Das kommentierende Für und Wider Broadcom will VMware: Und nun?

Von Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins*

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Broadcom möchte Dell den Server-Virtualisierungsspezialisten VMware abkaufen. Investoren frohlocken, aber Anwender und Ökosystempartner zeigen sich beunruhigt. Mittelständische Kunden fürchten, sie könnten den Kürze(r/st)en ziehen.

Wen manövriert der Braodcom-Kauf von VMware in die Zwickmühle?
Wen manövriert der Braodcom-Kauf von VMware in die Zwickmühle?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Zum zweiten Mal in nur sieben Jahren steht VMware als Übernahmekandidatin in einem der größten Deals der IT-Geschichte in den Schlagzeilen. Doch „Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen,“ das wusste schon Heraklit.

Der Deal ist ein ziemlich schwerer Brocken. Mit einem Wert von 61 Milliarden Dollar in bar und in Aktien ist es der drittgrößte Geschäftsabschluss in der Geschichte der Technologiebranche, nach der 67 Milliarden Dollar teuren Übernahme des Datenspeicherunternehmens EMC durch Dell im Jahre 2015 für 67 Milliarden, die im Übrigen auch VMware einschloss, und der Übernahme von Activision Blizzard durch Microsoft für 68,7 Milliarden Dollar (noch im Gange). Auf den Kaufpreis kommt noch eine 8 Milliarden Dollar schwere Schuldübernahme obendrauf.

Nicht nur VMware, auch Broadcom selbst ist eine Legende der IT-Industrie. Die Chip-Schmiede blickt auf eine lange Geschichte zurück.
Nicht nur VMware, auch Broadcom selbst ist eine Legende der IT-Industrie. Die Chip-Schmiede blickt auf eine lange Geschichte zurück.
(Bild: Broadcom )

Nach Abschluss der Transaktion möchte die Broadcom Software Group unter dem Namen VMware firmieren und „die bestehenden Infrastruktur- und Sicherheitssoftwareprodukte von Broadcom“ – sprich: Symantec & Co. – in „ein erweitertes VMware-Portfolio integrieren“, hieß es in einer offiziellen Meldung.

Für das Mikrochip-Schwergewicht fällt der Deal in die Kategorie Portokasse. Broadcom bringt es derzeit auf eine Marktkapitalisierung von rund 236 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Intel ist gerade einmal 177 Milliarden Dollar schwer.

Das aktuelle IP-Portfolio von Broadcom auf einen Blick; die Akquisition von VMware erweitert das Blau.
Das aktuelle IP-Portfolio von Broadcom auf einen Blick; die Akquisition von VMware erweitert das Blau.
(Bild: Broadcom )

„Aufbauend auf unserer bewährten Erfolgsbilanz bei Fusionen und Übernahmen“ schrieb Hock Tan, Broadcoms Präsident und CEO in einer Mitteilung, „kombiniert diese Übernahme unser (Technologie)führendes Geschäft mit Halbleitern und Infrastruktursoftware mit einem legendären Pionier und Innovator von Software der Enterprise-Klasse“.

„Eine Broadcom-Übernahme weckt die Angst vor Preiserhöhungen, vermindertem Support und gehemmter Innovation“, glaubt Tracy Woo, Senior Analystin bei Forrester für Infrastructure and Operations.
„Eine Broadcom-Übernahme weckt die Angst vor Preiserhöhungen, vermindertem Support und gehemmter Innovation“, glaubt Tracy Woo, Senior Analystin bei Forrester für Infrastructure and Operations.
(Bild: Forrester )

Der Verweis auf Broadcoms „bewährte Erfolgsbilanz bei Fusionen und Übernahmen“ malt in Augen vieler Beobachter ein eher düsteres Bild der künftigen Roadmap. „Eine Broadcom-Übernahme weckt die Angst vor Preiserhöhungen, vermindertem Support und gehemmter Innovation“, schreibt Tracy Woo, Senior Analystin bei Forrester für Infrastructure and Operations.

Appetit auf mehr

Trotz seiner erdrückenden Marktkapitalisierung ist Broadcom nicht gerade ein Gltzerstein. Die Broadcom-Domäne ist das Design und die Fertigung von Netzwerksilizium. 99,9 Prozent des gesamten Internet-Verkehrs durchläuft mindestens einen Broadcom-Chip. Das Unternehmen rühmt sich des weltweit größten Netzwerksiliziums, einer monolithischen 7-Nanometer-Implementierung mit mehr als 30 Milliarden Transistoren.

„Broadcom Tomahawk“ adressiert Hyperscale-Anwendungen.
„Broadcom Tomahawk“ adressiert Hyperscale-Anwendungen.
(Bild: Broadcom )

Mit nur drei übersichtlichen Produktlinien will Broadcom alle Szenarien abdecken: „Tomahawk“ (die höchste Bandbreite) adressiert Hyperscale-Anwendungen, „Trident“ (funktionsreich, programmierbar) die Segmente Cloud-Edge und Enterprise-IT und „Jericho“ (skalierbar, programmierbar und tief gepuffert) den Segment der Service-Provider.

Wozu braucht eigentlich ein Mikrochip-Schwergewicht eine rund ein Viertel so große Softwareschmiede (Marktkapitalisierung: 54 Milliarden Dollar) mit Expertise in Server- und Netzwerkvirtualisierung?

Cashflow mit gesunden Margen

Broadcoms eigentliche Spezialität ist das Engineering von Cashflow mit gesunden Margen. Versorgungsengpässe in seinem traditionellen Kerngeschäft als Chipschmiede drohen, diese Fähigkeit zu unterwandern und so ergreift das Management präventive Maßnahmen: die Expansion in Enterprise-Software, so das Argument einiger Analysten.

Das Mikrochip-Schwergewicht hat bereits in den letzten Jahren eine Reihe von teuren Übernahmen von Softwareschmieden der Enterprise-Klasse getätigt: Brocade Communications Systems im Jahr 2016 (5,9 Milliarden Dollar), CA Technologies im Jahr 2018 (19 Milliarden Dollar) und Symantec im Jahr 2019 (10,7 Milliarden Dollar). Die letzten der beiden Unternehmen waren Softwarehäuser.

Unter der Eigentümerschaft von Broadcom hat Symantec in allen Bereichen der Innovation auf die Bremse getreten. CA Technologies ist in die Bedeutungslosigkeit verfallen.

Unter VMware-Nutzern macht sich Unmut breit

Broadcom generiert für seine Investoren einen starken Cashflow. Um sein Investment-Grade-Rating beizubehalten, werde das Unternehmen einen raschen Abbau des Fremdkapitals anstreben. Das läuft auf Preiserhöhungen und Kostenreduktionsmaßnahmen hinaus.

Nach seinen beiden vergangenen Akquisitionen der Softwareschmieden CA und Symantec hat Broadcom die Kostenbasis in diesen beiden Geschäftsbereichen laut einem Bericht von Sanford C. Bernstein & Co. um sagenhafte 60 bis 70 Prozent gesenkt.

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Intel-CEO Pat Gelsinger, einer der Architekten des Erfolgs von VMware und dessen ehemaliger CEO, machte im Live-Interview mit Bloomberg in Davos auf die Frage nach der Broadcom-Akquisition von VMware eine gute Miene zum bösen Spiel.
Intel-CEO Pat Gelsinger, einer der Architekten des Erfolgs von VMware und dessen ehemaliger CEO, machte im Live-Interview mit Bloomberg in Davos auf die Frage nach der Broadcom-Akquisition von VMware eine gute Miene zum bösen Spiel.
(Bild: Bloomberg )

Broadcom plant, die jährliche Rentabilität von VMware innerhalb der ersten drei Jahre nach Abschluss der Übernahme von 4,7 Milliarden Dollar auf 8,5 Milliarden Dollar zu steigern. Man wolle dies unter anderem durch die „Beseitigung doppelt besetzter Positionen (...) in den Bereichen Personalwesen, Finanzen, Recht, Facilities und Informationstechnologie“ erreichen.

Broadcom machte sich in der Vergangenheit unter anderem auch steile Preiserhöhungen zu Nutze. Gerüchten zielten sie darauf ab, jene Kunden abzuschrecken, die man für nicht rentabel hielt. Broadcoms erklärte Strategie für VMware ignoriert bereits heute die meisten Bestandskunden. Somit braucht eine innovationsorientierte Denkweise gewisse Offenheit, die nicht in Broadcoms Unternehmenskultur liegt.

Broadcom will „alles miteinander verbinden“.
Broadcom will „alles miteinander verbinden“.
(Bild: Broadcom )

Nach der Akquisition des SDN-Anbieters Cumulus durch Nvidia, das Mutterhaus des Broadcom-Mitbewerbers Mellanox, habe sich die Beziehung zwischen Cumulus und Mellanox so sehr verschlechtert, dass Cumulus nichts anderes übriggeblieben sei als die Unterstützung für Broadcom-Silizium komplett einzustellen. Berichten zufolge hatte Broadcom Cumulus-Ingenieuren den Zugriff auf seine Technologie verweigert und so nahm das Innovieren ein abruptes Ende.

Alles fließt und nichts bleibt

Infrastruktur- und Virtualisierungsprodukte von VMware sind aus der Datacenter-Landschaft nicht mehr wegzudenken. Doch die Prioritäten der Nutzer haben sich geändert und so sah der kalifornische Anbieter in den vergangenen Jahren seine Marktmacht nach und nach schwinden. Mit dem Aufkommen von containerisierten Arbeitslasten, serverless und Infrastruktur-as-Code entstanden im Laufe der vergangenen Jahre alternative Ansätze mit einer beachtlichen Tragweite.

Die Erosion der „ESX/ESXi“-Hochburg im Unternehmen dürfte dennoch einen langen Atem haben. Für viele der betroffenen Organisationen ist die Migration ihrer Arbeitslasten, ohne einen triftigen Grund finanziell kaum zu rechtfertigen. Umso mehr sind sie beunruhigt. Und : Preiserhöhungen, schwindender Support und Entwicklungsstillstand wären für das VMware-Ökosystem verheerend.

Das VMware-Ökosystem hat auch schon so selbst jede Menge Probleme, allen voran die hohen Preise. Aber selbst dann sind die Kosten für den Betrieb einer VMware-Umgebung vor Ort oder in einer Co-Location-Einrichtung immer noch um Einiges niedriger als die Ausführung vergleichbarer Arbeitslasten in Hyperscale auf IaaS, in vielen Fällen um den Faktor fünf.

In der Zwickmühle

VMware ist wohl kaum der Weg zur „Cloudifizierung“ von On-Premises-Arbeitslasten. Bei vielen VMware-Arbeitslasten handelt sich um monolithische Anwendungen, nicht um Cloud-native Microservice-Architekturen. In einigen Fällen wäre es weder sinnvoll noch nötig.

Selbst so Konstruktionen wie „Red Hat OpenShift for VMware“ sind da nicht ohne. Red Hat OpenShift for VMware stellt einen Red Hat OpenShift-Cluster oberhalb der VMware SDDC-Architektur von VMware Cloud Foundation bereit. Die Red Hat OpenShift-Komponenten laufen dabei als virtuelle Maschinen (VMs) oder Appliances; „VMware NSX“ stellt hierzu das softwaredefinierte Netzwerk bereit. Auf diesem Unterbau lassen sich dann zum Beispiel containerisierte Microservices ausführen. Das macht die gesamte Umgebung samt der erforderlichen Konnektivität über die Grenzen von Rechenzentren hinweg portabel – aber auch „nur“ im VMware-Umfeld.

„Red Hat OpenShift“ auf „VMware Cloud Foundation“.
„Red Hat OpenShift“ auf „VMware Cloud Foundation“.
(Bild: VMware )

In der Container-Szene wimmelt es nur von Alternativen zu VMware, von „Docker“ über „LXC/LXD“ bis hin zu „Kubernetes“ mit „Terraform“, „Ansible“ und anderen Orchestrieren. Auch Bare-Metal-Alternativen gibt es zuhauf. Aber sie erfordern in der Regel eine Modernisierung des Code und damit neue Fähigkeiten.

Das ist das eigentliche Nonplusultra, wenn es um die Bindung an einen Anbieter geht: das Know-how.

Für die eine oder andere der betroffenen Organisationen ist bereits eine reine Lift-und-Shift-Migration schon umständlich genug, ob auf das „Proxmox Virtual Environment“ oder auf Nutanix, auf „IBM System i“ oder „Joyent“ oder „Microsoft Hyper V“ oder „KVM“ oder einen anderen Hypervisor. Ohne einen wirklich triftigen Grund überwiegen für die Nutzer die Risiken, nicht die Vorteile.

Bis Mitte September (40 Tage nach dem 5. Juli 2022) darf sich VMware noch nach alternativen Übernahme-Angeboten umschauen. Beide Vorstände haben schon mal vorbeugend ihre Einwilligung zur Übernahme erteilt. Wenn alles nach Plan läuft, geht sie im Broadcom-Geschäftsjahr 2023 über die Bühne (das Jahr endet im November 2023).

Synergien

„Sollte sich Broadcom auf Innovationen konzentrieren und die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit zu einer Priorität machen, können VMware und Symantec potenziell einige Synergien erzielen“, so Naveen Chhabra, ein Senior Analyst bei Forrester. Das sei jedoch „leichter gesagt als getan“.

Broadcoms Akquisitionsstrategie sei in der Vergangenheit „nicht von einer innovationsorientierten Denkweise geprägt“ gewesen, so Chhabra. „Der Ruf von Broadcom bei den Kunden kann negativ sein,“ sagte VMware-Präsident Sumit Dhawan in einem Meeting mit der VMware-Belegschaft.

Ein Bruch mit Tradition liegt dennoch sicherlich im Bereich des Möglichen. Das Aufkommen von SASE-Konnektivität dürfte für Broadcom den richtigen Ansporn liefern (siehe dazu auch das kommende eBook „Hier und da. Datencenter im Hybridbetrieb“).

Fabric und SASE

Die Skalierung von Rechenzentren erfordert massive Fabric-Konnektivität. Die Kunst besteht darin, zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein und das passende Know-how mitbringen.

Die geballte Expertise der verschiedenen Geschäftssparten des kombinierten Unternehmens VMware-post-Broadcom, einschließlich jener von Symantec und CA, könnte zur Entstehung herausragender Lösungen führen. „Alles verbinden“ wäre dann cyber-sicher und einfach, wenn auch deswegen möglicherweise gerade nicht billig.

In der Zwischenzeit könnte sich die Broadcom von der heutigen VMware die eine oder andere Scheibe abschneiden – zum Beispiel, wie man den Kundensupport richtig macht. Alles ist relativ.

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Das Fazit der Autoren

Sichere hybride SASE-Konnektivität von Broadcom dürfte das VMware-Ökosystem für die Zukunft stärken. Hoffentlich bleiben bei all den anstehenden Innovationen die Kunden nicht auf der Strecke.

* Das Autorenduo Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins arbeitet für McKinley Denali Inc. (USA).

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