Suchen

Canalys Channels Forum 2017 Die Kampfansage von Canalys-Chef Brazier an die Disruption

Autor: Michael Hase

Beim Canalys Channels Forum 2017 zeigte Steve Brazier, CEO von Canalys, nicht nur Markttrends auf. Der Analyst bezog auch klar Position gegen so genannte disruptive Geschäftsmodelle und für ethisches Handeln.

Firmen zum Thema

Steve Brazier, CEO von Canalys, nimmt bei vielen Themen eine klare Haltung ein.
Steve Brazier, CEO von Canalys, nimmt bei vielen Themen eine klare Haltung ein.
(Bild: Michael Hase)

Dass der Begriff „Disruption“, ebenso wie sein Adjektiv „disruptiv“, in IT-Kreisen inflationär gebraucht wird, muss Steve Brazier mit der Zeit gehörig auf die Nerven ­gegangen sein. Denn der Chef des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Canalys setzte sich in seiner Keynote auf dem diesjährigen Canalys Channels Forum ausführlich mit dem Phänomen auseinander, für das Unternehmen wie Airbnb, ­Facebook, Google oder Uber stehen.

Die Geschäftsmodelle dieser Anbieter werden oft als positive Beispiele dafür angeführt, wie sich mit Hilfe des Internets die Spielregeln von Märkten neu definieren lassen. Brazier zufolge beruht deren Erfolg jedoch zu einem erheblichen Maß auf ethisch fragwürdigem Verhalten, was sich nach seiner Beobachtung zunehmend in der öffentlichen Meinung widerspiegelt. 2017 sei das Jahr, in dem die „Disruptoren“ entzaubert würden. „Endlich hat man verstanden, dass der größte Teil der magischen Disruption, von der sie sprechen, nichts anderes ist als Steuervermeidung.“

Canalys Channels Forum 2017 in Venedig
Bildergalerie mit 33 Bildern

Somit begrüßte es der Analyst, dass die Internet-Riesen zunehmend die Regulierung auf den Plan rufen. „Wenn multinationale Konzerne, die keine Steuern zahlen, kleine lokale Betriebe, die welche zahlen, aus dem Markt drängen, ist das kein Fortschritt für die Gesellschaft.“ Für richtig hält er etwa die Maßnahme der Stadt Florenz, die jede Airbnb-Übernachtung mit einer Abgabe belegt. Denn die Vermietungsplattform vertreibe Einheimische aus Touristenhochburgen wie Florenz oder Venedig.

Monopolbildung

Druck durch Behörden bekommen die Konzerne laut Brazier auch deshalb, weil ihre Marktmacht wächst und Monopole entstehen. Als Indizien dafür nannte er das ­Milliardenbußgeld, das die EU-Kommission gegen Google wegen Wettbewerbsverzerrung verhängte, und den Widerspruch deutscher Datenschützer ­gegen die Pläne von Facebook, Daten mit der Tochterfirma WhatsApp auszutauschen. Zudem ist für den Canalys-Chef offenkundig, dass Facebook die Meinungsbildung im US-Wahlkampf und vor der Brexit-Abstimmung ­beeinflusst hat. Und was Uber betrifft, so gibt es nach seinen Worten zahllose Beispiele dafür, wie der Fahrdienstvermittler die ­Regeln der Ethik verletzt.

Folglich ist Disruption nach Braziers Überzeugung kein Konzept, an dem sich der Channel orientieren sollte. Systemhäusern könne nicht daran gelegen sein, unethischem Handeln, Steuervermeidung oder Monopolbildung Vorschub zu leisten. „Wenn eines Ihrer Vertriebsargumente lauten sollte, dass Sie Kunden dabei helfen, den Markt disruptiv zu verändern, streichen Sie es bitte!“

Braziers Keynote bildet traditionell einen Höhepunkt des Canalys Channels Forum, dem wichtigsten Event für den europä­ischen IT-Fachhandel, das in diesem Jahr in Venedig stattfand. Unter dem Titel ­„Limitless Landscape“ zeigte der Markt­forscher nicht nur auf, wie digitale Technologien die Wirtschaft verändern. Beispielhaft skizzierte er dazu Szenarien aus Branchen wie Automobil, Banken, Fertigung, Gesundheitswesen, Handel und Luftfahrt. Der Experte machte auch deutlich, wie sich die IT-Industrie selbst durch die Digitalisierung wandelt.

Edge und Cloud

Edge Computing wird sich demnach zu ­einem bestimmenden Trend entwickeln. Für viele digitale Anwendungsszenarien sei essenziell, dass „wir in der Lage sind, ­große Mengen von Daten nah am Ort des Geschehens zu verarbeiten“. Einen weiteren großen Trend erkennt Brazier darin, dass sich die IT-Branche rund um die Hyperscaler Amazon, Google und Microsoft restrukturiert. Die Anbieter von Enterprise-Technologie trieben das Modell mittlerweile voran und arbeiteten intensiv an Schnittstellen, damit sich Daten einfach zwischen lokalen Systemen und der Public Cloud hin und her bewegen lassen, so der Analyst. Allerdings bekräftigte er seine Mahnung der ­vergangenen Jahre, der hohe Kapitalbedarf für Aufbau und Betrieb von Public-Cloud-Plattformen berge Risiken. So seien die Aufwendungen von Amazon und Microsoft, die in ihre Rechenzentren fließen, im zweiten Quartal dieses Jahres schneller ­gewachsen als die Erlöse.

Darüber hinaus wies der Canalys-Chef auf zwei Entwicklungen hin, die für den Channel ebenso relevant sind: die Zunahme von Sicherheitsbedrohungen („Das Security-Geschäft verspricht ihnen eine glänzende Zukunft.“) und die ­Ablösung von Laufzeitlizenzen durch Subskriptionen. So würden 2017 rund 15 Prozent aller Software-Produkte als Service bereitgestellt.

Auf Kunden hören

Für Systemhäuser lautet eine Kernfrage, wie sie auf die Möglichkeiten, die sich mit der Digitalisierung bieten, und auf die ­damit verbundenen Marktveränderungen reagieren sollen. Brazier empfiehlt Resellern, die primär Infrastruktur und PCs vertreiben, ihr Geschäftsmodell zu ändern und neue Fertigkeiten auszubilden. Manche Partner seien frustriert, weil die Hersteller ihnen Widersprüchliches raten und ­jeder nur dem eigenen Interesse zu folgen scheine, sagte der Marktforscher. Seinen Zuhörern gab er daher eine Botschaft mit auf den Weg: „Lassen Sie die Kunden entscheiden, wohin Sie gehen sollen.“ Ihnen zuzuhören sei wichtiger als Herstellern oder Analysten. „Bleiben Sie nah an Ihren Kunden dran. Das bringt Sie weiter.“

Unterm Strich gibt es nach Beobachtung des Analysten derzeit „mehr Möglichkeiten für den Channel als jemals zuvor“. Zudem sei die wirtschaftliche Lage in Europa so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Manche Veränderung gestalte sich zwar komplex, wie etwa die Umstellung auf Subskriptionen und wiederkehrende Erlöse. Tendenziell ermögliche das Modell aber eine schnellere Erneuerung von Technologien und eine engere Kundenbeziehung. Somit blickt Brazier für die Systemhäuser ausgesprochen optimistisch nach vorn.

(ID:44939370)

Über den Autor

 Michael Hase

Michael Hase

Chefreporter