Interview mit Kai-Otto Landwehr Die Finanzkrise und ihre Folgen für IT-Projekt-Finanzierungen

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Wenn die Finanzwirtschaft krankt, muss auch die Realwirtschaft husten. Zögerliche Kreditvergabe führt zu steigenden Finanzierungskosten. IT-BUSINESS sprach mit Kai-Otto Landwehr, dem Chef der Siemens Finance & Leasing, über die Finanzkrise und mehr Unabhängigkeit von der Hausbank.

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Kai-Otto Landwehr ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Siemens Finance & Leasing GmbH.
Kai-Otto Landwehr ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Siemens Finance & Leasing GmbH.

ITB: Die Financial Services-Sparte von Siemens (SFS), hat eine Studie zum Thema Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen für das Jahr 2011 veröffentlicht. Was sind denn die wichtigsten Erkenntnisse?

Landwehr: Da die Studie regelmäßig seit mehreren Jahren durchgeführt wird, liegen die wichtigsten Erkenntnisse bei den Veränderungen im zeitlichen Verlauf. Hier zeigt sich, dass ein starker Anstieg bei der Investitionsbereitschaft in Deutschland zu verzeichnen war. Zudem wird deutlich, dass Firmen aus Deutschland hinsichtlich ihrer Investitionsbereitschaft weltweit betrachtet nur knapp hinter den Wachstumsregionen China und der Türkei liegen und innerhalb Europas deutlich vor Großbritannien, Frankreich und Polen.

ITB: Die Finanzmärkte spielen schon seit geraumer Zeit verrückt. Das Börsenbeben der vergangenen Wochen stellt realistisch betrachtet nur einen vorläufigen Höhepunkt dar. ZEW- und Ifo-Index sind bereits in Folge eingebrochen. Welche Folgen ergeben sich denn tendenziell für die Investitionsbereitschaft in der Realwirtschaft aus diesen Turbulenzen auf dem Börsenparkett?

Landwehr: Hier sind Interpretationen natürlich Tür und Tor geöffnet. Vor allem die Verschuldungssituation in den USA und der EU zählt zu den großen Problemen, die gelöst werden müssen, da sie zu den allgemeinen Unsicherheiten und Verwerfungen, wie sie sich beim DAX-Absturz gezeigt haben, beitragen. Inwieweit und in welcher Form sich das Geschehen an der Börse auf die Realwirtschaft auswirkt, kann ich Ihnen aber nicht konkret sagen. Das wäre Kaffeesatzleserei.

ITB: Siemens verfügt über eine eigene Bank-Lizenz. Wie ist die Siemens Bank organisatorisch eingebunden?

Landwehr: Gesellschaftsrechtlich ist die Siemens Bank GmbH eine 100-prozentige Tochter der Siemens AG und damit eine eigenständige Gesellschaft. Die Bank ist jedoch in das Netzwerk von Finanzgesellschaften im Siemens-Konzern eingebunden und wird in der Segment-Berichterstattung daher dem Cross-Sector-Geschäft Financial Services zugewiesen.

ITB: Welche Vorteile ergeben sich durch die eigene Bank-Lizenz für den Siemens-Konzern?

Landwehr: Die Bankgründung spielt eine wichtige Rolle in der Wachstumsstrategie der Financial-Services-Einheit. Die Siemens Bank GmbH wird mit Krediten und Garantien das Produktspektrum der Financial-Services-Einheit von Siemens insbesondere im Bereich Absatzfinanzierung erweitern und so den Vertrieb in den operativen Siemens-Sektoren unterstützen. Hier geht es dann auch mal um Großprojekte wie die Finanzierung von Windparkanlagen oder Kraftwerken.

ITB: Welche Finanzdienstleistungen spielen im IT- und TK-Bereich die größte Rolle?

Landwehr: Im IT-Segment sind Leasing und Managed-Services-Konstrukte besonders wichtig.

ITB: Akteure aus dem produzierenden oder dem dienstleistenden Sektor – ich nenne das mal „Realwirtschaft“ – müssen ein um‘s andere Mal hinnehmen, dass Finanzkrisen auf ihr Geschäft überschwappen. Nach der Lehmann-Pleite kam es beispielsweise zu einer stark gebremsten Kreditvergabe an Unternehmen, weil Banken sich gegenseitig nicht mehr trauten und aus Sicht einiger Marktakteure das ganze Finanzsystem zu kollabieren drohte. Welche Rolle spielen hier alternative Finanzierungsmethoden?

Landwehr: Aus Unternehmenssicht lautet die entscheidende Frage: Wie kann ich meine anstehenden Investitionen finanzieren? Vor allem in der Krise ist es wichtig, dass man auf mehreren Säulen finanziert und nicht nur auf eine Hausbank oder auf die Finanzierung durch eigene Betriebsmittel setzt. Wenn sich Unternehmen hingegen bereits mit alternativen Finanzierungsformen, wie wir sie anbieten, beschäftigt haben, stehen weitere Optionen bereit, falls durch restriktivere Kreditvergabe der Banken die Kreditkosten und die Schwierigkeiten tendenziell steigen.

ITB: Würden Sie sagen, dass Kredite zur Finanzierung von Unternehmen oder Projekten inzwischen bereits wieder zurückhaltender vergeben werden, wegen der andauernden Unsicherheiten in der Finanzbranche?

Landwehr: Nach den Liquiditätsengpässen in Folge der Lehmann-Insolvenz kam das Gros der Unternehmen in Deutschland grundsätzlich wieder komfortabel an Kredite heran, nachdem die ersten Unsicherheiten überwunden waren. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass gegenwärtig noch etwa 20 Prozent der Firmen angeben, dass ihnen benötigtes Kapital nicht ausreichend zur Verfügung steht. Inzwischen parken Banken wieder mehr Gelder bei der EZB, was dafür spricht, dass es im Interbankenmarkt wieder zu Unsicherheiten kommt. Ich sehe das unabhängig von Krise oder Nicht-Krise so, dass sich Unternehmen bei der Finanzierung breiter aufstellen sollten, so dass sie nicht ausschließlich von einzelnen Banken abhängig sind.

ITB: Welche alternativen Finanzierungsmöglichkeiten, die auch die SFS anbietet, können hierbei helfen? Wie sieht denn Ihr Portfolio aus?

Landwehr: Bei der Siemens Finance & Leasing GmbH (SF&L), der Leasingtochter der SFS, unterscheiden wir zwischen zwei Bereichen: Zum einen finanzieren wir Siemens-Produkte, was etwa knapp die Hälfte des Neugeschäftsvolumens ausmacht. Zum anderen finanzieren wir aber auch Projekte für externe sowie Siemens-Kunden, die sich nicht oder nur zum Teil um Siemens-Produkte drehen. Außerdem bieten wir verschiedene Leasing-Modelle an. Man unterscheidet hier zwischen Restwertverträgen (Operate Lease), bei denen mit einem Restwert nach Ende des Vertrages kalkuliert wird und Vollamortisationsverträgen, bei denen über die Laufzeit hinweg die Anschaffung ausfinanziert wird. Am Ende kann der Vertrag verlängert oder das Gerät gekauft werden. Bei Mietkauf-Modellen zahlt der Kunde – wie der Name schon sagt – während der Laufzeit Miete und kauft anschließend ebenfalls. Unterarten von Mietkauf-Modellen sind Managed-Services- oder Price-per-Use-Modelle, die wir gemeinsam mit unseren Technologiepartnern umsetzen. Über die Siemens Bank nehmen wir zudem klassische Bankfinanzierungen vor. Außerdem sind wir im Bereich Factoring engagiert.

ITB: Welche Vorteile kann ein Reseller aus einem Factoring-Vertrag ziehen, also wenn SFS ausstehende Forderungen ankauft und verwaltet?

Landwehr: Als Lieferant kann ich meinen Kunden so längere Zahlungsziele gewähren und gleichzeitig meine Einkaufskonditionen verbessern.

ITB: Welche Wurzeln hat die Siemens Finance & Leasing GmbH unternehmenshistorisch betrachtet, und mit welchen Unternehmen ist sie vor diesem Hintergrund eng verzahnt?

Landwehr: Unsere Wurzeln reichen 40 Jahre zurück, als wir für die Siemens-Nixdorf-Absatzfinanzierung gegründet wurden und Absatzfinanzierungen für Fujitsu und der früheren Siemens Business Services strukturiert haben. Aus historischen Gründen sind wir daher eng mit Fujitsu verbunden. Auch heute noch ist Fujitsu Technology Solutions (FTS) einer unserer wichtigsten Kooperationspartner. Zudem besteht eine enge Zusammenarbeit mit SAP Deutschland. Zusammen bieten wir das SAP Financing Programm, ein Modell der Software-Finanzierung für SAP-Kunden an.

ITB: Inwieweit finanziert SFS auch IT- und TK-Projekte, in denen auch Nicht-Siemens-Komponenten verbaut werden?

Landwehr: Realistisch betrachtet haben die vielen Technologiepartnerschaften dazu geführt, dass in kaum einem Gerät nur Produkte eines Herstellers verkauft werden. Wenn ich mir beispielsweise Projekte unseres Partners Fujitsu anschaue, sind auch hier Produktteile anderer Lieferanten enthalten. SF&L sieht sich hier als unabhängiger Finanzanbieter, und wir werden nicht durchkalkulieren, welcher Anteil des einen oder anderen Herstellers die Finanzierungskosten bestimmt.

ITB: Welche Vorteile bietet SFS im Vergleich zur Hausbank eines Resellers?

Landwehr: Das ist ganz klar unser Produkt- und Finanzierungs-Know-how. Wenn wir beispielsweise gemeinsam mit Fujitsu Bundles aus den richtigen IT-Produkten, wie Storage-Umgebungen oder Cloud- und SaaS-Angeboten sowie cleveren Finanzierungsoptionen zusammen bringen, beispielsweise in Form von Managed-Services-Modellen – dann kann die Hausbank in vielen Fällen nicht mithalten.

ITB: Müssen Reseller, die Finanzierungsmöglichkeiten über Ihr Haus nutzen wollen, durch ein Partnerprogramm an Siemens oder der Siemens Finance & Leasing gebunden sein?

Landwehr: Nein.

ITB: Wie läuft das in der Praxis ab, wenn für ein Projekt eine Finanzierung von SF&L angestrebt wird?

Landwehr: Wir sind an sechs Standorten in Deutschland mit unserem Regionalvertrieb vor Ort. Die Kollegen arbeiten eng mit Resellern zusammen und gehen beispielsweise auch mit zum Kunden. Unser Vertriebsinnendienst ist für Reseller-Partner und Kunden jederzeit telefonisch erreichbar.

ITB: Wie lange dauert es in etwa ab dem ersten Kontakt bis eine Finanzierung steht?

Landwehr: Das hängt ganz von der Größenordnung und Komplexität ab. Kleinere Projekte können wir problemlos innerhalb eines Tages abwickeln. Bei größeren und komplexeren Szenarien – beispielsweise im Storage-Umfeld – kann es schon mal ein paar Wochen dauern.

ITB: Die Marschroute für die Finanzbranche steht zu Recht auf mehr Eigenkapitalhinterlegung, strengeren Bilanzierungsregeln – Stichwort: Basel III. Was bedeutet diese Entwicklung für SFS?

Landwehr: SFS refinanziert sich ausschließlich über den Siemens-Konzern und nicht über den Finanzmarkt. Insofern betreffen uns diese Regeln nur indirekt. In Hinblick auf unsere Kunden möchte ich nochmals unterstreichen, dass eine breite Aufstellung bezüglich möglicher Finanzierungsmodelle zu mehr Flexibilität sowie einer geringeren Abhängigkeit von der Hausbank und generellen Entwicklungen an den Finanzmärkten führt.

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