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#ITfightsCorona Die Tech-Branche während und nach der Corona-Pandemie

| Autor / Redakteur: Andrei Klubnikin / Jürgen Schreier

Anlässlich der Coronakrise hat das Editoren-Team des Softwareentwicklers Softeq analysiert, welche Szenarien für die Tech-Branche gelten. Kurzfristig werden E-Learning, Teleconferencing und Cloud Computing von der Krise profitieren. Danach könnten aber auch neue IoT- , Smart City- und Virtual-Reality-Projekte angeschoben werden.

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Die Welt werde nach Corona eine andere sein, kann man dieser Tage häufig hören. Doch wie wird sie für die Tech-Branche aussehen?
Die Welt werde nach Corona eine andere sein, kann man dieser Tage häufig hören. Doch wie wird sie für die Tech-Branche aussehen?
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Die Pandemie und die daraus resultierenden Maßnahmen treffen die Weltwirtschaft derzeit hart. McKinsey zeigt in einer Studie zwei mögliche Szenarien für die Zeit danach:

Im ersten Szenario „Delayed recovery“ führen nationale Ausgangsbeschränkungen, Einschränkungen der Reisetätigkeit und Kontaktsperren Mitte April zu einem Absinken der Infekte. Die Anzahl der Ansteckungen schwächt sich über den Sommer deutlich ab. Dank medizinischer Entwicklungen kann die zweite Welle im Herbst ohne weitere Quarantänemaßnahmen bewältigt werden. Ein starker Einbruch von Handel und Konsum begleitet uns bis ins vierte Quartal, ebenso wie ein starker Anstieg von Insolvenzen und Entlassungen. Die Wirtschaft schrumpft übers Jahr gesehen. Ab dem vierten Quartal sehen wir Zeichen der Erholung.

Das zweite Szenario geht davon aus, dass der Coronavirus seinen Peak erst Mitte Mai erreicht. Konsum und Handel leiden weitaus deutlicher und die Weltwirtschaft entwickelt sich vergleichbar zum Krisenjahr 2008/2009. Die Einschränkungen werden uns das gesamte Jahr 2020 begleiten, was zu einer stark ansteigenden Zahl von Insolvenzen und Entlassungen führen wird. Da die Banken ausreichende Kapitaleinlagen haben, wird der Finanzsektor allerdings stabil bleiben. Erst im Frühjahr 2021 wird die globale Weltwirtschaft Zeichen der Erholung zeigen.

Die Tech-Industrie in der Pandemie

Der Coronavirus hat die Lebensrealität von Verbrauchern und Unternehmen verändert. Für die Tech-Branche, die zusätzlich unter dem Produktionsrückstau aus China leidet, hat das Auswirkungen:

Die Implementierung von G5 in den USA und Asien könnte sich um bis zu 18 Monate verzögern. Ohne effizientere Netzwerk-Infrastruktur stehen ehrgeizige IoT-Projekte mit hohem Dateneinsatz und Edge Computing (zum Beispiel Smart Cities) auf der Kippe. Andererseits ist zu erwarten, dass die Nachholeffekte nach der Krise ebenso groß sein werden und man nun die Zeit für Projektvorbereitung nutzen kann.

Im April 2020 sind mehr fast die Hälfte der Weltbevölkerung in Quarantäne oder Selbstisolation – das hat nicht zuletzt Auswirkungen auf den Internet-Traffic. Video-Streaming für Nachrichtenportale, Gesundheits- und Notfalldienste und Unternehmen müssen vorrangig behandelt werden. Verbraucher bekommen das zu spüren: YouTube und Netflix haben ihre Videoqualität bereits reduziert.

Die Cloud wird unverzichtbar

AWS, Microsoft Azure, Google und andere Cloud-Computing-Plattformen werden endgültig unverzichtbar im Business- und Content-Bereich. In den nächsten Monaten werden Unternehmen gezwungen sein, veraltete Anwendungen SaaS/PaaS-tauglich zu machen. Software-Entwickler mit Kenntnissen in Microservices und Containerization werden stark nachgefragt sein.

Vor der Coronakrise stammte rund 50 Prozent des Internet-Traffics von Mobilgeräten. Die Nutzung über Tablets und Laptops steigt aber aktuell, weil mehr Leute von zu Hause arbeiten. Das könnte auch bedeuten, dass der Abverkauf von Smartphones und innovativen Wearables sinkt, auch wenn diese bei der diesjährigen CES noch in aller Munde waren.

Der Online-Handel verzeichnet in einigen Bereichen eine Zunahme, vor allem die führende Plattform Amazon profitiert aufgrund eines breiten Sortiments und der Liefersicherheit von der Coronakrise. Der Boom betrifft freilich nicht alle Produkte: Nahrungsmittel, Tiernahrung oder Heimelektronik profitieren, während Kleider, tragbare Unterhaltungselektronik und alles, was mit Autos zu tun hat, derzeit Ladenhüter sind.

Ungewisse Zeiten für Tech-Start-ups

Besonders Tech-Start-ups sind von der Coronakrise betroffen. Aus einem einfachen Grund: Investitionsrunden finden in der Regel alle sechs bis acht Monate statt. Investoren werden aber in nächster Zeit sehr vorsichtig sein, Investitionen kürzen und eher bestehende Unternehmen als Neugründungen fördern.

Auch etablierte Unternehmen wie Airbnb oder Uber leiden unter der Krise, allerdings werden sie diese Krise trotz Umsatzrückgang als etablierte Marken wohl überstehen – zumindest die Unternehmen: Mitarbeiter, Vermieter und Fahrer trifft der Lock-Down empfindlich.

Weltweit beherrschen Sorgen um Jobs und die Wirtschaftsentwicklung die Debatten. Allein sechs Millionen Arbeitslose binnen einer Woche in den USA, eine bisher nie dagewesene Zahl. Und auch in Deutschland stehen bis zu einer Million Jobs auf der Kippe. Prognosen sind schwierig, aber viele Wirtschaftsexperten verweisen auf die Tatsache, dass die Wirtschaft vor Corona robust gewesen sei – es also nicht zwangsläufig zu einem „langen U“ oder gar „L“ kommen muss, wie die zwei Krisenszenarien in der Wirtschaft genannt werden, bei der nach einem steilen Abschwung kaum oder gar kein anschließender Aufschwung stattfindet.

Coronakrise – Beschleuniger der Digitalisierung?

Gleichzeitig sieht die Technologiebranche auch Chancen in der gegenwärtigen Krise. Auch der einflussreiche Gabor Steingart verweist in seinem „Morningbriefing“ am 8. April 2020 auf die Krise als „Beschleuniger“ mancher, gerade digitaler Entwicklung.

In diesen Branchen erwartet der IT-Sektor nach Corona spürbaren Aufwind:

E-Learning: Deutschlands Schulen sind bis mindestens nach den Osterferien geschlossen. Global sind laut UN derzeit in über 100 Ländern Schulen ganz oder teilweise geschlossen. Homeschooling ist angesagt – und damit erleben die E-Learning-Plattformen einen nie dagewesenen Boom. Das trifft auch für die digitale Weiterbildung insgesamt zu. Auch, wenn noch nicht klar ist, ob der Trend anhält, mehren sich die Zeichen, dass der Bildungsmarkt sich intensiver mit E-Learning auseinandersetzen muss und wird.

Teleconferencing: Vor dem Ausbruch der Coronakrise kannte kaum einer Eric Yuan, den Gründer von Zoom Video Communications. Jetzt ist seine Firma wertvoller als 4 amerikanische Fluglinien – zusammen. In Deutschland arbeitet mittlerweile jeder zweite Arbeitnehmer im Home Office – damit werden Teleconferencing-Tools für viele Unternehmen plötzlich zum geschäftskritischen Tool. Sensor Tower schreibt, dass Anwendungen wie Zoom, Slack, Tencent Meeting, and Microsoft Teams 6,7 Millionen Downloads allein in der ersten Märzwoche verzeichnet haben.

Virtual Reality und Augmented/Extended Reality: Teleconferencing und Task Management-Tools helfen, dass Firmen in dieser schwierigen Zeit (einigermaßen) produktiv bleiben. Im industriellen Sektor stellen geschlossene Produktionsstätten aber die geübte Praxis von Vor-Ort-Trainings auf den Prüfstand. Wie können derzeit beispielsweise Industriearbeiter an neuen Maschinen geschult werden?

VR ist die Antwort. Auch der arg gebeutelte Tourismussektor könnte aus der Krise etwas lernen: Mit Extended Reality (XR) die Welt nach Haus bringen – ein Beispiel ist die Travel World VR. Auch Kultureinrichtungen wie Museen rüsten derzeit ihre Fähigkeiten auf, virtuelle Touren durch ihre Sammlungen zu liefern (und sogar mehr zu zeigen als man es beim Gang durchs Museum entdecken kann).

Telemedizin and IoT für Healthcare: Allgemein wird erwartet, dass der Coronavirus die Implementierung von E-Health vorantreiben wird – vor allem, was telemedizinische und IoT-basierte Gesundheitsüberwachung angeht. Selbst im datenschutzkritischen Deutschland mehren sich die Stimmen, bleiben aber im globalen Vergleich leiser. In China wiederum geht man mutig voran: Telekommunikationsanbieter haben ein auf 5G basierendes Kommunikationssystem aufgebaut, das Ärzte vom West China Hospital und 27 Krankenhäusern mit Corona-Patienten verbindet.

Das Land hat die Polizei mit Drohnen ausgestattet, um Personen, die sich nicht an die Quarantäne-Anweisungen halten, zu entdecken – indem sie die Temperatur bei diesen Personen messen. Südkorea war das erste Land mit einer App, die die Einhaltung von Selbstisolation überwacht. Die Anwendung erlaubt es den Nutzern aber auch, mit Ärzten und anderen Gesundheitsanbietern in Kontakt zu bleiben. Australien nutzt innovative Technologien auf einem anderen Weg: Fake News werden mit einem KI-gesteuerten Chatbot bekämpft.

Ein wachsendes Problem sind Cyberattacken gegen IT-Systeme von Krankenhäusern, die im Rahmen der Pandemie ihre IT-Systeme abrupt ausbauen müssen und nicht auf die Sicherheitsfragen vorbereitet sind, die sich diesbezüglich ergeben. Alles in allem deutet die Entwicklung an, dass der Einsatz von Technologie in der Gesundheitsbranche, zum Beispiel, um den Ausbruch eines Virus nachzuvollziehen, nach der Coronakrise breiter diskutiert werden wird. Länder mit einem geringeren Datenschutz werden diesbezüglich sicher die Vorreiter sein.

Lieferdienste: FoodBoss zeigt den stetig wachsenden Bedarf kontaktloser Lieferungen in Zeiten von Corona. Andere sind besorgt, weil die Kuriere nicht gut auf die Situation eingestellt sind, insbesondere die Hygiene bleibt ein Problem. China nutzt Drohnen für die Lieferung von Medikamenten, was zu einer Halbierung der Lieferzeiten führt. Auch die DHL mischt auf diesem Gebiet mit.

Das weckt Hoffnungen, dass Politiker weltweit dem Beispiel von China folgen, wo der Einsatz von Drohnen für Paketlieferung schon länger erlaubt ist. Auch in den USA gibt es erste Testversuche mit Medikamentenlieferungen. Paketzustellung gilt laut einer Studie von Roland Berger (vor der Coronakrise) als der am schnellsten umzusetzende Bereich für den Einsatz von Drohnen im privaten Bereich.

Was kommt als nächstes?

Wir wissen noch nicht genau, in welchem Ausmaß die Coronakrise die Tech-Industrie erfassen wird. Zu sehen war allerdings, dass wir von China abhängen – sowohl in den Lieferketten als auch für den Konsum unserer Produkte. Apple hat seine Umsatzziele im ersten Quartal 2020 bereits verfehlt – wie es weitergeht, bleibt ungewiss. In Deutschland leidet vor allem die schwächelnde Automobilindustrie, während SAP, eine Art digitaler Mischkonzern, sich profilieren kann. Die Unterbrechung der Lieferketten sind derzeit die größte Sorge im gesamten Industriesektor.

IT-Entwicklungsdienstleistungen sind ebenfalls betroffen: globale Technologie-Unternehmen, die ihre IT-Entwicklung nach Asien outsourcen, müssen jetzt feststellen, dass Home-Office beispielsweise in Indien sehr unüblich ist. Gleichzeitig kann es für strauchelnde Unternehmen derzeit attraktiver sein, outzusourcen statt anzustellen, nur eben mit Unternehmen in von der Pandemie weniger betroffenen Regionen außerhalb Asiens.

Gibt es auch gute Nachrichten? Ja! Die meisten Regierungen, auch hier in Europa, stemmen sich mit aller Macht gegen den wirtschaftlichen Abschwung. Technologische Fortschritte, die helfen können, ein ähnliches Szenario wie jetzt zu vermeiden, werden vermutlich mit großen Investitionen unterstützt – von Smart City-Initiativen bis hin zu Plattformen, die das Katastrophenmanagement vereinfachen und bei der Vermeidung solcher Situationen helfen. Auch IoT-Projekte und Virtual Reality werden im Fokus einiger Branchen stehen, um sich unabhängiger von der analogen Welt zu machen.

Kurzfristig profitieren Anbieter für E-Learning, Teleconferencing und Cloud Computing sicherlich am meisten. Klar ist jedoch, dass es gute Rezepte aus der „Technologie-Küche“ gibt, um den vielleicht noch monatelangen Kampf gegen die Pandemie einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Andrei Klubnikin ist Senior Copywriter bei Softeq. Er publiziert zu den Themen IoT, KI, Cloud, mobile Apps und digitale Transformation.

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