Finanzielle Unregelmäßigkeiten erschüttern den taiwanischen Konzern Acer verramscht europäische Lagerware

Redakteur: Harry Jacob

150 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 104 Millionen Euro, gibt der Acer-Konzern in die Hände des Channels in ganz Europa, um seine ausufernden Lagerbestände abzubauen. Offensichtlich wurde insbesondere bei den Spaniern in den vergangenen Monaten das tatsächliche Ausmaß des Geschäftseinbruchs vertuscht.

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J.T. Wang, amtierender CEO von Acer, muss nach dem Rauswurf von Gianfranco Lanci erst einmal aufräumen im Konzern.
J.T. Wang, amtierender CEO von Acer, muss nach dem Rauswurf von Gianfranco Lanci erst einmal aufräumen im Konzern.
( Archiv: Vogel Business Media )

Erst vor zwei Monaten hatte der taiwanische IT-Konzern Acer seinen Konzernchef Gianfranco Lanci überraschend gefeuert. Man habe sich nicht auf die künftige Ausrichtung des Konzerns einigen können, hieß es damals. Nun stellte sich heraus: unter Lancis Führung wurden auch die Bücher nicht sauber geführt. So habe das neue Management bei einer Revision festgestellt, dass in der spanischen Landesorganisation sowohl die Außenstände in den Bilanzen manipuliert waren, als auch die Lagerbestände frisiert wurden. Bei Logistik-Partner stapelt sich demnach Acer-Ware in den Lagerhäusern. Außerdem droht der Konzern in die Verlustzone zu rutschen.

Nachdem im Notebook- und Netbook-Segment bereits das Weihnachtsgeschäft sehr schlecht gelaufen war und sich der Absatz seit Jahresbeginn noch weiter reduziert hat, ist dies eine weitere Hiobsbotschaft für Acer. Nun soll die Lagerware billig abgestoßen werden. Über 100 Millionen Euro will Acer zu diesem Zweck an den Channel auszahlen. Damit sollen die Preise reduziert und die Kunden zum „Schnäppchenkauf“ animiert werden.

Anfangs hatte es den Anschein gehabt, als solle die Aktion auf Spanien begrenzt bleiben. Inzwischen bestätigte die Presse-Agentur, dass die Gelder auf ganz Europa verteilt werden. Welche Produkte nun verramscht werden, teilte Acer nicht mit. Branchenexperten gehen davon aus, dass insbesondere Notebooks für den Consumermarkt und Netbooks zu Billigpreisen auf den Markt geworfen werden.

Europa-Markt droht Preiskampf

Die taiwanische Branchenzeitung Digitimes spekulierte bereits über eine Zahl von drei Millionen Notebooks, die nun den Markt überschwemmen könnten. Aber auch wenn die Zahl zu hoch gegriffen scheint, sorgt sich der Wettbewerb um die Auswirkungen auf den europäischen Markt. Der Finanz-Chef von Asustek, David Chang, geht laut Digitimes davon aus, dass es gravierende Verwerfungen geben könnte, wenn aktuelle Sandy-Bridge-Notebooks verschleudert würden. Sollte es sich dagegen um Ware der vorangegangenen Generationen handeln, rechne Asustek nicht mit großen Veränderungen im Europa-Geschäft.

Digitimes berichtet zwar, dass die meisten Wettbewerber von Acer erst einmal eine abwartende Haltung einnehmen, um zu sehen, wie Acer tatsächlich agiert. Jedoch bringt das Blatt zugleich noch einen weiteren Aspekt ins Spiel, der einen harten Preiskampf wahrscheinlich erscheinen lässt: die geplante Übernahme von Medion durch Lenovo. Dadurch würde Lenovo im EMEA-Raum zum drittgrößten Player aufsteigen. Um den Anschluss nicht zu verlieren, könnten Wettbewerber versuchen, ihren Marktanteil mit scharfen Preissenkungen zu erhöhen.

Mitarbeiter müssen bluten

Konzernchef J.T Wang und das Board of Directors teilten mit, sie übernähmen Verantwortung für den finanziellen Einbruch. Wang verzichtet vollständig auf sein Direktoren- und Angestelltengehalt. Die Direktoren reduzieren ihre Bezüge um 50 Prozent. Die restlichen Angestellten müssen nachträglich auf 40 Prozent ihres bereits ausbezahlten Bonus‘ für 2010 verzichten. Die Bonuszahlungen 2011 werden entsprechend reduziert.

Zudem sollen in der EMEA-Organisation 300 Mitarbeiter ihren Job verlieren, um auf „die aktuelle Marktlage und die anstehenden Veränderungen“ zu reagieren. Die Kosten für den Stellenabbau beziffert Acer mit 30 Millionen US-Dollar, doch sollen die eingesparten Gehälter künftig jährlich die gleiche Summe einbringen und so dazu beitragen, dass die Erträge in der EMEA-Region mittelfristig wieder steigen.

Die für das Geschäftsjahr 2010 angekündigte Dividende von 3,60 Neuen Taiwan-Dollar (umgerechnet knapp neun Euro-Cent) soll dagegen nicht angetastet werden. Ungeschoren kommen die Acer-Aktionäre allerdings nicht davon: die Aktie hat in den vergangenen sechs Monaten fast die Hälfte ihres Wertes verloren.

Konsequenzen angekündigt

Wie genau es möglich war, die Bücher zu frisieren, wird noch untersucht. Man werde herausfinden, wer die Verantwortlichen sind und diese zur Rechenschaft ziehen, teilte Acer mit. Außerdem wolle man die Abläufe im Unternehmen anpassen, um eine Wiederholung solcher Fälle zu verhindern.

Ach ja, einen verhalten positiven Ausblick gibt die Pressemitteilung des Unternehmens auch: „Acer hofft seine Wachstumskraft bald wieder zurückzugewinnen“.

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