Stimme aus dem Handel Die Politik schickt uns in den Datensuizid

Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Achim Heisler / Sarah Gandorfer

Achim Heisler, der für die IT-BUSINESS als Stimme aus dem Handel agiert, findet drastische Worte für den NSA-Skandal. Allerdings sieht er die Schuld nicht alleine bei den Amerikanern, sondern auch bei Politik, Wirtschaft und jedem einzelnen von uns.

Anbieter zum Thema

Was sind wir bereit in Schutzmaßnahmen gegen Abhöraktionen und Überwachung bei Telefon, Email oder in sozialen Netzwerken zu investieren?
Was sind wir bereit in Schutzmaßnahmen gegen Abhöraktionen und Überwachung bei Telefon, Email oder in sozialen Netzwerken zu investieren?
(Bild: Surabky - Fotolia.com)

Sicher ist nur der Tod. Aber Dank Ronald Pofalla, Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, werden wir wohl auch das Sterben für beendet erklären können. Fast wäre es der politischen Elite gelungen, unser allgemein verletztes Sicherheitsempfinden wieder herzustellen. Wir waren nur allzu gerne bereit wieder zum Tagesgeschäft überzugehen und ahnten schon, das sich dies für uns nicht (zum Positiven) ändern würde.

Doch dann der Schock! Super-Merkels Telefon wird von der NSA abgehört. Und nun konnten wir alle aus dem Fußvolk mal wieder lernen, wie eine politische Kehrtwende aussehen kann. Jetzt werden auf der internationalen Bühne all die Schritte nachgeholt, die schon lange vorher fällig gewesen wären. Wenn es für den Normalbürger nicht so traurig wäre, dann hätte Pofalla & Co. einen Platz im politischen Kabarett sicher.

Die eigene Nase

Doch so sehr wir uns mal wieder über die große politische Bühne aufregen können, so müssen wir uns auch persönlich an die Nase fassen. Wir regen uns lautstark über Abhöraktionen und Überwachung bei Telefon, Email und in sozialen Netzwerken auf, müssen uns aber gleichzeitig fragen, was wir für den Schutz der Informationen bereit wären zu investieren.

Hierzu gab es eine interessante Studie des Handelsblatts. Dort wurden Bürger befragt, ab welcher Summe sie bereit wären ihre persönlichen Daten zu offenbaren. Dass dort im Schnitt nur fünf Euro aufgerufen wurden, erklärt sich für mich nur aus der geringen Wertschätzung der eigenen Daten. Es erklärt aber auch das Problem der Security-Anbieter, die den Kunden erst einmal von ihren Produkten überzeugen müssen. Denn wenn die eigenen Daten für uns fast keinen Wert haben, wie viel sind wir dann wohl bereit in deren Schutz zu investieren?

Wir würden viel differenzierter reagieren, wenn an unseren Daten ein Preisschild hängen würde. Doch wo soll der Preis herkommen und wie sollen Ansprüche bei einem beliebig kopierbarem Gut durchgesetzt werden? Erst wenn wir in der Lage wären, verschiedenen Daten auch unterschiedliche Wertigkeitsstufen zu zuordnen, könnten wir unterschiedliche Sicherheitslevel implementieren. Dafür benötigen wir eine vom User bestimmbare dynamische Sicherheit, welche sich über die Wertigkeit, also den Preis für den Schutz definiert. Doch neben dem Klassiker „Gier frißt Hirn“ gilt leider ebenfalls „Bequemlichkeit verdrängt Sicherheit“. Es reicht demnach nicht, den Daten ein Preisschild umzuhängen. Auch müssen die implementierten Sicherheitslevel aus meiner Sicht drei Grundvoraussetzungen erfüllen:

  • 1. Die Bedienung muß einfach sein, da Komplexität zur Nichtbenutzung führt.
  • 2. Das System muß plattform- oder betriebssystemübergreifend arbeiten.
  • 3. Es braucht eine neutrale, internationale Organisation zur Sicherung der Integrität.

Ich bilde mir nicht ein, die Paradigmen für ein gesundes Maß an Sicherheit neu erfunden zu haben, aber die Frage muß erlaubt sein, wieso denn nur so wenig davon umgesetzt wird. Denn neben der als gering eingestuften persönlichen Wertigkeit, arbeiten Staat und Wirtschaft eigentlich gegen uns.

Kein Platz für Schutz

Im Geflecht der Großkonzerne ist bei all dem Big Data kein Platz für den Schutz der Daten. Auch der Übergang zwischen wirtschaft- und staatlichen Interessen ist in vielen Ländern fließend. Beide Seiten sehen ihr Seelenheil in der hemmungslosen Sammelwut und personalisierter Verknüpfung unserer Daten. Diese stellt die Hauptgefahr dar. Erst hier kann aus geringwertigen Einzeldaten ein wertvolles Gesamtpaket werden.

Da wir augenscheinlich recht schmerzfrei mit unseren Daten umgehen und die Gegenseite mit fast grenzenlosen Ressourcen antritt, sollten wir uns einige grundsätzliche Fragen stellen: Ist der Preis für unsere demokratische Ordnung nicht ein mangelhafter Schutz des Einzelnen? Die Bürger fühlen sich frei und sicher und der Bedarf nach Datenschutz scheint mir stark reziprok dazu. Die darstellbare Wertigkeit ist sehr gering und nur eine kleine Zielgruppe mit hohen kommerziellen Interessen kann und will ihre Daten adäquat schützen.

Erst wenn der Preis für die Daten die persönliche Freiheit oder gar die Angst um Leib und Leben ist, werden wir an unserem Verhaltensmuster etwas ändern. Doch zum jetzigen Zeitpunkt habe ich den Eindruck, dass wir mit den Bewohnern des Schlaraffenlandes über eine Hungersnot sprechen wollen. So bleibt es am Ende wieder bei den großen Worten einer zu tiefst (selbst-)betroffenen Politik, die einen Teil der Bevölkerung wissend in den Datensuizid laufen läßt. □

Wissen, was läuft

Täglich die wichtigsten Infos aus dem ITK-Markt

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

(ID:42391438)