Das finale Ende von ISDN steht unmittelbar bevor Ende einer Ära: Adieu ISDN – willkommen All IP!

Autor / Redakteur: Martin Jeschar / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Die endgültige ISDN-Abschaltung setzt viele Firmen unter Zugzwang, denn bis 2022 braucht es eine technische Telefonie-Alternative. Eine Chance, die gesamte Daten-, Sprach- und Videokommunikation via Internetprotokoll zu vereinheitlichen – mit All IP.

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Alte ISDN-Welt vs. neue All-IP-Welt – im nächsten Jahr geht auch der letzte verbliebene ISDN-Dienst vom Netz. Höchste Zeit für Alternativen!
Alte ISDN-Welt vs. neue All-IP-Welt – im nächsten Jahr geht auch der letzte verbliebene ISDN-Dienst vom Netz. Höchste Zeit für Alternativen!
(Bild: Placetel)

Hinter dem Kürzel ISDN (Integrated Services Digital Network) stand eine geniale Idee, mit der vor gut 30 Jahren hierzulande die erste Digitalisierungswelle kräftig an Fahrt aufnahm: Statt auf die seinerzeit utopische Verfügbarkeit einer flächendeckenden Glasfaserinfrastruktur zu warten, favorisierte die damalige Bundespost und heutige Telekom eine Technologie, mit der sich Digitalsignale über vorhandene Kupferleitungen im analogen Telefonnetz übertragen ließen.

All IP – Chance zur Prozessoptimierung

Heute sind die Tage von ISDN gezählt: Von der Telekom schon vor drei Jahren abgekündigt, schalten 2022 auch alle anderen Telekommunikationsprovider ihre ISDN-Funktionen ab. Damit befreien sich nun auch die letzten Carrier in Deutschland von allen verbliebenen leitungsvermittelten Netzwerküberresten – zugunsten der Konsolidierung auf eine All-IP-Infrastruktur. All IP bezeichnet dabei die Umstellung der bisher verwendeten Übertragungstechniken in den Telekommunikationsnetzen auf ein einheitliches IP-basiertes System. IP steht bekanntermaßen für „Internet Protokoll” und bezeichnet eine Kommunikationstechnik, mit der Informationen digital und rein paketvermittelt online übertragen werden.

Im Zuge dieser Netzwerkmodernisierung ging die Anzahl der ISDN-Anschlüsse in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurück, doch nach wie vor nutzen viele Firmen ihre vorhandenen alten Telefonanlagen. Und weil bisher ja alles funktionierte wie gewohnt, wird der Handlungsdruck vielerorts nicht wahrgenommen: Obwohl die Verwendung von Altanlagen unter bestimmten Voraussetzungen auch weiterhin möglich bleibt, sollten die Vor- und Nachteile des Umstiegs auf eine native All-IP-Plattform rechtzeitig erwogen werden. In diesem Kontext ist es insbesondere ratsam, nicht nur den technischen Aspekt zu betrachten, sondern auch die bisherigen Kommunikationsprozesse auf den Prüfstand zu stellen.

Denn viele dieser Prozesse resultieren aus isolierten Infrastrukturen für Services wie Telefonie, Fax, Internet, Mobilfunk, Video-Konferenzen oder Streaming. Bei All IP werden all diese Dienste über ein Next Generation Network (NGN) in nur einem einzigen Netzwerk zur Verfügung gestellt. Daher bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit zur grundlegenden Umgestaltung und Optimierung der internen und externen Business-Kommunikation. Ein erster Schritt in die richtige Richtung könnte beispielsweise die Einführung einer Cloud-Telefonanlage sein.

All IP: Abschied von Splitter und Kabelsalat

Mit All IP entfallen separate Telefonanschlüsse genauso wie der früher notwendige DSL-Splitter, der bei einem analogen oder ISDN-Anschluss die Sprachkommunikation beziehungsweise den Internetdatenstrom auf verschiedene Frequenzbänder verteilte. Stattdessen wird, wie heute überall üblich, einfach ein Router direkt mit dem DSL-Anschluss verbunden – und daran wiederum lassen sich Voice-over-IP-Telefone oder eine IP-fähige Telefonanlage via Ethernet anschließen. Aufwand und Kosten für eine exklusive Telefonverkabelung gehören somit der Vergangenheit an. Im Gegenzug gewinnen Unternehmen deutlich mehr Flexibilität bei der Anschlussversorgung ihrer Arbeitsplätze – Stichwort: Move, Add & Change. Damit wird eine einfache, flexible und zuverlässige Anbindung der Mitarbeiter an jedem Ort, ob im Homeoffice, unterwegs oder im Hotel mühelos und sicher ermöglicht. Dafür benötigen Unternehmen nur einen Internetanschluss und ein beliebiges Endgerät.

Auch getrennte Nutz- und Steuerkanäle sind bei All-IP überflüssig. Denn für den Aufbau der Verbindung zwischen zwei oder mehr Gesprächsteilnehmern sorgt hier das Session Initiation Protocol (SIP). Hervorzuheben ist allerdings, dass SIP lediglich die Modalitäten einer Sitzung aushandelt, und zwar unabhängig davon, ob es sich um ein Telefonat oder ein Videomeeting handelt. Egal, ob ein IP-Telefonat oder eine Video-Session ansteht – die Beschreibung der Übertragungsanforderungen für den betreffenden Multimediadatenstrom übernimmt ein eingebettetes Subprotokoll namens SDP (Session Description Protocol).

Via SDP informieren sich die Teilnehmer unter anderem über Netzwerkadressen und vereinbaren zugleich, über welchen Codec die Übertragung laufen soll. Weit verbreitet ist auch in der Voice-over-IP-Welt der Codec G.711, weshalb sich die Sprachqualität von IP-Telefonaten hinter der Vorgängertechnik ISDN nicht zu verstecken braucht. Im Gegenteil, denn viele IP-Endgeräte beherrschen darüber hinaus den HD-Audio-Codec G.722, der bei gleichbleibender Bitrate eine nochmals hörbar bessere Audioqualität liefert. Bei vielen IP-basierten Telefonanlagen passt sich der verwendete Codec dabei praktischerweise einfach der verfügbaren Bandbreite an.

Während SIP und SDP sämtliche Sitzungs- und Signalisierungsdetails regeln, ist für die eigentliche Übertragung der Audio- oder Videodatenpakete das Realtime Transport Protocol (RTP) verantwortlich. Diese Aufgabenverteilung auf verschiedene Protokolle ist der entscheidender Erfolgsfaktor für die Netzwerke der Zukunft. Denn damit öffnen sich die Türen für die nahtlose IP-Integration weiterer Medien-Streams – zum Beispiel für Übertragung von Konferenzen und Livestreams.

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ISDN als Wegbereiter für massenhaften Internetzugang

Obwohl ISDN mit nur acht Kilohertz (Codec G.711) auskam, boten digitale Telefonate dennoch eine deutlich höhere Sprachqualität als ihre analogen Vorläufer. Überdies brachte ein ISDN-Anschluss eine Reihe von zuvor unbekannten Leistungsmerkmalen ins Haus – darunter heute so selbstverständliche Dinge wie Rufnummernübertragung, Anklopfen oder Makeln. Möglich wurde dies durch eine Separierung der Kanäle für den Audio- und Steuerdatentransport: Konkret stellte ein ISDN-Basisanschluss zwei Nutzkanäle zu je 64 Kilobit pro Sekunde (B-Kanal) sowie einen 16-Bit-Steuerkanal (D-Kanal) zur Verfügung. Demgegenüber bot ein Primärmultiplexanschluss bis zu 30 B-Kanäle mit je einem Signalisierungs- und einem Synchronisationskanal.

Anders als mit einem analogen Modem konnten Anwender jetzt mit einem ISDN-Basisanschluss gleichzeitig telefonieren und im Internet surfen. Überdies ließ sich die Bandbreite durch Kanalbündelung von 64 auf 128 Kilobit pro Sekunde verdoppeln – ein Riesenfortschritt gemessen an der früheren analogen Modemgeschwindigkeit von meist nicht mehr als 10 Kilobit pro Sekunde. Ein Vierteljahrhundert später mögen solche Unterschiede sehr gering erscheinen. Doch wer damals etwa eine megabyteschwere Grafik von A nach B versenden wollte, empfand den Zeitgewinn durch Kanalbündelung als enorm.

Tausendundeine Einstiegsoption

Egal, wie man des dreht und wendet, All-IP wird nicht nur kommen, sondern ist bereits da. Auch, wenn Unternehmen einen Wechsel erst einmal für nicht notwendig erachten, schlummern hier einige Chancen und verschiedene Möglichkeiten. Allen voran eine bessere Zusammenarbeit. Denn mit einer VoIP-Telefonanlage sind Mitarbeiter weltweit immer unter Ihrer Festnetznummer erreichbar. Und neue Funktionen, wie Unified Communications sorgen dafür, dass Teams Online-Meetings über verschiedene Standorte hinweg führen oder Daten ganz einfach miteinander teilen können.

Je nach individueller Ausgangssituation können Unternehmen bei der Umstellung von ISDN auf All IP zwischen unterschiedlichen Optionen wählen: Das Spektrum reicht hier von der Weiternutzung vorhandener Altanlagen über die Anschaffung einer neuen IP-Telefonanlage bis hin zum As-a-Service-Modell mit einer virtuellen Cloud-Telefonanlage von Anbietern wie Placetel.

Doch welche Variante empfiehlt sich in welcher Situation? Welche technischen Voraussetzungen müssen jeweils erfüllt sein? Was ist für einen reibungslosen Voice-over-IP-Einstieg zu beachten? Diese Fragen behandelt Placetel in den folgenden zwei Beiträgen seiner dreiteiligen All-IP-Artikelserie, die wir jeweils zum Erscheinungstermin hier verlinken:

Martin Jeschar.
Martin Jeschar.
(Bild: Cisco/Placetel)

Über den Autor

Martin Jeschar ist Product Engineer bei Placetel.

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