Ballmer-Sprüche machen Novell das Leben schwer

Autor / Redakteur: Harry Jacob, Redaktion IT-BUSINESS NEWS / Harry Jacob

Die Kooperation von Linux-Anbieter Novell mit dem Beinahe-Monopolisten Microsoft sorgt für Diskussionen in der Entwicklergemeinschaft. Ein öffentlicher Streit zwischen den Konzernchefs heizt die Situation weiter an.

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Hat Novell die Linux-Gemeinde verraten und verkauft? Oder ist die Vereinbarung mit Microsoft doch von Vorteil für die Verbreitung von Linux? Solche Fragen werden in den Foren der Linux-Entwickler derzeit weltweit heiß diskutiert. Während die eine Seite meint, Linux und das Konzept freier Software werde durch die Kooperationsvereinbarung mit Microsoft gestärkt, weil Microsoft damit die Koexistenz des Betriebssystems anerkennt, glaubt das andere Lager, dass der Software-Riese damit zum finalen Schlag gegen Linux ausholt. Denn das Misstrauen ist groß, und viele der Software-Programmierer, deren Arbeit in die verschiedenen Linux-Distributionen – auch der von Novell – einfließt, sahen sich bislang in Opposition zu Microsoft.

Nun soll der Konzern, der ihnen als Goliath der Softwarebranche gilt, und dessen drohende Monopolisierung des Betriebssystemmarktes verhindert werden sollte, plötzlich Partner und Profiteur ihrer freiwilligen, oft unbezahlten Arbeit werden. Das muss erst einmal verdaut werden.

Doch dafür bleibt keine Zeit. Novell hatte bereits nach wenigen Tagen mit Boykottaufrufen einzelner Programmierer zu kämpfen und mühte sich, die aufgebrachte Open-Source-Community zu beruhigen. Microsoft-Chef Steve Ballmer nimmt auf solche Befindlichkeiten jedoch keine Rücksicht, sondern streut zusätzlich Salz in die Wunde. Denn seit Jahren schon behauptet er, Linux verletze zahlreiche Microsoft-Patente, was die Linux-Gemeinde stets entrüstet zurückweist. Nun wertet er die Lizenz-Zahlungen von Novell an Microsoft als Eingeständnis, dass das freie Betriebssystem eben doch die eigenen Patente verletze – und bringt damit Novell in eine noch schwierigere Lage.

Novells CEO Ron Hovsepian antwortete in einem offenen Brief an die Entwicklergemeinde, in dem er die Ansicht Microsofts scharf zurückweist. Die Vereinbarung sei weder Eingeständnis noch Bestätigung, dass Linux oder irgendein Novell-Produkt das geistige Eigentum Microsofts verletze. Gleichzeitig nutzt Hovsepian die Gelegenheit, auf weitere Kritikpunkte aus der Entwicklergemeinde zu antworten. So verweist er auf die Bemühungen, Softwarepatente abzuwehren und betont, dass Novell auch weiterhin freie Software schützen, bewahren und fördern wolle. „Wir wissen, dass die Open-Source-Entwicklergemeinde lebenswichtig für alle unsere Aktivitäten rund um Linux ist und laden Sie zum Dialog ein, wie wir diese Ziele weiterhin gemeinsam erreichen können“, beschwört Hovsepian die bisherigen Mitstreiter.

Die Vereinbarung umfasst zahlreiche finanzielle Details. So zahlt Microsoft vorab 240 Millionen US-Dollar für 70 000 Service-Gutscheine, die an Kunden verteilt werden, die neben Windows auch den Suse Linux Enterprise Server einsetzen. 60 Millionen sollen innerhalb von fünf Jahren in das Marketing gemeinsamer Virtualisierungslösungen gesteckt werden, weitere 34 Millionen investiert Microsoft in ein Vertriebsteam. Die Patentzahlungen von Microsoft an Novell belaufen sich auf 108 Millionen US-Dollar, umgekehrt sind von Novell mindestens 40 Millionen fällig, je nach Zahl der verkauften Distributionen. In dieser Zeit haben Kunden und Programmierer die Gewissheit, nicht wegen Patentverletzungen verklagt zu werden.

Kommentar: Mehr als ein kleiner Finger

Als Novell die Zusammenarbeit mit Microsoft unterzeichnete, klang alles ganz einfach. Die Kunden mit gemischten IT-Landschaften sollten künftig weniger Probleme haben. Es schien, als habe Redmond die Existenz des freien Betriebssystems akzeptiert. Trotzdem hat Microsoft-Chef Ballmer im verbalen Kampf gegen Linux in eine neue Runde eröffnet – und bringt den Vertragspartner damit in eine schwierige Lage.

Die Kritiker in der Entwicklergemeinde sehen sich bestätigt, und wenn ihre Zahl überhand nimmt, hat Novell ein Problem: dann fehlen die Kräfte für gemeinsame Entwicklungen ebenso wie für die eigenen Produkte. Wenn Ballmer so weitermacht, gefährdet er die Existenz der Vereinbarung – oder die des Vertragspartners.

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