Systemhaus übernimmt Web-Shop-Riesen vom Bezahl-TV-Sender Premiere Cancom schnappt sich Online-Versender Home of Hardware

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Der aufstrebende Online-Versender Home of Hardware (HoH) ist Opfer seines rasanten Wachstums geworden. Nachdem sich Mehrheitseigner Premiere mit einem neuen Chef zudem eher wieder dem Kerngeschäft zuwendet, springt das Systemhaus Cancom ein und übernimmt kurzerhand die Mehrheit am Online-Händler HoH.

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Home of Hardware in Westendorf ist künftig Teil der Cancom-Gruppe.
Home of Hardware in Westendorf ist künftig Teil der Cancom-Gruppe.
( Archiv: Vogel Business Media )

55 Kilometer fährt man von Jettingen-Scheppach, dem Sitz der Cancom IT-Systeme AG, nach Westendorf, wo Online-Händler Home of Hardware angesiedelt ist. Allzu weit haben es die neuen Haupteigentümer also nicht, wenn sie zu ihrem neuem neuen Geschäftszweig fahren.

Für den symbolischen Kaufpreis von drei Euro hat das Systemhaus den Premiere-Anteil an HoH übernommen. 75,5 Prozent des Westendorfer Hardware-Versenders sind damit bereits in Cancom-Besitz. Für die übrigen Anteile (24,5 Prozent) am Unternehmen, die großteils in Besitz des Gründers und Geschäftsführers Martin Wild sind, wurden für die Zukunft Übernahmeoptionen auf erfolgsabhängiger Basis vereinbart.

Turbulente Wochen für Martin Wild

Martin Wild bleibt auch mit Cancom als Mehrheitseigner Geschäftsführer. (Archiv: Vogel Business Media)

Für Martin Wild finden damit harte und emotionsgeladene Wochen ein vorläufiges Ende. Der Verhandlungsmarathon endete erst vergangenen Donnerstag. »Endlich haben wir einen starken und sicheren Partner gefunden und können den Spekulationen im Markt ein Ende setzen«, so der HoH-Chef im Gespräch mit IT-BUSINESS. Gleich heute Abend wird sich Wild auf der Cancom-Weihnachtsfeier blicken lassen. Morgen feiert er dann mit den eigenen Mitarbeitern in Westendorf.

Zum Verhängnis wurden Wild zwei sich verstärkende Effekte: Auf der einen Seite die wirtschaftlich schwierigeren Zeiten, auf der anderen Seite Probleme mit dem Mehrheitseigner Premiere.

Die gut gemeinte Idee

Der Bezahlsender kaufte Wild im Mai 2007 die Mehrheit seines Unternehmens ab. Damals war dieser Deal für alle Beteiligten sowie für Branchenbeobachter ein durchdachtes Vorhaben. Premiere baute darauf, dass Käufer des Online-Shops besonders zugänglich für hochauflösendes Fernsehen und Pay-TV sind. Mit prominent beworbenen Bundle-Angeboten und einer eigenen Warenkategorie »Premiere«, in der direkt die Sender gebucht und Smartcards bezogen werden können, sollte die Abonnentengemeinde wachsen.

Wachstum, Wachstum, Wachstum

Für das Unternehmen HoH war der Premiere-Deal die Eintrittskarte zu rasanterem Wachstum. Noch wichtiger aber war allein schon der Name des neuen Mehrheitseigners. »Die Kreditversicherer in der IT-Branche sind sehr vorsichtig geworden, was unsere Entwicklung teilweise schon beeinträchtigt hat. Mit Premiere werden wir aber unsere Kreditlinien bei den Lieferanten ausweiten können«, sagte Wild damals gegenüber IT-BUSINESS. Damit sei das weitere Wachstum wesentlich einfacher zu bewältigen, so der Unternehmer im Mai 2007.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Problme mit Betriebsergebnis und Kreditlinien« und »Die Rache der Börsianer«.

Probleme mit Betriebsergebnis und Kreditlinien

Zunächst ging dieser Plan auch auf. Doch dann gab es gleichzeitig Probleme mit den Kreditlinien und dem Betriebsergebnis von HoH, aber auch dem finanziellen Engagement von Premiere. Home of Hardware investierte viel Geld in Mitarbeiter und auf weiteres Wachstum ausgelegte Infrastruktur. Insbesondere ein Show-Room für anreisende Kunden, die nicht über das Internet bestellen, war Teil des Investitionspakets. So setzte HoH in den ersten drei Quartalen 2008 zwar sein rasantes Umsatzwachstum fort. Rund 64 Millionen Euro spülte es in die Kassen des eTailers.

Allerdings blieben nur rote Zahlen übrig. Bis Ende 2008 wird HoH mit gegenwärtig 85 Mitarbeitern angepeilte 80 Millionen Euro umsetzen. Um dieses Mitarbeiter-Umsatz-Verhältnis richtig einzuordnen, sollte man allerdings die niedrigen Gewinnspannen im Online-Handel im Hinterkopf behalten.

Neu auf Premiere: »Die Rache der Börsianer«

Gleichzeitig gab es ganz offensichtlich Probleme mit dem Mehrheitseigner Premiere, nachdem dieser mit einer hausgemachten Krise zu kämpfen hatte: Der Bezahlsender verkündete im Oktober, dass man 2008 wohl mit Millionenverlusten abschließen werde. Für die Börsianer unverzeihlich war aber eine Anpassung der Abonnentenzahlen. Der Sender musste zugeben, dass rund eine Million zahlende Kunden weniger vorhanden sind als bislang angegeben. Der Aktienkurs brach daraufhin ein.

Rupert Murdoch gibt Marschrichtung vor

Insidern zufolge fährt der neue Premiere-Chef Marc Williams, der zur HoH-Übernahme noch nicht am Ruder war, einen Kurs zurück zum Kerngeschäft. Der australische Medienmogul Rupert Murdoch, der zum Großaktionär bei Premiere avancierte, soll persönlich diese Marschrichtung angeordnet haben.

Lesen Sie auf der folgenden Seite: »Cancom stellt Portfolio um« und »Martin Wild bleibt im Chefsessel«.

Cancom stellt HoH-Portfolio um

Mit Cancom als neuen Mehrheitseigner erhält HoH die Chance, den Wachstumskurs fortzusetzen. Allerdings werden sich auch einige Dinge im erfolgsverwöhnten Westendorf ändern. So soll der vorhandene B2B-Bereich in naher Zukunft erheblich ausgebaut werden – immerhin verkauft Cancom bislang nur an Unternehmen. Die Erweiterung um ein Privatkundensortiment im Gesamtunternehmensportfolio ist in den Augen der Cancom-Chefs allerdings ein zukunftsweisender Schritt. »Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise«, hieß es aus dem Unternehmen und »wegen des gesteigerten Preisbewusstseins bei den Kunden«.

Martin Wild bleibt im Chefsessel

Die Geschäftsführung bleibt in den Händen von Martin Wild. Er soll »überschaubare Restrukturierungsaufwendungen« in Angriff nehmen und »das bisher auf Umsatz getrimmte Unternehmen schnell in die Profitabilität zurück führen«. Ein »Wachstum auf Teufel komm raus« soll esnicht mehr geben, um sich nicht noch einmal daran zu verschlucken.

Lesen Sie auf der nächsten Seite »Lieber Gewinn statt Mega-Wachstum« und einen Kommentar des Autors.

Lieber Gewinn statt Mega-Wachstum

Die Zuwächse des Web-Shops, die er seit Gründung im Jahr 1997 verzeichnete, hatte in den vergangenen Jahren so manchem Beobachter regelrecht die Sprache verschlagen. Hier das rasante Wachstum der letzten Jahre in Zahlen:

Umsatz

  • 2005: 22,85 Millionen Euro
  • 2006: 40,57 Millionen Euro (+77,56 Prozent)
  • 2007: 66,33 Millionen Euro (+63,51 Prozent)

Versandvolumen

  • 2005: 67.518 einzelne Pakete
  • 2006: 123.610 einzelne Pakete (+83,08 Prozent)
  • 2007: 227.683 einzelne Pakete (+84,19 Prozent)

Kommentar: Das Problem Wachstum

Kein geringerer als Albert Einstein sagte: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« Was im Großen unter anderem für die aktuelle Lage der Weltwirtschaft gilt, trifft im Kleinen für den Online-Händler HoH in Westendorf zu. Insofern ist es positiv zu sehen, dass die künftige Ausrichtung nicht mehr so stark auf Zuwächse ausgelegt sein wird.

Nachdem man sich beim Wachstum vergaloppiert hat, muss das Unternehmen erst einmal zur Ruhe kommen und wieder in die Gewinnzone traben. Dass Martin Wild dabei fest im Sattel sitzen bleibt, halten Branchenkenner für eine gute Entscheidung.

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