Ein Kommentar zur „Content-Management“-Politik auf iPad, iPhone und Co. Der Sündenfall begann mit einem Apple

Autor / Redakteur: Achim Heisler, Geschäftsführer des Systemhauses A-H-S / Regina Böckle

Apple zensiert die Inhalte, die über iPad & Co. veröffentlicht werden, und Springer-Chef Mathias Döpfner erklärt im Interview, die Verlagswelt müsse Big Apple als Retter in der Not täglich danken. Was ist los im Paradies des bislang freien Meinungsaustauschs im Internet? Eine Analyse.

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Achim Heisler ist Geschäftsführer des Düsseldorfer Systemhauses A-H-S.
Achim Heisler ist Geschäftsführer des Düsseldorfer Systemhauses A-H-S.
( Archiv: Vogel Business Media )

Man möge mir das Abdriften in die religiöse Ecke verzeihen, aber als ich in einer Zeitschrift eine Zeichnung aus dem Mittelalter mit einem Apfel in seiner uns wohlbekannten Form sah, stellte ich sofort die Verbindung zu Apple her.

Dieser Artikel ist dann auch so etwas wie der Nachfolger zu „Divide et impera: Die Konkurrenz ebnet Apple den Weg“ aus strategischer Sicht.

Wie wir ja alle von HP nun erfahren konnten, will man WebOS ja gar nicht für Smartphones einsetzen. Da hat sich ein potenzieller Gegner für Apple schon selbst aus dem Rennen genommen.

iPhone: Die Vertreibung aus dem Paradies

Doch wie komme ich darauf, das Apple in der Lage sein wird, uns aus dem „Paradies“ Internet zu vertreiben? Dafür definiere ich das Internet als Hort der Meinungsfreiheit und –vielfalt. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass dies nicht nur Sonnenseiten hat. In meinem letzten Artikel hatte ich als Beispiel nur Apples Testballon mit Adobe Flash genannt – schon beginnen in Amerika Website-Betreiber ihre Auftritte umzustellen, beziehungsweise eine Alternativ-Site zu schaffen um iPhone- und iPad-User nicht auszuschließen.

Und in der Presse laufen von beiden Seiten massive Verbalgefechte um die Vor- und Nachteile der einzelnen Lösungen. Gewinnt Apple diesen Kampf, bestimmt der Konzern wesentliche Eckpunkte der künftigen Software-Basis dieser Geräte. Das allein wäre noch nicht problematisch.

Angriff auf die Meinungsfreiheit

Aber Apple greift gleichzeitig noch an der Content-Front an. Oder kennen Sie jemand, der den Bild-Herausgeber Springer dazu gebracht hätte, seine leicht bekleideten Frauen zu zensieren?

Für die Möglichkeit aber, mit Content Geld zu verdienen, unterwirft sich der Springer-Verlag hier sang- und klanglos einer ausländischen Moralvorstellung. Auch wenn diese Art der Zensur noch keine wirklichen demokratischen Grundfesten unserer Gesellschaft betrifft, so ist es doch ein großer Schritt in die falsche Richtung.

(Anm. der Redaktion: Apple behält sich vor, den über Apple-Geräte veröffentlichten Content der hauseigenen Firmenphilosophie anzupassen, wie unter anderem Recherchen des NDR ergaben. Dazu gehört auch, dass die Titel-Girls von Bild beispielsweise nicht barbusig gezeigt werden. Springer-Chef Mathias Döpfner empfahl Verlegern kürzlich im TV-Interview mit dem US-amerikanischen Journalisten Charly Rose, Apple als dem Retter des Verlagswesen täglich mit einem Gebet zu danken.)

Bis zum heutigen Tage ist es noch keinem Hersteller gelungen, über Internetinhalte so viel Macht zu gewinnen. Denn die Content-Lieferanten sind ja keine kleinen Fische, denen man ohne weiteres sagt, was sie zu drucken haben. Und wenn die Entwicklung weiter in Richtung „Big Apple“ läuft, dann werden auch Ausweich-Reaktionen immer schwieriger (so wie heute mit einer wirklichen Alternative zu Microsoft Office).

Was passiert, wenn Apple nach den Wolken greifen sollte, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Big Apple auf der Wolke

Wenn ich den Appstore und seine Inhalte als externe Cloud betrachte, wirft dies einen erschreckenden Blick auf das, was in Zukunft mit Daten und Meinung in einer solchen Wolke passieren kann. Falls jemand ein düsteres Bild der Zukunft braucht, dann muss man als Steve Jobs Nachfolger nur Silvio Berlusconi einsetzen. Wem bei diesem Gedanken nicht ein kalter Schauer über den Rücken läuft, ist schon sehr abgestumpft. Die gefährliche Kombination aus Gerät und Content in der Hand einer einzelnen Person ist per se abzulehnen. Zum heutigen Zeitpunkt ist die Gefahr auch noch nicht akut, aber Apple war die erste Firma, die erfolgreich das Henne-Ei-Problem lösen konnte (keine Geräte ohne Inhalt, aber kein Inhalt ohne Geräte) und mit seien Geräten im Markt sehr schnell eine kritische Masse erreicht.

Viele Leute behaupten, Apple hätte nur ein tolles Marketing, welches in der Lage sei, auch mittelmäßige Geräte äußerst erfolgreich am Markt zu platzieren. Wenn diese Personen recht hätten, dann müsste ich diesen Artikel nicht schreiben. Denn das „Problem“ ist, dass die Geräte gerade in ihrer reduzierten Funktionalität und Geschlossenheit einen User-Kreis ansprechen können, den die anderen Hersteller bisher vergeblich zu öffnen versuchten.

Der Sündenfall auf dem Silbertablett

Die hohe Akzeptanz und der einfache Zugang für User, die wahrlich nicht als computer-affin zu bezeichnen sind, ist das eigentliche Geheimnis der Apple-Geräte. Wie Nintendos Wii erschließen sie die große Gruppe der Nicht-Computer- oder -Consolen-Freaks, denen die bisherigen Geräte unheimlich waren. Betrachte ich diese Entwicklung, dann ist Apple momentan sicherlich nicht die einzige Gefahr, aber die mit dem höchsten Potenzial.

Denn auch eine vermeintliche Alternative wie Android, kommt von Google. Und ob ich den Teufel mit dem Belzebub austreiben möchte sei dahingestellt. Denn Inhaltskontrolle, die über Apps ausgeführt wird, bedeutet auch User-Kontrolle, und alles das, was an den Bezelbuben Microsoft, Google, Facebook kritisiert wird, landet bei Apple auf dem Silbertablett.

Noch wollen alle ja nur unser Bestes (Geld), aber was ist in der Zukunft? Momentan sind Microsoft & Co. nur langsamer, aber in ihrer Grundidee keinesfalls besser.

Süße Verführung

Gibt es eine einfache Lösung für dieses Dilemma? Nein, denn auch ich erwische mich dabei, wie ich willfährig in den Apfel der Sünde beiße und mich auch noch gut dabei fühle. Nur bleibt bei mir der üble Nachgeschmack, dass ich in zehn Jahren meine Gedanken und Meinungen nur noch „vorgedacht“ serviert bekomme und Artikel wie dieser dem Reinlichkeitsfilter irgendeiner Cloud-App nicht passen würden.

Meine dunkle Sicht der Dinge mag manch ein Leser für übertrieben halten, aber wir sind bereits umgeben von Regierungen, Personen und Firmen, die alle vermeintlich wissen, was Gut für ihre Bürger und Kunden ist.

Und wenn ich sehe, wie einfach sich die große Masse der Leute steuern lässt, dann liegt es an uns, das Geschehen sehr kritisch zu beobachten und Missstände und Gefahren immer wieder offen zu legen.

Was halten Sie vom Vorgehen Apples? Diskutieren Sie mit in unserem Forum.

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