Host – Just do IT! Fiducia begeistert Junge für den Mainframe

Redakteur: Ulrike Ostler

Sind Sie es nicht auch leid? Das Gejammer um fehlende Fachkräfte für das Mainframe-Computing. Die Titulierung der Großrechner als Dinosaurier. Wie frisch kommt da die Fiducia IT AG daher, die sich ihre Mainframe-Mannschaft selbst heranzieht und den Host jung und zum Faszinosum macht.

Firmen zum Thema

Das Fiducia-Kernteam, das für z/OS Mainframe zuständig ist. Ganz links im Bild ist Roland Trauner von IBM Deutschland zu erkennen, .
Das Fiducia-Kernteam, das für z/OS Mainframe zuständig ist. Ganz links im Bild ist Roland Trauner von IBM Deutschland zu erkennen, .
(Bild: Ostler)

Ein Gänsehaut-Feeling stellt sich ein, wenn ich um den Mainframe herumgehe“, sagt Simon Bierwald (siehe: Bildergalerie Abbildung 2), 24 Jahre alt. Er hat seine Berufsausbildung als Fachinformatiker für Systemintegration vor zwei Jahren bei der Fiducia IT AG. abgeschlossen. „Allein die Tatsache, dass auf nur wenigen Quadratmetern Stellfläche sämtliche Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken im Geschäftsgebiet der Fiducia zu finden sind …“

Das Mainframe-Kernteam auf einen Blick: (von links nach rechts:)Simon Bierwald, Julian Pape, Sebastian Fuchs, Gerhard A. Hauser und Raimund Süss.
Das Mainframe-Kernteam auf einen Blick: (von links nach rechts:)Simon Bierwald, Julian Pape, Sebastian Fuchs, Gerhard A. Hauser und Raimund Süss.
(Bild: Ostler)

Vor gut zweieinhalb Jahren gelangte Bierwald in das Team von Gerhard Hauser (siehe: Abbildung 1), der damalige Chef des Mainframe-Teams, der seit 35 Jahren im Unternehmen ist, „als Operator angefangen und immer, immer Mainframe-Themen gemacht hat, immer …“. So beschreibt er seine Tätigkeit selbst. (Gerhard Hauser ist seit 01. August.2014 in der Fiducia IT AG für die Rechenzentrums-Planung und die technische Aus- und Weiterbildung im Ressort 2 verantwortlich.)

Zu ihm gehört auch Raimund Süss, seit 30 Jahren bei der Fiducia IT AG, „von Anfang an ein Mainframer“, wie er sagt. Seit etwa zwei Jahren sind sie verstärkt in der Großrechner-Ausbildung tätig.

Die IT-Infrastruktur im Rechenzentrum

Allerdings besteht die IT des Dienstleisters der Volks- und Raiffeisenbanken nicht nur aus Großrechner-Systemen. „Wir sind multiplattformfähig“, so Süss. So setzt das IT-Unternehmen in zwei, einige Kilometer auseinanderliegenden Rechenzentren rund 14.000 Unix-Server ein, etwa 11.360 davon sind virtuell. Außerdem stehen dem Unternehmen mehr als 1.270 Terabyte an Plattenplatz zur Verfügung.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Die Rechenzentren selbst gelten als hochverfügbar. Sowohl die Trassen für die Kommunikation als auch den Strom bezieht das Unternehmen von verschiedenen Providern. Darüber hinaus steht eine eigene Notstromversorgung zur Verfügung und eines der Datacenter bezieht Strom zusätzlich aus drei eigenen Photovoltaik-Anlagen.

Das leistet die IT

Um für den Notfall gerüstet zu sein, gibt es Krisenstabsräume, Notfall-Management-Übungen, ITIL-basierte Prozesse für das Incident- und Problem-Management und einen Leitstand, der mit Iris- und Gesichtserkennung gesichert ist.

Die Großrechner sind die Heimat der eigenentwickelten Bankensoftware „Agree“. Diese deckt von A bis Z alles ab, was ein Bankmitarbeiter benötigt: vom Aktiendepot bis zum Zahlungsverkehr ins In- und -Ausland. Außerdem besitzt sie Anschlüsse zu Clearing-Stellen, erlaubt einen 24x7-Betrieb der Selbstbedienungs-Terminals sowie Broker-Dienste. In Spitzenzeiten kommt die Fiducia auf mehr als 4.000 Großrechner-Transaktionen pro Sekunde.

Die Anwendungen sind teilweise in Assembler geschrieben. Doch das Gros des Agree-Backend ist in Cobol entwickelt. Hauser wehrt sich unaufgefordert gegen ein vermutlich schon häufig gehörtes Vorurteil gegen Cobol: „Die Programme kosten nicht mehr Ressourcen als etwa Java-Anwendungen.“

Auch Großrechner brauchen ein Lifting

Die Fiducia ist 90 Jahre alt und Assembler sowie Cobol sind vergleichsweise alte Programmier-Sprachen, doch die Agree-Anwendungen selbst sind es durch laufende Weiterentwicklungen nicht. Beispielsweise hat die Fiducia IT AG schon lange vor dem Stichtag die Umstellungen vollzogen, die der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum (Single Euro Payments Area, SEPA) erfordert. Auch die Banking-App „VR-Banking“ für Smartphones und Tablets, vormals „vr-de“, mit bisher fast zwei Millionen Downloads greift auf das Agree-Backend zu.

Damit steht fest, dass die Großrechner-Systeme nicht nur Pflege benötigen, sondern ständige Weiterentwicklung und Erneuerung. Tatsächlich hat das Unternehmen erst vor kurzem einen Kraftakt hinter sich. Innerhalb eines Jahres, vom Februar 2013 bis zum Februar 2014, hat das Unternehmen sieben Central Electronic Complexes, kurz CECs, ersetzt.

Unter CECs versteht man die Gesamtheit der Hardware, aus der ein Großrechner besteht. Dies schließt CPUs, den Hauptspeicher, die Channels, die Controller und die Stromversorgung ein.

Die Technologie der neuen zEC12 Rechner

Dabei haben die Mitarbeiter in über 6.000 Arbeitsstunden und 4.000 Stunden Bereitschaft bereichsübergreifend die betroffenen Agree-Backend-z/OS Systeme verlagert. Konkret hat die Fiducia IT AG „IBM zEnterprise 196“ gegen „zEnterprise EC12“ (kurz: zEC12) getauscht. Unter anderem wurden dabei mehrere Tausend Ports an den Rechnern gesteckt sowie Lichtwellenleiter-Verbindungen verlegt. Die Kunden haben davon nichts gemerkt; denn das Umziehen erfolgte unterbrechungsfrei.

Die zEC12 Rechner lassen sich mit bis zu 101 Prozessorkernen ausstatten und weisen laut Hauser eine „eindrucksvolle Frequenz von 5,5 GHz“ auf. Die zEC12 CPU ist aktuell der schnellste Prozessor der Welt. So wird im Vergleich zum Vorgängermodell pro Kern eine bis zu 40 Prozent bessere Leistung und eine bis zu 60 Prozent höhere Gesamtkapazität bei Vollausbau geboten. Darüber hinaus hat IBM auch die Leistungsfähigkeit der I/O Komponenten um bis zu 100 Prozent gesteigert.

Der Aufwand für die Großrechner-Systeme rechnet sich, und das obwohl sich Hauser und Süss über die Abhängigkeit von ihrem System-Lieferanten IBM beklagen. Im Grunde genommen seien sie von IBM abhängig. Doch schließlich seien alle IBM-Wettbewerber vom Markt verschwunden – von Amdahl bis Unisys.

Davon profitieren die Kunden

Das könnte sich auf die Kosten auswirken. Doch gibt es auch bei der Fiducia IT AG keinen Automatismus, der die Kernanwendungen für immer auf die Plattform Mainframe bannte. Zum Beispiel stand zur Diskussion, ob ein Oracle-System für die SEPA-Datenhaltung in Frage käme. Letztlich entschied ein Vorstandsbeschluss. Jetzt liegt ein Teil der Daten auf der Mainframe-Datenbank DB2 ein Teil auf einem Oracle-System.

Innenansicht einer Filiale der Volksbanken und Raiffeisenbanken
Innenansicht einer Filiale der Volksbanken und Raiffeisenbanken
(Bild: BVR / Fotograf: Bernd Lammel)

Die strategische Bedeutung der Großrechner leitet sich nicht allein aus der technischen Leistungsfähigkeit ab. So muss das System etwa innerhalb kürzester Zeit skalieren können, ,zum Beispiel wenn die Jahresabschlüsse Lastspitzen erzeugen, die innerhalb von Minuten abgefangen werden können. Außerdem dürfen die Systeme auch bei ungeplanten Ausfällen von Komponenten, die selbst im Mainframe vorkommen, nicht in die Knie gehen. „Ein System, das einmal in Betrieb geht“, so Hauser, „wird bis zum nächsten Technologiewechsel nicht mehr ausgeschaltet.“

Außerdem stellt sich die Fiducia IT AG im Jahresturnus einem Benchmark; die jüngsten Ergebnisse eines Vergleichs unter den 25 besten Gartner-Kunden, der beispielsweise misst, wie viel Ressourcen (auch Strom und Manpower) pro Managed MIPS aufgewendet werden muss, erschien am 7. Februar. Nach wie vor steht Fiducia glänzend da.

Erfolg und Wehmutstropfen

Schließlich zählen die Kosten, die der Dienstleister an seine internen und externen Kunden weitergeben muss. In einem gesonderten Benchmarking bezogen auf die umzulegenden Kosten pro Bankarbeitsplatz schneidet die Fiducia seit Jahren immer am besten ab.

Da gibt es kein Ausruhen. Die Prüfung, welche Tools, welche Systeme tatsächlich gebraucht werden und wirtschaftlich sind, läuft permanent und nicht zwangsläufig auf die Mainframe-Werkzeuge hinaus.

Trotzdem oder auch gerade weil der Einsatz von Mainframes derart wichtig für das Geschäft der Fiducia IT AG ist, sah sich das Unternehmen mit einem potenziell riesigen Problem konfrontiert: dem fehlenden Nachwuchs.

„Wir haben noch mit Lochkarten gearbeitet“, sagt Abteilungschef Hauser und setzt hinzu: „Das beschreibt die Generation, der wir angehören.“ Außerdem habe die Mainframe- Abteilung aus einem Verbund an Leuten bestanden, die höchstens fünf Jahre auseinander lagen. Nun, ab 2016 werden gleich mehrere Mainframer in Rente gehen. „Wir sind gemeinsam gealtert“, so der Chef.

Lochkarte im 80-Spalten-Format nach IBM-Standard aus dem Bestand der Faun GmbH
Lochkarte im 80-Spalten-Format nach IBM-Standard aus dem Bestand der Faun GmbH
(Bild: GIZEH Werke - Dr. Alexander Mayer/ Wikipedia)

Das Problem war nur zum Teil hausgemacht. Denn immerhin prophezeien Analysten inzwischen schon Jahrzehnte lang das nahe Ende der Mainframes. Schon im Frühjahr 1989 titulierten die US-Medien „Forbes“ und „New York Times“ die Großrechner als „Dinosaurier.“

Elfenbeintürme und Anarchie

Kein Wunder also, dass weder Hersteller noch Hochschulen oder Anwenderunternehmen Know-how in die aussterbende IT-Spezies investieren wollten. Zugleich galten die alten Herren der Großrechner als Eminenzen in Elfenbeintürmen, die wenig gemein hatten mit der Turnschuhfraktion der Client-Server-Anarchos.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Noch vor 15 Jahren hat Großrechner-Computing geheißen: 15 Leute in einem Kämmerlein und alles spielt sich auf dem Mainframe ab, selbst das Netz“, berichtet Roland Trauner, IBM Mainframe Platform Brand Manager & IBM System z Academic Initiative Leader Germany (siehe: Bild 5).

Eine Ausbildung war, als Süss und Hauser mit den Mainframes Bekanntschaft machten, allerdings ebenfalls etwas ganz anderes als heute. „Die Kollegen im Rechenzentrum trugen weiße oder blaue Kittel. Ich durfte nicht einmal die Tastatur ohne Erlaubnis berühren“, erinnert sich Hauser.

Krasser Wandel

Generell war Mainframe-Computing Hardware-zentriert: „Wir sind ganz eng mit der Hardware aufgewachsen“, formuliert es Trauner. „Allein um die Tapes im Keller zu putzen und Endlosdrucker zu pflegen, waren in meiner Ausbildung glatt einmal sechs Monate eingeplant“, ergänzt Trauner die Erinnerungen an die damalige Ausbildungskultur. „Noch in den 80ern hat man nachts die Datensicherung gemacht, um die Bänder morgens in einen LKW zu verladen.“

IBM-704-Großrechner (rechts) mit Bandlaufwerk (links) aus den späten 1950ern
IBM-704-Großrechner (rechts) mit Bandlaufwerk (links) aus den späten 1950ern
(Bild: Wikipedia)

Außerdem gibt es einige Berufe im Mainframe-Umfeld schon gar nicht mehr, den „Master Terminal Operator“ (MTO) zum Beispiel. Auch zeigt den tiefen Wandel, der sich seither vollzogen hat.

Doch das Jahr 2000 sollte der Plattform endgültig den Garaus machen, beziehungsweise die in den meisten Großrechnerprogrammen harte, zweistellige Codierung der Jahreszahlen – ein „00“ oder „01“ waren in den Codes zumeist einfach nicht vorgesehen.

Tatsächlich waren hohe Anstrengungen und Investitionen notwendig, um die Systeme über den Jahrtausendwechsel zu bekommen. Als Spaghetti-Code wurden Cobol-Programme bezeichnet, als unförmige Monolithen die Plattformen.

IBM unter Druck

IBM geriet insbesondere wegen der Geschlossenheit der Systeme massiv unter Druck, die die Tools teuer machten und Anpassungen schwierig. Der Besuch einer Benutzerkonferenz war für Uneingeweihte ein Besuch auf einem anderen Stern, auf dem sich ausschließlich alte Herren in einer Geheimsprache unterhielten.

Host - Just do IT
Bildergalerie mit 9 Bildern

Hauser und Süss berichten heute, dass sie seit rund zehn Jahren eine Öffnung der Plattform beobachten. „Heute setzt IBM Requests um, die wir schon vor 20 Jahren in der Benutzervereinigung Guide Share Europe (GSE) formuliert hatten. Jetzt wird der Mainframe zum Multiplattform-System.“

Dennoch haben die Mainframer bei Fiducia die gravierenden Änderungen nicht als Bruch wahrgenommen. Zu sehr war das Team mit Änderungen, Anpassungen, Anforderungen beschäftigt. Doch nun, nach dem Überspringen mehrere Ausbildungsgenerationen kommen junge Leute ins Team, denen jeglicher Erfahrung mit Großrechnern und auch die Ehrfurcht vor dem Mainframe fehlt. Geht das gut?

Host – Just do IT

Host – Just do IT“, nennt sich das Ausbildungsprogramm, dass die Fiducia IT AG aufgelegt hat. Wie stark sich die Plattform und Umgang damit gewandelt haben, lässt sich hier deutlich ablesen. In lediglich neun bis elf Wochen findet das Heranführen statt, laut Kursplan als zum Großteil „autodidaktisches Lernen“ (Mehr dazu siehe: Bildergalerie). Die gewünschte Eigeninitiative wird begleitet durch wöchentliche „Livecoding-Sessions“ sowie Übungsaufgaben und Präsentationen.

Host - Just do IT
Bildergalerie mit 9 Bildern

Seit 2010 hat Fiducia zwölf Anwendungsentwickler und sieben Systemprogrammierer ausgebildet. Das Programm ist so erfolgreich, dass die ersten Absolventen schon längst weitere Nachwuchs-Host-Spezialisten ausbilden und eine „U30“-Community in der GSE mitgegründet haben. Zudem zieht die Schulung auch IT-Fachkräfte aus anderen Unternehmen an.

Doch wie ist nun das Verhältnis von Alt und Jung? Die alten Hasen der Abteilung kennen sie als „offen“, beschreiben Bierwald und Fuchs, die Kursabsolventen und jetzigen Systemprogrammierer ihre älteren Kollegen und setzen hinzu: „Die kennen sich aus.“

Jung gegen Alt?

Ressentiments gebe es eher seitens der Berufsschulen. Ihre Lehrer dort zeigten oft Unverständnis für die betriebliche Initiative und fragten, nach, was man mit einer Ausbildung auf einer aussterbenden Rechnerarchitektur anfangen wolle. „Die stehen auf x86“, so Bierwald.

Da ist ein Mainframe-System naturgemäß um vieles komplexer und birgt noch mehr Besonderheiten. Erst durch Einblicke in die Geschichte des Mainframe werde klar, warum ein Job nicht mehr als 72 Spalten haben dürfe, erzählt Bierwald.

Die Emulation eines Mainframe-Systems sei allerdings das Aha-Erlebnis für ihn gewesen. „Als die Master-Konsole hochgefahren wurde, war in dem Fenster richtig ´was los.“, sagt er.

Unsterblich werden

Manchmal allerdings müsse man sich vor Augen führen, dass es sich hier um ein lebendes System handele. Es gelte der Rat: Lieber noch einmal nachdenken. Denn: Ausprobieren geht nicht; ein Fehler und alle Geldautomaten könnten streiken.

„Also heißt es: Denk daran. Eines Tages machst du dich unter Umständen berühmt“, schmunzelt Sebastian Fuchs, Juniorsystemingenieur z/OS Mainframe Storage Tape bei der Fiducia IT AG.

Also: Alles gut und Mainframes for ever? „Viele Anwendungen laufen mittlerweile auf anderen Plattformen“, räumt Abteilungschef Hauser ein. Die Bank-kritischen Daten lagern auf dem Mainframe. Und das wird auch noch lange so bleiben.“

(ID:42960756)