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„Das Management verwendet jetzt die Worte Mainframe und Innovation in einem Satz.“

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Der Mainframe scheint auch in der containerisierten, Blockchain-gesicherten, Big-Data- Multi-Cloud und KI-Zununft fest verankert zu sein.
Der Mainframe scheint auch in der containerisierten, Blockchain-gesicherten, Big-Data- Multi-Cloud und KI-Zununft fest verankert zu sein. (Bild: gemeinfrei - kellepics/Pixabay / CC0)

Mainframe aufs Abstellgleis? Das scheint ein Motto von gestern zu sein. In vielen Unternehmen entdeckt man den IBM-Großrechner als zuverlässige Plattform für moderne Anwendungen wieder.

Die (Hybrid) Cloud, konvergente, hyperkonvergente und „komponierbare“ (composable) Infrastrukturen – wer braucht da noch den Mainframe? Sieht man etwas genauer hin, könnte sich hinter den aktuellen Architekturansätzen ein Motiv verbergen, das letztlich auch die in die Jahre gekommenen Großrechner in frischem Glanz erstrahlen lässt.

Denn die Zeit des verteilten Rechnens hat den Unternehmen neben einem PC auf jedem Schreibtisch auch jede Menge Verdruss beschert: Undurchlässige Architektursilos, komplexe Netzwerke, vielschichtige Protokollstapel, die untereinander oft nicht kompatibel sind, oft mehrere IT-Welten nebeneinander, etwa in Zentrale und Niederlassungen, bewirken, dass IT-Administratoren in konventionellen Umgebungen rund 80 Prozent ihrer Zeit mit Routine verbringen. Der Rest bleibt für Innovation.

Auch die vielgepriesene Virtualisierung hat daran nichts Durchgreifendes geändert. Die eher schlechte Auslastung der Systeme ist günstigenfalls gestiegen, Lasten lassen sich innerhalb der Infrastruktur leichter verschieben und Kapazitäten einfacher aufstocken. Das war es aber auch schon.

Die neue alte Zukunftsplattform

Deshalb fährt der Zug der Zeit in Richtung Re-Zentralisierung und Re-Integration des gesamten Infrastruktur-Stacks. Großzügig betrachtet, sind aus dieser Perspektive Cloud und die diversen Varianten konvergenter Infrastruktur nichts weiter als der Versuch, den Mainframe als Erbringer zentralisierter IT-Services nachzubauen – nur billiger, leichter skalierbar und mit weniger Abhängigkeit von einem spezifischen Hardwarelieferanten.

Bei diesen Versuchen zeigen sich die neuen Infrastrukturvarianten nur sehr partiell ihrem monolithischen Vorläufer überlegen. Die Folge: Der Mainframe rückt als mögliche Zukunftsplattform wieder mehr in den Fokus. Professor Philipp Brune lehrt Wirtschaftsinformatik in Neu-Ulm und unterrichtet zudem im Rahmen eines MBA-Studiengangs Großrechnertechnik. Er meint: „Viele Unternehmen erkennen, dass der Mainframe einzigartig hinsichtlich seines Transaktionsdurchsatzes, der Hochverfügbarkeit und Sicherheit ist.“

Das Problem bei anderen Architekturen liege in dem mit der Modularisierung verbundenen Kommunikationsaufwand. Er erschwere es, die Funktionen, die beim Mainframe sozusagen in die Hardwarearchitektur und die hardwarenahe Software eingebaut seien, zu reproduzieren. Das gelte besonders für die hochmodularen hyperkonvergenten Infrastrukturen.

Der Coolness-Faktor

Die Public Cloud dagegen, auf der sich sicher viele der Mainframe-Funktionen abbilden lassen, weil die Hardwarehersteller ihre Geräte nach den Vorgaben der Cloud-Provider bauen und nicht umgekehrt und weil für den Einsatz auf der Cloud auch umfangreiche Open-Source-Entwicklung stattfindet, ist vielen gerade anspruchsvollen Anwendern nicht geheuer. Vor allem dann nicht, wenn sie, wie viele von ihnen, einen Mainframe im Rechenzentrum stehen haben: Warum in die Ferne schweifen? Sieh! Das Gute liegt so nah!

Inzwischen hat der Mainframe mancherorts sogar eine Art Exotenbonus, der junge Menschen anzieht, die etwas anderes wollen als den Mainstream. Einer von ihnen ist Andreas Bechtloff. Er gehört zu einer 80köpfigen IT-ler Truppe bei Datev e.G., die sich als „z Talents“ dem im Rechenzentrum der Datev befindlichen Mainframe verschrieben haben.

Findet Mainframes immer cooler, je länger er sich damit beschäftigt: Andreas Bechtloff, „z Talent“ bei Datev e.V.
Findet Mainframes immer cooler, je länger er sich damit beschäftigt: Andreas Bechtloff, „z Talent“ bei Datev e.V. (Bild: Ariane Rüdiger)

„Je länger ich mich mit dem Mainframe beschäftige, desto cooler finde ich ihn“, sagt er. Er will sich dafür einsetzen, dass wieder mehr Workloads dorthin verlagert werden. Dass dies nicht geschehe, habe oft viel mit Politik, aber wenig mit Sachargumenten zu tun. Das müsse sich ändern. „Jede Workload sollte dahin verschoben werden, wo sie am besten läuft“, fordert er.

Ein Plattformwechsel ist unattraktiv

Nicht nur bei der Datev dämmert die Mainframe-Renaissance. Versicherer, Autobauer, Luftfahrtindustrie – überall reifen derzeit Pläne heran, den schon abgeschriebenen Monolithen wieder aus der Schmuddelecke zu holen. Kürzlich richtete die ARS Computer und Consulting GmbH, ein Beratungs- und Softwarehaus mit Fokussierung auf Themen rund um IBM-Mainframes, das Softwarehaus PKS und die Europäische Mainframe-Akademie ein Mainframe-Seminar aus. Es kamen etwa 40 Besucher – vor drei Jahren waren es beim selben Thema drei. Unter den Teilnehmern gab es keinen, der nicht von neuen Mainframe-Initiativen in seiner Organisation berichtete.

Mainframe-Spezialist Brune weiß warum: „Die Bestandssysteme in Großunternehmen sind organisatorisch und wirtschaftlich nicht ablösbar.“ Sprich: Das Risiko, die vielfältig miteinander verflochtenen, oft händisch programmierten Anwendungen bei dem Versuch des Plattformwechsels zu ruinieren und damit das ganze Unternehmen in seinem Bestand zu gefährden, ist zu hoch.

Umbau statt Ablösung

Also geht man den gegenteiligen Weg und baut den Mainframe jetzt um. Dass die Datenschutzvorschriften strenger und die Daten mehr werden ist dafür sicher kein Hinderungsgrund – liegen hier doch große Stärken von Mainframes.

Ein Beispiel für solche Initiativen ist T-Systems. Auch dort plagte man sich bis 2017 mit Ablösungsplänen und holte dann externe Beratung bei PKS ein. Das Management kam zu dem Schluss, dass der Mainframe zur neuen strategischen Plattform ausgebaut werden sollte.

Seit einigen Monaten arbeitet nun ein abteilungsübergreifendes „z-Future“-Team an der Umsetzung der neuen Strategie. Dazu gehört nicht nur der Umbau der auf dem Mainframe befindlichen Software. Vielmehr geht es auch um eine Umorientierung der Mitarbeiter. Sie sollen den Mainframe, der lange als Mottenkiste galt, nun wieder als hippes Recheninstrument mit ungeheuren Leistungsressourcen verstehen.

T-Systems ist Mainframe-Kunde. Das Umdenken in Sachen Mainframe beschreibt Gundula Folkerts aus dem z-Future-Team bei T-Systems wie folgt: „Das Management verwendet die Begriffe Mainframe und Innovation jetzt in einem Satz.“
T-Systems ist Mainframe-Kunde. Das Umdenken in Sachen Mainframe beschreibt Gundula Folkerts aus dem z-Future-Team bei T-Systems wie folgt: „Das Management verwendet die Begriffe Mainframe und Innovation jetzt in einem Satz.“ (Bild: Ariane Rüdiger)

Der Mainframe bei T-Systems

Derzeit werden auf einem „z-13“ unter „z/Linux“ Demo-Anwendungen eingerichtet. Die erste ist eine Blockchain, realisiert mit der Open-Source-Software „Hyperledger Fabric“ und in Kooperation mit einem Unternehmen aus der Automobilindustrie. Dazu kommen als weitere Demoprojekte Kryptografie und Cloud.

Es gibt eine neue Mainframe-Referenzarchitektur mit Java als Leitsprache und z/Linux als Betriebssystem. Alte Software wird teils mit Tools „übersetzt“, teils neu geschrieben. Applikationen erhalten RESTful-APIs, um sie nach außen zu öffnen. Bestehende „IDMS“-Datenbanken werden auf „DB/2“ migriert. Neue Prozesse entstehen in Zukunft als Microservices unter z/Linux.

Also:bei T-Systems wird der Mainframe zukunftsfähig. Gundula Folkerts vom z-Future-Team bei T-Systems: „Das Management verwendet jetzt die Worte Mainframe und Innovation in einem Satz.“

IBM ändert Preispolitik

Dass diese Alternative mancherorts in den Blick gerät, liegt sicher auch an IBMs veränderter Preispolitik. Unter dem Druck der Megatrends Cloud, Mobile, Big Data und Social Media verändern sich seit 2014 die bis dahin recht teuren, unflexiblen Preismodelle. Seit 2017 gibt es sogar eines für „neue Applikationen“, das sich komplett von der ressourcenbasierten Bepreisung verabschiedet: Für ein Payment-System die Bezahlung per Transaktion eingeführt. ARS-Geschäftsführer Joachim Gucker orakelt: „Und das ist erst der Anfang!“

Der neue Mainframe „z14 R“ von IBM passt in ein konventionelles 19-Zoll-Rack und ist mit Luft kühlbar.
Der neue Mainframe „z14 R“ von IBM passt in ein konventionelles 19-Zoll-Rack und ist mit Luft kühlbar. (Bild: IBM)

Auch dass sich IBM mit dem „z14 R1“ von eher exotischen Formaten und Technologien wie Wasserkühlung (letzteres mag man aus energetischen Gründen durchaus bedauern) verabschiedet, könnte die Beliebtheit der Mainframe-Technologie erhöhen. Der „R1“ verbraucht nur die Fläche eines Standard-19-Zoll-Racks und lässt sich damit in jedes Rechenzentrum einbauen.

Immerhin konnte IBM anlässlich der Vorstellung der 14. Generation von System z einen sprunghaften Umsatzanstieg in letzter Zeit bei Mainframes vermelden, der Hersteller sprach sogar „vom besten Quartal, seit es Mainframes gibt“. Dabei wurden in Europa vor allem mehr MIPS, also Verarbeitungsleistung, verkauft. In Asien aber mit seinen vielen schnell wachsenden Firmen gingen diverse Neusysteme über den Tisch.

Es fehlen die Wettbewerber

Eines freilich fehlt dem Mainframe-Markt bei allem aktuellen Optimismus: gesunde Konkurrenz. Zwar entwickelt Fujitsu das von Siemens übernommene System „BS/2000“ weiter, doch hat der vergleichsweise wenig Marktanteile. Ansonsten gibt es keine ernstzunehmenden Alternativen zu IBM, seit Amdahl und Hitachi den Markt verlassen haben. Dass aber ein Neuling sich auf diesen anspruchsvollen Markt wagt, erscheint eher unwahrscheinlich.

* Ariane Rüdiger ist freie Journalsitin und lebt in München.

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