26.10.11 | Redakteur: Harry Jacob
Wer hätte das gedacht: Amazon, der Branchenprimus im Online-Handel, schlittert geradewegs in die roten Zahlen. Ein Gewinnrückgang um 73 Prozent im dritten Quartal ist erst der Anfang. Bis Jahresende kann es noch viel schlimmer kommen.
Vor einer Woche noch hatte die Ratingagentur Merrill Lynch das Kursziel für Amazon-Aktien von 255 auf 260 US-Dollar angehoben. Aktuell steht der Kurs bei 204 Dollar, mehr als zehn Prozent im Minus an einem einzigen Tag. Denn die Zahlen für das dritte Quartal haben Anleger und Martexperten geschockt – keine Spur von starken Umsätzen und Gewinnen, die Merrill-Lynch-Analyst Justin Post erwartet hatte.
Ganz im Gegenteil. Der Gewinn von Amazon ist um 73 Prozent auf 63 Millionen eingebrochen. Die Gewinnmarge geht damit gegen null, denn der Betrag ist angesichts eines Umsatzes von 10,88 Milliarden Dollar verschwindend gering. Auch bei den Einnahmen enttäuschte Amazon die Analysten: Sie hatten mit rund 10,95 Milliarden gerechnet.
Als Begründung für den Gewinneinbruch nannte Amazon die starke Wettbewerbssituation, die auf die Margen drückt, und die Kosten für die Entwicklung eigener Produkte – allen voran der kürzlich vorgestellte E-Book-Reader, von der Süddeutschen Zeitung sogleich vom iPad-Killer zum „Sorgenkindle“ degradiert. Angesichts des niedrigen Preises von 199 Dollar glaubt niemand, dass Amazon damit wirklich Geld verdient, trotz der millionenfachen Vorbestellungen.
Experten nennen als wichtigsten Konkurrenten von Amazon die Handelsplattform eBay, die dank ihres hauseigenen Zahlungsdienstleisters Paypal im abgelaufenen Quartal beim Umsatz um 32 Prozent zulegen konnte. Amazon schaffte sogar 44 Prozent, aber eben nur Dank Kampfpreisen, die zu Lasten des Gewinnes gehen.
Extrem unsicher sind die Aussichten für das vierte Quartal, das angesichts des Weihnachtsgeschäftes das wichtigste Quartal für Amazon und viele andere E-Tailer ist. Die Umsatzprognose des Unternehmens schwankt zwischen 16,34 und 18,65 Milliarden Dollar. Je nachdem, welchem der beiden Werte sich die tatsächlichen Erlöse annähern, soll sich das Quartalsergebnis dann zwischen einem Gewinn von 250 Millionen und einem Verlust von 200 Millionen Dollar bewegen.
Von den Börsianern wird dieser Ausblick so interpretiert, dass die Marge bei +/- 0 liegen wird. Sie straften die Aktie dementsprechend ab: zwischenzeitlich verlor sie bis zu 14 Prozent an Wert.
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