Bis zum ersten Quartal 2012 keine Besserung in Sicht, aber Flash-Platten bieten Alternative Die Meinung des Channels zum Festplatten-Mangel aufgrund der Flut in Thailand

Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Sarah Maier / Sarah Gandorfer

Die Flutkatastrophe in Thailand führt zu einer Verknappung und Verteuerung von Festplatten. IT-BUSINESS befragte Hersteller, Distributoren und Systemhäuser, welche Auswirkung das auf den IT-Markt haben wird.

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Siegbert Wortmann, Gründer und Chef der Wortmann AG
Siegbert Wortmann, Gründer und Chef der Wortmann AG

Das Ausmaß des Hochwassers in Thailand schlägt Wellen bis zu uns. Gerade hat der IT-Markt die Folgen der Atomkatastrophe und die damit einhergehende Verknappung von Bauteilen aus japanischer Fertigung verkraftet, kommt es jetzt zu Produktionsausfällen in Thailand. Dort wurden laut IDC im ersten Halbjahr zwischen 40 und 45 Prozent der weltweit vertriebenen Hard Disk Drives (HDD) hergestellt. Seit Wochen sind nun die Fabriken überschwemmt und das könnte bis Anfang kommenden Jahres auch noch so bleiben.

Die Folgen spürt man bereits auf dem deutschen IT-Markt. Seit Anfang September sind die Preise für Speicherlaufwerke um durchschnittlich 80 Prozent gestiegen, so der Banchenverband Bitkom. Ob das das Ende der Fahnenstange ist und wie der Channel dieses Problem bewältigen will, dazu hat IT-BUSINESS verschiedene Unternehmen befragt.

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Wortmann für die nächsten Monate genug auf Lager

Siegbert Wortmann, Gründer und Chef der Wortmann AG
Siegbert Wortmann, Gründer und Chef der Wortmann AG

Siegbert Wortmann, Gründer und Chef der Wortmann AG: „Ein Mangel an Festplatten ist deutlich zu spüren. Wir haben für unsere Produktion für die nächsten Monate aber genug Festplatten auf Lager. Ein ausreichender Lagerbestand für die Produktion sollte immer vorhanden sein. Aufgrund der Preissteigerung und der Verknappung werden auf Dauer sicherlich nicht weniger Rechner produziert.

Bei den Festplatten haben sich teilweise die Preise schon um mehr als 80 Prozent erhöht. Ich rechne aber nicht mit weiteren Preissteigerungen.“

Cancom sieht mehr Geschäft mit SSD

Klaus Weinmann, Vorstandsvorsitzender von Cancom
Klaus Weinmann, Vorstandsvorsitzender von Cancom
Klaus Weinmann, Vorstandsvorsitzender von Cancom: „Engpässe sind spürbar. Wir können zum Teil noch auf Alternativhersteller switchen, allerdings wird auch das zunehmend schwieriger, da insbesondere die Produktion bei Zulieferern für Komponenten von Festplatten in Thailand stark eingeschränkt ist. Wir haben uns im Vorfeld aber noch mit Beständen für unser Geschäft im vierten Quartal eingedeckt. Wir gehen nach heutigem Stand nicht davon aus, dass künftig weniger Rechner und Server produziert werden. Die Produzenten von Notebooks und PC’s werden als enge Vertragspartner weiterhin bevorzugt beliefert, so dass hier kein Engpass zu erwarten ist.

Wir haben unser Einkaufsvolumen sehr stark auf unsere strategischen Lieferanten konzentriert. Unsere engen Partnerschaften und unsere Marktstellung als eines der drei größten deutschen Systemhäuser gewährleisten uns eine vernünftige Belieferung. Nichts desto trotz sind Engpässe nicht auszuschließen, die wir durch überlegtes Sourcing möglichst kompensieren wollen. Rückgänge beim Absatz von HDD-Festplatten könnten dafür schließlich zu mehr Geschäft mit SSD-Festplatten führen.

Wir spüren jedoch merkliche Preiserhöhungen, die vermutlich auch noch weiter zunehmen könnten. Momentan halten sich alle Akteure mit Käufen sehr zurück, man wartet die weitere Entwicklung ab. Unser aktueller Eindruck ist, dass sich die Preise nicht so schnell wieder regulieren werden, auch wenn die Kaufzurückhaltung eventuell in absehbarer Zeit umschwenken sollte.“

Media-Saturn schließt Preissteigerung nicht aus

Bei Media-Saturn teilte eine Unternehmenssprecherin mit, dass einige der Lieferanten für Festplatten aufgrund der Überschwemmungen in Thailand von Produktionsausfällen betroffen sind. Daher schließt der Konzern nicht aus, dass es in den Saturn- und Media-Märkten zu Lieferengpässen und Preissteigerungen kommen kann. Diesbezüglich stehe das Unternehmen permanent in engem Kontakt mit den Herstellern. Man werde jedoch immer versuchen, den Kunden die bestmöglichen Preise anzubieten. Darüber hinaus hätten die Märkte gut disponiert, sodass man zuversichtlich sei, auch im Weihnachtsgeschäft weiterhin gut aufgestellt zu sein.

Smartbook weniger betroffen

Torsten Duffner, Vorstand der Smartbook AG
Torsten Duffner, Vorstand der Smartbook AG

Torsten Duffner, Vorstand von Smartbook: „Was man aus dem Markt hört, mangelt es sehr an Festplatten. Die Preise sind gestiegen, haben sich jedoch in den vergangenen Tagen geringfügig erholt, weil manche Broker Gewinne mitnehmen wollten. Die hohen Preise werden wohl noch bis ersten Quartal 2012 bleiben.

Der Bedarf an Servern und Rechnern ist da. Entsprechend werden sich die Preise hierfür anpassen und letztendlich werden diese auch bezahlt. Der eine oder andere Privatkunde wird sich den Kauf vielleicht noch mal überlegen und abwarten. Im Businessumfeld wird nach Bedarf gekauft.

Smartbook setzt weiter auf Netbooks sowie Tablets mit Flashspeicher. Das Festplattenproblem trifft uns also nicht so gravierend.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Distributoren Tim und Ingram Micro zu diesem Thema sagen.

Laut Tim werden Flash-Platten attraktiv

Rocco Frömberg und Sascha Waldhecker, beide Produktmanager bei Tim: „Die derzeit mögliche Festplatten-Produktion hält nicht mit der Nachfrage Schritt, was sich durch deutlich gestiegene Preise äußert. Darüber hinaus haben erste Lieferanten bereits Lieferschwierigkeiten bestimmter Plattentechnologien und –größen angekündigt, was wir aber im Moment noch durch unseren Lagerbestand ausgleichen können.

In Abhängigkeit der Dauer des Festplattenmangels werden die Preiserhöhungen weiter zunehmen. Allerdings wird es ab einem bestimmten Preispunkt für Käufer attraktiv, auf die bisher zu teuer erscheinende, jedoch sehr leistungsfähige Flash-Technologie umzusteigen. Die Preise für Festplatten werden also nicht unbegrenzt steigen. Wie schnell sich die Situation wieder normalisiert, ist schwer vorherzusagen, denn für den Festplattenbau gibt es zahlreiche, wichtige Vorlieferanten – speziell aus Thailand – , die alle ihre Produktion wieder anlaufen lassen müssen. Andere Festplatten produzierende Länder sind daher keine Alternative, da auch sie Teil dieser Lieferkette sind.

Unserer Meinung nach werden künftig weniger Rechner und Server gebaut, denn Festplatten finden vor allem im Low-Cost- und Midrange-Bereich Verwendung und sind durch das benötigte Volumen und niedrige Preise nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Nun sind durch die Ausnahmesituation deutliche Preiserhöhungen kaum zu vermeiden, weshalb viele Kunden ihr Anschaffung verschieben oder auf alternative Technologien wechseln werden. Naheliegend sind flash-basierte Rechner oder Server – wovon wiederum die Solid-State-Disk-Platten (SSD)-Produzenten profitieren. Dies können aber auch Non-PCs wie Tablets sein, die sich ohnehin ein sehr hohen Nachfrage erfreuen – sofern sie den angedachten Verwendungszweck erfüllen können.

Temporär wird es eine geringere Modellvielfalt, längere Lieferzeiten und höhere Preise für Festplatten und darauf basierende Lösungen geben. Für den Käufer bedeutet dies, daß er bei gleichem Budget ein weniger leistungsfähiges Gesamt-System erhält. Auf der anderen Seite werden alternative Technologien, beispielsweise auf Basis von Flash-Speicher, attraktiver. Sie erfahren eine deutlich schnellere Akzeptanz in Markt-Segmenten, die sie mit einem funktionierenden Festplatten-Markt derzeit noch nicht hätten adressieren können.“

Ingram Micro hält die Folgen für Kunden so gering wie möglich

Gerhard Schulz, Ingram-Micro-Chef
Gerhard Schulz, Ingram-Micro-Chef
Gerhard Schulz, Ingram-Micro-Chef: „Wir sehen eine signifikante Verknappung bei Festplatten. Die Preisentwicklung hängt von den Marktakteuren ab und ergibt sich aus Angebot und Nachfrage, deshalb können wir keine konkreten Vorhersagen zur weiteren Preisentwicklung treffen.

Im vierten Quartal werden jedoch nicht weniger Rechner oder Server produziert, so dass aus unserer Sicht das Weihnachtsgeschäft gesichert ist. Die Entwicklung im ersten Quartal 2012 ist allerdings noch nicht absehbar. Im Augenblick halten sich die Auswirkungen in Grenzen und sind, wie gesagt, am deutlichsten in der Preisentwicklung spürbar.

Naturkatastrophen sind sehr schwer vorhersehbar und zeigen immer wieder, wie komplex und weitreichend die Zusammenhänge in der global agierenden Hightech-Wirtschaft sind. Nicht nur, dass uns die ungewissen Schicksale der Millionen Flutopfer in Thailand bewegen, vielmehr zeigen sich die negativen Folgen für die weltweite Verfügbarkeit von Festplatten in unserer gesamten Branche. Momentan ist es schwierig, die weitergehenden Auswirkungen auf die Produktions- und Lieferkette sowie die Preisentwicklung und somit auf die IT-Branche abzuschätzen. Dies zeigt, dass es schwierig ist, diese Entwicklungen vorausschauend in die Unternehmensstrategie einzubinden. Insgesamt ist es uns wichtig, in allen Situationen umsichtig und kontrolliert zu agieren. Wir stehen seit Beginn der Verknappung in engem Austausch mit den betroffenen Herstellern und setzen unser gesammeltes Know-how als international operierendes Unternehmen ein, um die Folgen für unsere Kunden so gering wie möglich zu halten.“

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