Developer Preview zeigt Potential der Smartphone-Alternative Geeksphone Peak mit Firefox OS im Test

Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Mit dem Modell Peak liefert Geeksphone ein Smartphone mit Firefox OS, dessen Äußeres an eine iPhone-Kopie erinnert. IP-Insider, ein Schwesterportal von IT-BUSINESS, hat die „Developer Preview“ getestet und glaubt, dass die unnötige Maskerade von den wahren Werten des Systems ablenkt.

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Ausgepackt: IP-Insider hat sich eines der ersten Smartphones mit Firefox OS näher angeschaut.
Ausgepackt: IP-Insider hat sich eines der ersten Smartphones mit Firefox OS näher angeschaut.
(Bild: Srocke)

In Kooperation mit dem Telekommunikationsanbieter Telefónica hat das spanische Unternehmen Geeksphone erste Telefone auf den Markt gebracht, die mit dem Betriebssystem Firefox OS laufen. Wohlweislich bezeichnet der Anbieter die Keon und Peak genannten Systeme noch als "Developer Preview", also Geräte die noch nicht für den produktiven Einsatz taugen. IP-Insider hat dennoch eines der mit Spannung erwarteten Systeme bestellt und getestet.

Beim georderten Modell handelt es sich um das leistungsfähigere der beiden Smartphones. Das Peak besitzt einen Dualcore-Prozessor, 512 MByte RAM und einen 4,3 Zoll großen IPS-Touchscreen der mit 960 mal 540 Pixel auflöst. Zur weiteren Ausstattung gehören zwei Kameras sowie verschiedene Sensoren und Schnittstellen. USB, Bluetooth 2.1 EDR, WiFi, 2G/3G sind vorhanden, NFC fehlt.

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Erste Eindrücke

Das Peak wird in einem wenig glamourösen, braunen Pappkarton ausgeliefert. Womöglich erscheint das 119 Gramm leichte Gerät auch deshalb beim ersten Anblick recht edel. Die Aufmachung des schwarz eingefassten Bildschirms weckt unweigerlich Assoziationen zum iPhone. Im Gegensatz zu Apples Smartphone besitzt das Peak allerdings keinen mechanischen Home-Button, sondern einen berührungsempfindlichen Sensor, der durch einen weiß leuchtenden Ring gekennzeichnet ist. Neben dem Geeksphone-Logo gibt es an der Vorderseite noch einen Lautsprecher, eine 2-Megapixel-Kamera sowie eine Mikrofonöffnung.

Das restliche Gehäuse besteht aus weißem Plastik. An der oberen Seite befinden sich Anschlüsse für Micro-USB und 3,5-Klinkenstecker eines Headsets oder Kopfhörers. An der rechten Seite sind die grau ausgeführte Lautstärkewippe und die Power-Taste zu finden. Hinten befindet sich eine weitere Kamera samt LED-Blitz sowie eine abnehmbare Abdeckung. Die verdeckt den 1.800 mAh fassenden Akku sowie Einschübe für SIM- und microSD-Karte.

Zum beigefügten Zubehör gehören USB-Kabel, Netzteil und Headset in – Apple lässt wieder grüßen – weiß sowie ein Aufkleber.

Einschalten

Das Peak bootet in unter 25 Sekunden. Bei der ersten Inbetriebnahme fragt das System die üblichen Parameter zu Landessprache, Netzwerkverbindungen und Zeitzone ab. Deutsch zählt dabei übrigens nicht zu den angebotenen Optionen.

Kontakte können von der SIM-Karte oder über einen Facebook-Account importiert werden. Ein später installiertes Update liefert übrigens auch noch einen Assistenten, der Google-Kontakte importiert.

Bedienung

Der Homescreen des Peak präsentiert sich aufgeräumt und leer. Zu sehen sind Datum und Uhrzeit, eine schmale Statusleiste am oberen Rand und vier Icons für Telefonie, Nachrichten, Kontakte und Firefox-Browser am unteren Rand. Werden diese Apps um weitere ergänzt, können Anwender die Schnellstartleiste auch horizontal scrollen. Zusätzliche Apps auf der eigentlichen Startseite zu platzieren gelang uns indes nicht.

Mit einem Fingerstrich nach links geht es zu den rechts neben dem Homescreen angeordneten Bildschirmen. Dort werden die installierten Apps angezeigt. Streift man dagegen nach rechts über den Bildschirm sieht man ein Suchfeld. Über das können Anwender nicht nur lokale Anwendungen aufspüren, sondern auch Apps im Market finden. Wer lieber stöbert als selbst zu suchen, findet bereits einige Suchkategorien, etwa für Social Media, Spiele oder Wetter. Weitere Themen lassen sich per Klick auf das Plus-Symbol hinzufügen.

Der Homebutton führt stets auf die Hauptseite zurück. Eine längere Berührung blendet dagegen den Taskmanager an. Dort können Anwender zwischen den Anwendungen wechseln oder einzelne Apps schließen – per Wischgeste nach oben oder Touch auf das Kreuz. Im Zusammenspiel mit dem Power-Botton nimmt der Homebutton auch Screenshots auf.

Streifen Nutzer vom oberen Rand nach unten, öffnet sich eine Lasche mit aktuellen Benachrichtigungen sowie Shortcuts; mit denen können Anwender rasch WALN, Mobilfunk-Datenverkehr, Blutooth sowie Flugmodus aktivieren oder deaktivieren. Außerdem geht es von hier ohne Umweg zu den Systemeinstellungen.

In den Apps selbst navigieren Anwender häufig nicht mehr per Fingerstrich: Zurück oder zu weiteren Einstellungen geht es dort zumeist über einen Fingertipp auf Symbole in an den Bildschirmrändern.

Grundausstattung

Von der Softwareausstattung des Peak waren wir zunächst positiv überrascht. Neben dem obligatorischen Firefox-Browser bietet das System E-Mail-Client, einen mit Google, Yahoo! oder CalDav synchronisierenden Kalender oder Uhr mit Wecker. Zum Lieferumfang gehören zudem Funktionen mit, die man bei einer so jungen Plattform weniger erwarten würde: So informiert das System über das verbrauchte Datenvolumen – aufgeschlüsselt nach WLAN und 3G. Auch das Tethering per USB und WLAN ist bereits vorgesehen. Bei unseren Tests konnten wir Daten problemlos und verschlüsselt per WPA2 (AES) übertragen. Die Funktion "Internet Sharing" findet sich übrigens unter den "Settings".

Ebenfalls über die Einstellungen können Anwender den Punkt "Device Information" abrufen sowie händisch oder automatisch nach neuesten Updates für das Firefox OS suchen. Die Aktualisierungen erfolgen unproblematisch und werden Over the Air (OTA) eingespielt. Die Updates werden dabei keineswegs täglich ausgeliefert. Während unseres Tests bis Ende Mai beschränkten sich die Aktualisierungen auf ein erstes Systemupdate auf Boot2Gecko 1.0.1.0-prerelease mit einem Umfang von 101,64 MByte; zusätzlich konnten wir ein 3,19 MByte großes Update für die Kartenanwendung HERE Maps installieren.

Speziell für Entwickler interessant ist das in den Einstellungen versteckte Untermenü "Developer" ("Settings" > "Device Information" > "More Information" > "Developer"). Dort können Programmierer etwa dauerhaft ein Gittermuster oder die aktuelle Frame-Rate einblenden und weitere Debugging-Funktionen aktivieren.

Bei der täglichen Arbeit fielen uns neben Glanzpunkten dann aber doch einige Defizite bei einzelnen Anwendungen und Funktionen auf. So bietet das Peak beispielsweise keine Option, um das Smartphone mit einem VPN zu verbinden.

Auf der Haben-Seite des E-Mail-Clients steht die Möglichkeit, mehrere Konten zu verwalten. Neben den Protokollen IMAP und SMTP unterstützt das System dabei auch das vom Microsoft Exchange Server verwendete ActiveSync. Zwischen den Konten müssen Anwender aber umständlich wechseln; eine zusammengefasste Übersicht aller Eingänge konnten wir nicht finden. Außerdem werden E-Mails offenbar nicht automatisch abgerufen. Eine Benachrichtigung über eingegangene Nachrichten in den Status-Anzeigen ist ebenfalls nicht umgesetzt. Formatierte E-Mails lassen sich mitunter auch nicht zoomen – und bleiben damit auf dem Handybildschirm nahezu unlesbar. Gleiches gilt auch für einzelne Anwendungen, die nur unzureichend für die kleine Anzeige optimiert wurden, darunter HERE Maps.

Kamera und Bluetooth

Durchwachsen bewerten wir die Kamera-Funktionen. Die bietet bei der Aufnahme keine Korrekturen; Helligkeit und Zuschnitt einmal aufgenommener Bilder lassen sich aber im Nachhinein verändern. Die als 8-MP-Kamera angepriesene Hardware selbst liefert aktuell wenig ansehnliche Fotos mit 1.280 x 960 Pixeln. Die sind verrauscht und überschärft.

Als ganz und gar unzureichend nahmen wir die Bluetooth-Implementierung wahr, mit der ein Dateitransfer von einem gepairten PC missglückte und die weder einen externen Lautsprecher noch eine Tastatur anzusteuern vermochte.

weiter mit Marketplace, Performance und Fazit

Marketplace und Anwendungen

Auf dem Peak läuft ein Marketplace, dessen Oberfläche ebenfalls noch Optimierungspotential besitzt. Seinen wirklichen Charme spielt Firefox OS aber dann aus, wenn Anwender eigene Apps installieren wollen. Das funktioniert auch am Marketplace vorbei; einen "Walled Garden" gibt es nicht. Apps sind nichts weiter als HTML, CSS und JavaScript. Da das Smartphone konsequent auf HTML5 setzt, lassen sich sogar bestehende Webanwendungen problemlos auf das Smartphone migrieren. Im Test gelang das sogar uns. Die Zutaten: Eine bestehende Webseite, eine neu erstellte Manifest-Datei im JSON-Format und ein Icon. Das Ergebnis: Eine "native" Anwendung für Firefox OS.

Welche Möglichkeiten und Sicherheitsrisiken die Beschränkung auf HTML5 und entsprechende APIs bedeuten, wagen wir an dieser Stelle nicht abschließend zu erörtern. Uns beeindruckte zumindest, dass sich offenbar auch die Telefonie-Funktion des Firefox OS per HTML5 umgesetzt wurde. Als Indiz für ein durchdachtes Sicherheitskonzept könnte die App-spezifische Rechtevergabe in den Settings des Telefons herhalten.

Dateisystem

Das Peak verfügt über einen "Device storage" von vier GByte. Davon sind knapp zwei GByte für Apps verfügbar. Musik, Fotos und Filme müssen zwingend auf einer microSD-Karte abgelegt werden; die wird vom Smartphone separat als "Media storage" verwaltet und kann per USB als Massenspeicher angesprochen werden. Aufgespielte MP3-Dateien sucht sich der Musik-Player selbst zusammen.

Performance

Firefox OS ist mit dem Ziel angetreten, besonders performant zu laufen. So heißt es in einem Telefónica-Blogbeitrag vom Vorjahr wörtlich: "The result is a better experience and performance, even at low end price points."

Anspruch und Wirklichkeit klaffen derzeit allerdings noch weit auseinander – selbst auf dem recht ordentlich ausgestatteten Topmodell Peak. Als Prozessor nutzt dieses einen Qualcomm Snapdragon S4 8225 mit 1,2 GHz Taktrate und zwei Kernen. Das genügt, um im Rightware Browsermark 2.0 einen Wert von 2.236 Punkten zu erreichen. Damit schlägt das Firefox-Phone nicht nur den Safari eines iPad mini (1.949 Punkte), sondern laut Rightware auch 82 Prozent aller getesteten Smartphones.

Im Alltag kann das Peak die mit dem guten Benchmark geweckten Erwartungen leider nicht erfüllen, soll heißen: Von einer butterweichen Bedienung ist das System noch entfernt und reagiert auf Eingaben teils ausgesprochen träge. Selbst das Scrollen in den Einstellungen funktioniert nicht vollkommen ruckelfrei.

Zuverlässigkeit

Auch in puncto Zuverlässigkeit kann das Geeksphone Peak noch zulegen. Bei unseren Tests stürzte etwa die Telefoniefunktion ab, als wir per *100# die Höhe des Guthabens einer Prepaid-Karte abfragen wollten. Mitunter bockte das Telefon, als wir es aus dem Ruhemodus aufwecken wollten oder brauchte einen Neustart, um Funktionen zu aktivieren, etwa das WLAN-Tethering. Gelegentlich zeigte sich der Bildschirm auch kurzzeitig komplett verrauscht; die automatisch geregelte Bildschirmhelligkeit machte generell einen so unruhigen Eindruck, dass wir sie lieber komplett deaktivierten.

Preis

Geeksphone bietet das Peak für 149 Euro an. Zuzüglich Steuern, Standardversand und Nachnahmegebühr hatten wir schließlich 207,15 Euro auf der Rechnung stehen. Als Schnäppchen kann man das Gerät damit nicht mehr bezeichnen. Ähnlich potente Mittelklasse-Smartphones gibt es deutlich günstiger, etwa das derzeit für knapp 130 Euro bei Amazon gelistete Huawei Ascend Y300 mit Android 4.1 und Doppelkernprozessor.

Anbieter

Nach dem offiziellen Launch waren zunächst nicht nur Geeksphones Server überlastet, sondern auch der Anbieter selbst. Trotz Bestellung am 23. April erhielten wir unser Gerät erst am 10. Mai – und dabei handelte es sich offenbar auch noch um ein Vorserienmodell, dem die komplette Kopfhörerbuchse fehlte. Den Umtausch wickelte der Anbieter dann aber rasch und freundlich ab: Binnen einer Woche hatten wir ein Austauschgerät; für die Rücksendekosten der Fehllieferung sind wir selbst aufgekommen.

Aktuell gibt es offenbar erneute Lieferengpässe.

Fazit

Für eine "Developer Preview" ist das Geeksphone Peak ein erstaunlich komplettes Smartphone geworden. Als Alternative für den produktiven Einsatz – egal ob privat oder geschäftlich – taugt das Vorabsystem allerdings nicht: Die Bedienung ist zu zäh und das Betriebssystem weder vollständig noch stabil genug. Auch preislich gesehen ist die Hardware kein wirkliches Schnäppchen. Entwickler und Experimentierfreudige werden das offene System dennoch zu schätzen wissen. Otto Normalanwender kann sich derweil auf ein vielversprechendes Smartphone-Betriebssystem mit schicker Oberfläche und sehr viel Potential freuen: "Smartphones mit Firefox OS soll es bis spätestens Ende 2014 auch bei uns geben" kündigt Telefónica Germany an.

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