Glosse zur Verwendung von Emoticons

Beim E-Mail-Smiley hört der Spaß auf

06.07.2009 | Redakteur: Stefan Riedl

Ursprünglich sollte ein Smiley-Button das Betriebsklima in einer Versicherung erhöhen.

Ein Lächeln schlägt Brücken zwischen Menschen und relativiert Äußerungen, die in Schriftform vielleicht zu hart rüber gekommen wären. Kein Wunder, dass Smileys oder besser gesagt Emoticons in der Unified Communication von heute nicht mehr wegzudenken sind. Dennoch scheiden sich die Geister, wenn es um die drei Satzzeichen Doppelpunkt, Minus und Klammerzu geht.

Selektive Wahrnehmung ist ein psychologisches Phänomen, bei dem die Leute immer nur bestimmte Aspekte aus ihrer Gesamtwahrnehmung heraus greifen und andere ausblenden. Wer sich beispielsweise einen Opel Astra kaufen will, dem fällt auf, dass immens viele Astras umher fahren. Würde er mit einer anderen Marke liebäugeln, würden aber mindestens genauso viele Nissan Almeras oder Rover Minis herum düsen. Dagegen gibt es keine Medizin. Es ist auch keine Krankheit.

Mir fiel der Effekt auf, als ich sogar bei der denkbar IT-fernsten Lektüre – dem alten Poesiealbum meiner Mutter aus den 60er Jahren – gedanklich laufend Bezüge zur IT-Branche herstellte. In dem vergilbten Büchlein stand beispielsweise zu lesen:

„Obwohl auf dem Gebiet des Fernmeldewesens in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht worden sind, bedarf es nach wie vor einer Unzahl von Wörtern, um ein Lächeln zu ersetzen.“

Das Poesiealbum braucht ein Update

So zeitlos sind Poesiealbumsprüche also doch nicht, denn kaum vergehen 40 Jahre, ist diese Lebensweisheit nicht mehr so ganz korrekt. Zunächst einmal ist der Ausdruck „Fernmeldewesen“ inzwischen so antiquiert wie Omas kohlebetriebener Bettwärmer aus Gusseisen. Heutzutage spricht man von IP-Telefonie, VoIP oder von Unified Communications (UC). Betrachtet man den kompletten Bereich der synchronen Kommunikation – worauf Telefonieren letztlich hinaus läuft – sind alle Formen von Chatfenstern auf dem Vormarsch. Langsam aber sicher werden sie sogar zu einem fest eingebauten Standardtool in Entwicklungsumgebungen.

Smiley ist gut drauf

Und jetzt kommt der Punkt, warum sich der genannte Poesiealbumspruch selbst überholt hat: Das Lächeln als emotionaler Ausdruck oder als augenzwinkerndes Relativieren des Gesagten ist hier nicht mehr wegzudenken. Und es braucht auch keine „Unzahl von Wörtern“ mehr, um ihm Gestalt zu geben, sondern nur drei Satzzeichen:

:-)

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr zur tragischen Historie des Emoticons und der neuen emotionalen Bandbreite der Dauergrinser.

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