Stimme aus dem Handel

Dolchstoß ohne Legende

| Autor / Redakteur: Achim Heisler, Inhaber A-H-S Computer / Harry Jacob

Achim Heisler ist Geschäftsführer des Systemhauses A-H-S.
Achim Heisler ist Geschäftsführer des Systemhauses A-H-S.

Eine ganz persönliche Interpretation des Microsoft-Geschäftsmodells – aus der Sicht eines Systemhausinhabers auf das angekündigte Auslaufen des Tech-Net-Abos, das der Software-Riese Microsoft seinen Partnern angekündigt hat.

Fast wäre es passiert, denn ich war kurz davor, Microsoft zu loben. Sicherlich ein etwas verhaltenes Lob, da die Nadelstiche in des Partners Rücken mit dem Ende der Tech@Night ihren Anfang nahmen. Das Format der Tech@Night wurde jetzt (hoffentlich dauerhaft) wiederbelebt und fand großen Anklang.

Aber dann bekam ich eine Mail, die mir spontan die Laune verdorben hat. Wieder einmal hat Microsoft etwas festgestellt, was ich nicht nachvollziehen kann. Laut Microsoft wurde „in den letzten Jahren beobachtet, dass kostenlose Evaluierungsmöglichkeiten und -ressourcen im Gegensatz zu bezahlten Angeboten für die Nutzer immer wichtiger werden und stärker nachgefragt werden.“

Leistungen gestrichen

Und diese Erkenntnis bringt Microsoft dazu, das Tech-Net-Abo abzukündigen. Die Nadelstiche begannen mit der Schrumpfkur des Action-Packs in Form und Inhalt. Nachdem dort nur noch eine Miniauswahl an Lizenzen vorhanden war, buchten wir treuen Microsoft-Partner noch das Tech-Net-Abo hinzu und konnten somit wieder ruhiger schlafen. Bereits im letzten Jahr kam Microsoft auf die komische Idee, daß das Tech-Net wohl überladen sei, und man entfernte die älteren Softwareversionen aus dem Portfolio. Dann wurde die Anzahl der Lizenzschlüssel arg eingedampft. Und nun als Highlight wird das Abo ganz gestrichen.

Wir sind die Fachhändler und Berater, die große Demolabs unterhalten, um die Landschaften unserer Kunden abbilden zu können und Tests in realitätsnahen Umgebungen durchzuführen. Ich soll also jetzt alle drei bis sechs Monate die kompletten Landschaften mit Demolizenzen neu aufsetzen? Wenn Microsoft in unserem Verbund (etwa 90 Fachhändler und Systemhäuser) einmal gefragt hätte, dann wären sie sicher zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Als Alternative wird auf die MSDN-Subscription verwiesen, die aber weitaus teurer ist und wohl nach bisheriger Aussage auch eine andere Zielgruppe hat.

Fortsetzung zu befürchten

Die nächsten Schritte ab 2014 werden dann wohl die Einstellung der Tech-Net-Foren und die Beschneidung der MSDN-Inhalte sein (bei gleichzeitiger Verdopplung des Preises). Aus operationaler Sicht könnte man das Vorgehen einfach für dreist halten oder als weiteren Schlag ins Gesicht der treuen Abonnenten.

Aus strategischer Sicht passt es leider in das Gesamtkonzept aus dem Hause Microsoft. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen wird der Fachhändler als Auslaufmodell betrachtet. Grobes Ziel ist es, dem Endkunden im Direktvertrieb ein Mietmodell zu verkaufen. Auf dem Weg dorthin stört der Fachhandel nur. In diesem Fall ist Microsoft aber kein Early Adaptor, denn Adobe hat gerade den Schritt schon sehr konsequent vollzogen.

Microsoft zwingt uns nun in einen Zwei-Fronten-Krieg. Und wenn wir aus der Historie etwas gelernt haben, dann dass es für den in die Zange genommenen selten gut ausgeht. An der einen Front sehen wir ohne Ende Cloudangebote mit subventionierten Preisen und Leistungen, gegen die kein Fachhändler langfristig (und damit meine ich fünf bis zehn Jahre) agieren kann. An der zweiten Front werden uns nun die Mittel verweigert oder extrem verteuert, mit denen wir den Mehrwert gegenüber den Cloudlösungen erstellen oder erhalten können.

Umorientierung nötig

Wie können wir uns also aus dieser Situation befreien? Darauf zu bauen, das Microsoft einsichtig ist und diese Entscheidung rückgängig macht, ist wohl in nächster Zeit ebensowenig zu erwarten wie die Entwicklung der kalten Fusion oder der Elektroantrieb mit großer Reichweite. Da wir uns aber von den Backoffice-Produkten von Microsoft nicht so einfach lossagen können (sie machen 90 Prozent unserer Kundeninfrastruktur aus), werden wir wohl in den sauren Apfel beißen und auf ein MSDN-Abo gehen, wenn das aktuelle Tech Net ausgelaufen ist.

Nach den von mir oben getätigten Einschätzungen kann aber auch dies nur eine Zwischenlösung sein. Wir werden in den nächsten Jahren versuchen, unsere Tätigkeiten noch mehr in den Bereich der (plattformunabhängigen) Prozessberatung zu verlegen.

Absehbare Geschichte

Auch wenn ich im Moment nichts gegen das Vorgehen von Microsoft ausrichten kann (außer diesen Artikel zu verfassen), so merke ich mir doch was passiert ist. Und sollte die schöne neue Cloud-Welt sich als Dauerregentief entpuppen, dann würde Microsoft bei der reumütigen Rückkehr zum Fachhandel schon einiges an Kreide fressen müssen. Heerscharen von PR-Profis werden wieder damit beschäftigt sein, den Dolchstoß in eine Legende zu verwandeln.

Kommentare werden geladen....

Sie wollen diesen Beitrag kommentieren? Schreiben Sie uns hier

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 40537740 / Aktuelles & Hintergründe)