Wer einmal lügt,...

Der VW-Skandal und seine Folgen

| Autor / Redakteur: Achim Heisler / Marisa-Solvejg Metzger

Der VW-Skandal wird auch den kleinen Unternehmen am Ende der Nahrungskette wehtun, ist sich Achim Heisler sicher.
Der VW-Skandal wird auch den kleinen Unternehmen am Ende der Nahrungskette wehtun, ist sich Achim Heisler sicher. (Bild: © angor75 - Fotolia)

Achim Heisler, unsere Stimme aus dem Channel, hat den VW-Skandal unter die Lupe genommen. Denn er ist sich sicher: Der Bärendienst, den uns die Manager, Ingenieure und Entwickler von VW und Bosch erwiesen haben, kann in der Schadenswirkung für uns nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Auch wenn in den USA bei den angedrohten Strafzahlungen erster Instanz viel heiße Luft ist, bleiben veritable Belastungen durch den VW-Skandal übrig, die wehtun werden. Da sind einerseits die direkten wirtschaftlichen Folgen für die beteiligten Konzerne: Die Nachbesserungen, Neuentwicklungen und Marketingkampagnen werden Milliardensummen verschlingen. Besonders heikel wird es natürlich dadurch, dass der Betrug in den USA aufgeflogen ist. VW kann sich nun gerne einmal von Kollegen aus anderen, etwa der Öl- und Pharma-Branchen, die potentiellen Schadensersatzforderungen vorrechnen lassen. Könnte man in der ersten Ebene noch sagen, dass VW es ja verdient hätte, werden die Folgen auch die Beteiligten der Zulieferkette treffen. Zulieferer, IT und Logistiker werden durch die weitergeleiteten Kosten direkt belastet werden und in dem unsichereren Marktumfeld mit Folgen rechnen müssen. Gerade die kleineren Unternehmen am Ende der Nahrungskette werden dies heftig zu spüren bekommen.

Indirekte Kosten für die Volkswirtschaft

Dies ist aber nichts im Vergleich zu den indirekten Kosten für unsere Volkswirtschaft. Der gute Ruf eilt der deutschen Industrie und den Ingenieuren noch immer voraus. Mit einem solchen Vorschlaghammer - wie ihn VW jetzt ausgepackt hat - kann man in kurzer Zeit mehr zerstören, als es der gesamten internationalen Konkurrenz bisher möglich war. War bisher der deutsche Ruf ein Mehrwert, könnte dieser nun sogar gegen uns verwendet werden. Keinem chinesischen oder amerikanischen Mitbewerber hätte man ein größeres Geschenk machen können.

Weitere Betrugsvorwürfe

Aber leider ist es nicht der einzige Betrug in der Industrie: Mittlerweile liegt die Diskrepanz zwischen Normverbrauch und der Realität teilweise bei über 40 %. Wenn Sie versuchen, sich dagegen zu wehren, wird Ihnen ganz schnell die Gemengelage der Interessen zwischen Politik, Autolobby und Justiz deutlich und dann werden Sie begreifen, wieso Ihre Erfolgsaussichten so gering sind. Oder wissen Sie, wie die Reichweite von Elektrofahrzeugen ermittelt wird? Dann wäre Ihnen bewusst, dass diese unter Realbedingungen im Winter reine Theorie sind. Doch ist es nur die Autoindustrie, die uns täglich über den Tisch zieht?

Nein, denn seit Jahren besteht der Verdacht, dass Grafikkartentreiber auf Benchmarks optimiert werden. Ebenso sind die angegebenen Reichweiten der Toner-/ Druckerpatronen teilweise wohl nur bei weißer Schrift auf weißem Grund zu erreichen. Doch: Sind irgendjemandem Konsequenzen aus diesem sehr kreativen Umgang der Hersteller mit Zahlenmaterial bekannt? Lassen sich solche Manipulationen überhaupt verhindern? Nein, aber man sollte sie nicht auch noch durch eine zahnlose Judikative fördern. Wie fast immer werden die Folgekosten solcher aufgeflogenen Marketing-Eskapaden sozialisiert.

Mir sind strafrechtliche Konsequenzen in unserem Rechtssystem unbekannt, da es unendlich schwer ist, die Betrugsabsicht aufgrund der momentanen Gesetzeslage im Einzelfall nachzuweisen. Schwache Politik, beziehungsweise starke Lobbyvertretung, die eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen erfolgreich zu verhindern wissen, bilden die Grundlage für die Gesetzgebung. Solange sich hier nichts ändert, befürchte ich eine fatale Fortführung der Fehler bei den wichtigen Zukunftsthemen wie Industrie 4.0 oder IoT (Internet of Things).

Eine gewisse Grundhürde wären sicherlich strafrechtliche Konsequenzen mit langen Verjährungsfristen für die Beteiligten der Prozesskette. Gerade in den oberen Etagen liegt das maximale private Risiko wohl oftmals nur in einer geringeren Abfindung. Man darf aber nicht vergessen, dass die Beteiligten natürlich auch unter Druck stehen und den kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg höher als das Risiko einschätzen. Ändert sich an der persönlichen Risikoeinschätzung nichts, werden die kurzfristigen Erfolgsaussichten immer die Oberhand gewinnen. In dem gegebenen politischen Umfeld werden Veränderungen, auch wenn Sie aus der zweiten Reihe etwas lauter als sonst gefordert werden, wieder einmal Wunschdenken bleiben. Am Ende wird es selbst bei einem solchen Betrug wie bei VW für die meisten Beteiligten wieder viel Rauch um nichts geben.

Wir alle sollten gerade für unsere Branche erkennen, dass erst Entwickeln und dann über die Konsequenzen nachzudenken, nicht immer der richtige Weg ist. Mit großer Sorge muss ich erkennen, dass selbst große Strategieberatungen leider alles der „time-to-market-Geschwindigkeit“ opfern würden und sich dort blind in den Strudel des kurzfristigen Marketing- und Sales-Erfolges ziehen lassen.

Wenn wir schon die negativen Folgen nicht abfedern können, dann sollten wir uns wenigstens wieder auf unsere Tugenden konzentrieren und mit innovativer, verlässlicher, deutscher Ingenieurskunst die Kunden im In- und Ausland von „Made in Germany“ überzeugen.

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