Eckpunkte der Blackberry-Misere: Operativer Verlust, übervolle Lager, weitere Abgänge hoher Manager

RIM-Chef muss weitere Hiobsbotschaften verkünden

30.05.12 | Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Harry Jacob / Harry Jacob

Thorsten Heins, CEO von Research in Motion (RIM), muss neue Hiobsbotschaften verkünden.
Thorsten Heins, CEO von Research in Motion (RIM), muss neue Hiobsbotschaften verkünden.

Zwei Monate nach der Ankündigung einer neuen Unternehmensstrategie muss RIM-Chef Thomas Heins eingestehen, dass die Lage sich nicht so schnell bessern lässt wie erwartet. Entlassungen in erheblichem Umfang seien nötig. Außerdem holt sich RIM zwei Investmentbanker als Berater ins Haus – was Verkaufsgerüchte schürt.

Einen erheblichen Wandel des Blackberry-Herstellers hatte RIM-CEO Thomas Heins Ende März angekündigt. Damals musste Research in Motion erstmals einen Bilanzverlust melden, der unter anderem auf Abschreibungen auf Lagerbestände zurückzuführen war. Nun tritt Heins mit neuen Hiobsbotschaften an die Öffentlichkeit. Im laufenden Quartal werden erstmals auch im operativen Geschäft rote Zahlen geschrieben. Für Investoren ein Alarmsignal, das einen neuen Kurssturz der RIM-Aktie auslöste. Zeitweise lag das Papier unter 10 Dollar – innerhalb eines Jahres wurden rund 75 Prozent des Unternehmenswertes vernichtet.

Gründe der Misere

Wie das Unternehmen mitteilte, sind die Lagerbestände noch weiter angestiegen, im laufenden Quartal um fast 400 Millionen Dollar auf über eine Milliarde. Den Geräten fehlen Multimedia-Funktionen, zudem hat RIM zu lange auf Tastaturbedienung gesetzt, während die Konkurrenz mit Touchscreens Erfolge feiert. Nun liegen die Blackberrys wie Blei in den Regalen.

Heins freute sich zwar, dass die Zahl der Blackberry-Nutzer auf 78 Millionen gewachsen ist, dies bedeutet aber einen der geringsten Wachstumsraten in der Firmengeschichte. Zudem wächst die Nutzerschar hauptsächlich in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo eher niedrigpreisige Geräte abgesetzt werden.

In Deutschland ist nach jüngsten Zahlen von Comscore der Marktanteil auf drei Prozent gefallen – Tendenz weiter abnehmend. Im November 2010 hatten Blackberrys noch einen Marktanteil von 4,8 Prozent, im November 2009 sogar noch 6,1 Prozent. In nur 30 Monaten hat sich der Marktanteil hierzulande halbiert. Weltweit sieht es nicht anders aus: Innerhalb eines Jahres sei der Marktanteil laut Gartner von 13 auf 6,9 Prozent geschrumpft.

Hoffnungsträger Blackberry 10

Besserung ist zudem nicht in Sicht: RIM setzt zwar große Hoffnungen auf die neue Plattform Blackberry 10. Diese sei auch von den Teilnehmern der BlackBerry World Conference im Mai – Entwicklern wie Vertriebspartnern – „enthusiastisch“ aufgenommen worden. Jedoch kommen die Geräte erst gegen Ende des Jahres, so dass noch mindestens zwei schwere Quartale vor Heins liegen.

Und dass die Blackberry-10-Plattform ein Erfolg wird, ist noch lange nicht ausgemacht: auch das iPhone 5 von Apple wird für den kommenden Herbst erwartet, außerdem will Microsoft im Oktober mit Windows 8 starten. Dann kommen eine Reihe neuer Tablets und Smartphones auf den Markt, sicherlich begleitet von einer großen Marketingkampagne.

Ausweg gesucht

Der RIM-Chef kündigte an, dass es erhebliche Einschnitte geben soll und die Kosten um eine Milliarde pro Jahr gesenkt werden sollen. Details dazu soll es allerdings erst zur Vorstellung der nächsten Quartalszahlen am 28. Juni geben. „Kostensenkung“ heißt vor allem Entlassungen. Da Heins selbst keine Zahlen nannte, überschlagen sich nun die Spekulationen: von 2.000 über 3.000 bis hin zu gar 6.500 entlassenen Mitarbeitern werden von verschiedenen Medien gemeldet. Anfang März hatte RIM noch 16.500 Beschäftigte. Während man quer durch das Unternehmen Mitarbeiter reduziere, werde man in allen Abteilungen, die mit dem Launch von Blackberry 10 befasst sind, das Personal verstärken, kündigte Heins an. Das schließe auch die Betreuung der Entwickler-Community ein.

Im Management geht derweil der Exodus weiter. Vorige Woche nahm Patrick Spence, verantwortlich für den weltweiten Vertrieb, seinen Hut. Er hatte 14 Jahre lang in den Diensten von RIM gestanden. Nun schied auch die Chefin der Justizabteilung aus, die ebenfalls schon mehr als zehn Jahre im Unternehmen war.

Doch Heins konnte inzwischen auch neue Führungspersönlichkeiten für den angeschlagenen Hersteller gewinnen. Als COO soll künftig Kristian Tear fungieren, ein ehemaliger Manager von Sony Mobile. Vom Breitband-Provider LightSquared kommt Frank Boulben.

RIM vor einem Verkauf?

Die Investmentbanken J.P. Morgan Securities LLC und RBC Capital Markets hat der RIM-Chef als Berater engagiert. Sie sollen den Unternehmenswandel begleiten und das Management beraten, um alle möglichen strategischen und operativen Optionen zu durchleuchten. Neben den von Heins angesprochenen Partnerschaften und Lizenzierungsabkommen sehen Branchenexperten auch einen Verkauf des Unternehmens als mögliche Option, die Heins hinter der nebulösen Formulierung „alternative strategische Geschäftsmodelle“ versteckte.

Wie inzwischen Bekannt wurde, hatte RIM bereits vor einem Jahr Verkaufsgespräche mit Amazon, Microsoft und verschiedenen Investmentgesellschaften geführt. Das alte Management konnte sich aber anscheinend nicht zu einem Abschluss durchringen.

Nun gibt es neue Gerüchte, Facebook könnte RIM kaufen. Das soziale Netzwerk hatte erst kürzlich bekanntgegeben, dass es künftig mit eigenen Geräten auf den Markt gehen will um die Schwäche im Markt für mobile Werbung grundlegend auszumerzen.

Angesichts des Aktienkurses, der auf dem Niveau des Jahres 2004 liegt, gilt RIM unter Marktexperten als günstiger Übernahmekandidat. Ein Aktienkurs von um die 10 Dollar, wie er im Moment erzielt wird, sei allein schon durch das umfangreiche Patentportfolio gerechtfertigt.


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