmer, begrüßt die Schulklasse und legt eine Folie auf den Overhead-Projektor auf, um in das Thema der heutigen Schulstunde einzuführen. So das Bild der Öffentlichkeit von Lehrkräften heutzutage, als die „Ewiggestrigen“, die sich gegen die Methoden der digitalen Zeit stellen. Mit diesem Klischee möchte die Präsidentin des ­Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, endlich aufräumen: „Wir Lehrer leben auch im 21. Jahrhundert und halten nicht starr an alten Traditionen fest. Auch wir wollen uns weiterbilden.“

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV)
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV)
(Bild: Jan Roeder foto@janroeder.de)

Natürlich habe das Homeschooling die Schere zwischen den digital-kompetenten und analogen Lehrkräften nochmals verdeutlicht. Dennoch betont sie, dass die Mehrheit der Lehrkräfte die ­Digitalisierung befürwortet. „Wir wollen eine Schul-Cloud, Endgeräte und Plattformen – einen Bauchladen an digitalen Möglichkeiten, Schüler und Schülerinnen zu lehren.“ Jedoch ist Technik kein Selbstzweck, und Lehrmittel allein erzeugt keine gute Bildung, sei es ein Buch oder die Tafel. Das kann auch kein Satz Tablets oder ein interaktives Whiteboard. Und das Knowhow, digitale Mittel in den Unterricht effizient einzubinden, wurde bisher versäumt, den Lehrkräften zu vermitteln.

Druck auf Lehrer

„Auf uns Lehrer herrscht seit der Pandemie ein enormer Druck“, erklärt die Präsidentin. Denn ­Eltern, Schüler und die Politik fordern, endlich ­digital zu unterrichten. Dabei hat die Staatsregierung jahrelang versäumt, die Digitalisierung voranzutreiben. „Wir wollen nicht die Stinkstiefel sein, die immer hinterherhinken und alles nicht können“, postuliert Fleischmann. „Doch die Digitalisierung der Schule ist ein Gesamtkunstwerk, das von allen geleistet werden muss.“ Dafür sind neben der Ausstattung auch die nötigen Fortbildungen notwendig. Fleischmanns Meinung nach zündet die Digitalisierung, wenn alle Stellschrauben passen. Dazu zählen neben Endgeräten, ­Infrastruktur und IT-Services auch Lehrerfortbildungen sowie neue Lehrpläne.

„Uns helfen 1.000 iPads nichts, wenn keine Lehrkraft weiß, wie man sie richtig einsetzt“, klagt Fleischmann. Ihrer Ansicht nach ist Schule neu zu denken mehr als nur Digitalisierung. Es bedarf auch der Reflexion ­darüber, was das Medium bringt. Fleischmann ­zufolge braucht Schule selbstverständlich den ­politischen Wind, doch auf Knopfdruck das zu ändern, was jahrelang versäumt worden ist, geht schlecht. „Professionelles Change-Management braucht Zeit,“ erklärt die Präsidentin des BLLV.

Förderung durch Politik

Politische Winde für eine digitale Bildung wehen bereits mit dem DigitalPakt Schule, mit dessen Mitteln eine Infrastruktur aufgebaut sowie Hardware ­finanziert werden soll. Jedoch wurden seit dem Beschluss 2019 nur gut ein Prozent der Gelder ­abgerufen. Eine Erklärung dafür ist einerseits die Konzeptlosigkeit der Schulen, andererseits hemmen bürokratische Hürden den Fortschritt. So verursachte das Erstellen eines umfassenden Medienkonzepts, welches bei den zuständigen Sachaufwandsträgern (Landkreis oder Kommune) bis Ende 2019 eingereicht werden musste, ­eine Verzögerung.

Ein wichtiger Bestandteil des ­Medienentwicklungsplans ist neben einer ­Bestandsaufnahme der vorhandenen Technik ­sowie Infrastruktur die pädagogische Zielsetzung. Eine Schwierigkeit für Lehrkräfte ohne Knowhow. Dazu kommt der Verwaltungsaufwand, denn die Prozessbetreuung samt interner Ausschreibungen blockiert den Fortschritt, wie Fleischmann ­berichtet.

Die Digitalisierung zündet erst richtig, wenn sich alle Stellschrauben im digitalen Management drehen.

Doch damit nicht genug. Während des Prozesses kamen Fragen bezüglich der Folgekosten auf, wie beispielsweise der Geräteersatz, Support und Wartung, dessen Kosten nicht vom ­DigitalPakt abgedeckt werden. Lehrkräfte sind schließlich Pädagogen und keine IT-ler, wie Fleischmann erläutert: „Wir ­Lehrer und Lehrerinnen wollen nicht unter dem Tisch irgendwelche Kabel zusammenstöpseln.“ Diese Hürde scheint zumindest seit dem letzten Digitalgipfel des Bundes im September geklärt zu sein: Der Bund steuert aufgrund der Krisensituation noch weitere 6,6 Milliarden Euro zur Digitalisierung der Schulen bei. Davon sollen neben der Versorgung von Lehrkräften und bedürftigen Schülern mit Endgeräten auch IT-Administratoren finanziert werden.

Diesen Entschluss begrüßt die Präsidentin des BLLV. Jedoch reicht es nicht, den Krisenherd nur mit Geld zu löschen. „Wir können mit Geräten und Euros das nicht heilen, was die Pandemie uns eingebrockt hat. In der Schule geht es um die ­Begegnung zwischen Menschen und nicht um ­Geräte und Tools. Pädagogik setzt auf die Beziehung.“ Außerdem befindet sich die Schule laut Fleischmann in zwei Krisen. Neben der allgegenwärtigen Pandemie herrscht zudem seit Jahren noch ein Lehrermangel, auf den nun auch die ­Digitalisierung draufgepackt wird.

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Schule sucht IT-Admin

Neben der Hardware und dem Netzwerkequipment benötigen Schulen vor allem Hilfe bei ihrer IT. Da nur ein Teil der Schulen Zugriff auf eigene IT-Fachkräfte oder die der Kommunen hat und die IT-Verwaltung eine zu große Aufgabe ist, als dass sie durch Lehrer „nebenher“ zu bewältigen ist, ­erfolgt dies idealerweise durch ein betreuendes Systemhaus. Doch der DigitalPakt fördert zwar den Aufbau effizienter digitaler Infrastrukturen, aber nur bis zur Inbetriebnahme. Laufende Kosten für Wartung und Support der IT-Ausrüstung sind nicht förderfähig. Den Regelbetrieb mussten ­bisher die Schulträger selbst sicherstellen. Das hat sich nun geändert: der Bund will sich nun Pan­demie-bedingt mit weiteren 500 Millionen Euro „an der Ausbildung und Finanzierung von IT-­Administratoren für Schulen beteiligen.“

Dadurch, dass nun ein langfristiger Support der Schulen mitfinanziert wird, eröffnen sich neue Chancen für den IT-Channel. Das Schlagwort ist hier „Managed Services“. Idealerweise als Rundum-Sorglos-Paket, mit Hardware, Software, ­Support und Verwaltung. Manche Hersteller und Distributoren bieten bereits solche Pakete für große Träger an. Kleinere Schulen stehen oft noch ­alleine da und benötigen Hilfe bei der IT. Sie sind potenzielle Kunden für kleinere IT-Systemhäuser. Zudem sind dort die Verwaltungshürden geringer.

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Über den Autor

 Ann-Marie Struck

Ann-Marie Struck

Redakteurin, Vogel IT-Medien